Marianne Nathan wurde am 13.3.1858 in Berlin geboren. Ihre Eltern Robert und Rosalie waren jüdischen Glaubens. Drei Brüder und eine Schwester gehörten zur Familie. Der Vater war im kaufmännischen Bereich tätig. Da weitere Geschwister in Polen und England geboren wurden, ist anzunehmen, dass sich der Wohnsitz der Familie zeitweise im Ausland befand.
Am 16.12.1886 heiratete Marianne den jüdischen Kursmakler Georg Felix Brach, der am 5.4.1858 in Berlin geboren worden war. Ehemann Georg Felix war ein amtlich bestellter Börsenmakler, der u.a. an der Berliner Börse mit ihm anvertrauten Wertpapieren handelte. Seine Geschäftsadresse war in der Burgstraße 26. Als Familiensitz wurde eine Villa in der Annastr. 1 in Berlin-Lichterfelde Ost ausgewählt. Die Familie lebte im Wohlstand und Marianne Brach konnte sich ganz der Haushaltsführung beziehungsweise repräsentativen Aufgaben widmen.
Sechs Kinder wurden in dieser Ehe zwischen 1887 und 1900 geboren. Ehemann Georg Felix war musikbegeistert und es befand sich ein Flügel im Haus, an dem Tochter Edith ihre ersten Übungen spielte und sich in späteren Jahren an diesem Instrument als Sängerin begleiten ließ. Es waren glückliche und erfolgreiche Jahre für Familie Brach in Lichterfelde-Ost. Die Kinder konnten unbeschwert erwachsen werden, waren beruflich erfolgreich und gründeten eigene Familien. Tochter Edith heiratete 1914 den erfolgreichen Unternehmer Simon Braun.
Am 17. April 1931 verstarb Ehemann Georg Felix Brach. 44 Jahre hatten die Eheleute gemeinsam leben dürfen. Nun kam die große Wende im Leben von Marianne Brach. Mit 63 Jahren wurde sie Witwe. Ehemann Georg Felix hatte für sie gut vorgesorgt. Ein Wertpapierdepot sicherte ihren Lebensabend und sie konnte die Familienvilla weiter bewirtschaften.
Bereits kurz nach der Machtübertragung an die Nationalsozialisten wurden diverse Straßennamen auch in der Reichshauptstadt Berlin geändert. Aus der Annastr.1 wurde die Hartmannstr. 35.
Das bis hierhin für die Familie Brach geregelt verlaufende Leben veränderte sich in den folgenden Jahren dramatisch. Unschuldig wurden Marianne Brach, Tochter Edith und Schwiegersohn Simon Opfer des deutschen Antisemitismus.
Im Zuge der Reichspogromnacht 1938 wurden Simon Braun und Tochter Edith zum zwangsweisen Verkauf ihres Modegeschäftes und ihrer Familienvilla in der Herwarthstr. 12a genötigt. Im April 1939 zogen sie deswegen mit einem Teil ihres verbliebenen Mobiliars in die Hartmannstr. 35 ein und bewohnten die 1. Etage des Elternhauses von Edith. Zu diesem Zeitpunkt hatten Edith und Simon bereits Vorbereitungen für ihre Emigration getroffen. Dazu kam es jedoch nicht mehr.
Am 27.5.1942, gegen 21.00 Uhr, wurde Simon Braun von der Gestapo in der Hartmannstr. 35 festgenommen und ins KZ Sachsenhausen verschleppt. Er wurde nach einem Brandanschlag der jüdischen Widerstandsgruppe um Herbert Baum von der SS im Zuge brutaler Vergeltungsmaßnahmen als eine von 250 jüdischen Geiseln ausgewählt. Alle 250 Männer wurden am 28.05.1942 in Sachsenhausen erschossen. Wenig später wurde Simons Ehefrau Edith am 5.6.1942 in das Ghetto Theresienstadt verschleppt.
Ab November 1941 hatten die Nationalsozialisten begonnen, die aus Böhmen und Mähren stammenden Jüdinnen und Juden in die ehemalige Festung Theresienstadt zu deportieren. Ab 1942 wurden die Deportationen auf das gesamte Reichsgebiet ausgeweitet. Zunächst wurden vor allem ältere Menschen mit den sogenannten „Alterstransporten“ nach Theresienstadt verschleppt.
Im September 1942 wurde Marianne Brach für den Transport I/65, Zug Da 514, eingeteilt. 1000 Personen fuhren zwangsweise mit diesem Zug von Berlin nach Theresienstadt. Den zur Deportation eingeteilten Jüdinnen und Juden wurde befohlen, selbst im Sammellager Große Hamburger Straße zu erscheinen, oder sie wurden von der Gestapo und zur Kollaboration gezwungenen Mitgliedern des Berliner Judenrates mit Lastwagen von zu Hause abgeholt. Vermutlich wurde Marianne am 13.9.1942 von ihrem Wohnhaus in das Sammellager Große Hamburger Straße überführt.
Ihre bewohnten Zimmer im Haus Hartmannstr. 35 wurden versiegelt und die Wertgegenstände später durch einen Gerichtsvollzieher verwertet. Wer noch weiter im Haus wohnte oder danach einzog, ist nicht mehr nachzuvollziehen. Die Hausangestellte Frau Casparius blieb nach eigenen Angaben bis zum 28.1.1943 im Haus wohnen, tauchte danach unter und überlebte die Shoah. Das Haus Hartmannstr. 35 wurde im 2. Weltkrieg durch Luftangriffe zerstört. Spätestens im Sammellager Große Hamburger Straße wurde Marianne Brach genötigt, eine Erklärung zu unterzeichnen, in der sie den Staat ermächtigte, ihr noch verbliebenes Vermögen einzuziehen. Zuvor hatte sie einen sogenannten „Heimeinkaufsvertrag“ mit der „Reichsvereinigung der Juden“ schließen müssen. Dieser Vertrag war unter Druck geschlossen worden und diente zum Abgreifen von Vermögenswerten zugunsten der deutschen „Volksgemeinschaft“ und zugleich zur Ruhigstellung der älteren Menschen vor dem „Reiseantritt“. Der Transport in das Ghetto fuhr vom Bahnhof Putlitzstraße ab und erreichte Theresienstadt am 15.9.1942.
Nur zehn Tage nach ihrer Festnahme verstarb Marianne Brach am 24.9.1942 im Ghetto Theresienstadt. Es ist davon auszugehen, dass sich Mutter und Tochter im Ghetto begegnet sind. Vielleicht konnte Edith in der Sterbestunde, gegen 15.00 Uhr, bei ihrer Mutter sein. Die in der Todesfallanzeige benannten Wohnräume Q304 und Q316 lassen es vermuten, da sie in räumlicher Nähe zueinander lagen.
Die hygienischen, medizinischen und Ernährungsbedingungen waren im Ghetto entsetzlich und darauf ausgelegt, das Leben der Inhaftierten so schnell wie möglich zu beenden. Einfach durch Unterlassung der notwendigen Versorgung. Für ältere Inhaftierte bestand kaum eine Chance zum Überleben. Dass drei Ärzte den Tod bescheinigt hatten, täuscht darüber hinweg, dass der aufopferungsvollen Ärzteschaft nicht genügend Medikamente und Nahrungsmittel zur Verfügung standen. Die Großdeportationen aus dem Reich im Sommer 1942 führten zur Überfüllung des Ghettos. An den ausgebrochenen Krankheiten und Seuchen starben in den Sommermonaten 1942 ca. 10.000 Gefangene.
Tochter Edith verblieb bis zum 9.10.1944 in Theresienstadt und wurde anschließend in Auschwitz -Birkenau ermordet. Die Geschwister und weiteren Kinder von Marianne Brach überlebten die Shoah. Nach dem 2. Weltkrieg stellten sie als Erbengemeinschaft Anträge auf Wiedergutmachung bzw. Rückübertragung. Einige von ihnen verstarben tragischerweise bereits vor dem Vergleich. Die Verfahren wurden erst durch richterliche Klärung im Jahr 1966 abgeschlossen. Die Nachkommen von Marianne leben heute in den USA, Brasilien und Israel.
Alle Texte und Bilder auf dieser Webseite sind urheberrechtlich geschützt und dürfen nicht ohne Erlaubnis des/r Rechteinhaber*in verwendet werden.