- Verlegeort
- Schlüterstr. 31
- Bezirk/Ortsteil
- Charlottenburg
- Verlegedatum
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06. Mai 2024
- Geboren
- 17. Januar 1886 in Neuruppin
- Deportation
- am 09. September 1942 nach Theresienstadt
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Überlebt
Käthe Else Blumenfeld kam am 17. Januar 1886 in Neuruppin als Tochter des Kaufmanns Hermann Blumenfeld und seiner Frau Cäcilie, geborene Meyer, zur Welt.
Käthe hatte zwei ältere Brüder, Walter, der ein renommierter Psychologe wurde, und Fritz, später Anwalt und Notar in Berlin. Hermann Blumenfeld zog um die Jahrhundertwende in die Hauptstadt. Er war Ziegeleibesitzer und Mitinhaber der um 1875 gegründeten Firma „H. Herzberg, Stein- und Kohlenhandlung en gros“ mit Sitz in der Joachimsthaler Straße 7/8. Dies war auch die Wohnadresse der Familie Blumenfeld.
Die Ziegelei befand sich in Marienthal. An ihr war auch Blumenfelds Kompagnon Hermann Herzberg bzw. dessen Witwe beteiligt. Ein weiterer Gesellschafter der Firma „H. Herzberg“ war Gustav Mayer, Ehemann von Johanna Jacobsohn und späterer Schwager von Käthe, der seit 1901 auch seine eigene Firma „Mayer & Co, Mauersteine“ hatte. An dieser war wiederum Hermann Blumenfeld beteiligt. Die Ziegeleien „Jacobsohn sen.“, „Herzberg“ und „Blumenfeld & Herzberg“ lagen alle im Umfeld von Zehdenick. Für alle drei galt als Büroadresse die Joachimsthaler Straße 7/8 in Berlin. Die Firmen „H. Herzberg“ und „Gustav Mayer & Co“ waren offenbar für den Vertrieb der Ziegeleierzeugnisse zuständig. Gut möglich, dass Käthe ihren späteren Ehemann Emanuel Emil Jacobsohn über Geschäftsbeziehungen ihrer Eltern oder Emils Schwager kennen lernte.
Die Hochzeit des Paares fand am 5. Januar 1905 statt.
Das junge Paar bezog gleich nach der Heirat eine Wohnung in der Schlüterstraße 31 (vor der Umnummerierung 1911 noch Nr. 28). Am 10. Mai 1906 brachte Käthe eine Tochter zur Welt, die sie Margarete Charlotte nannten. Sie starb jedoch in ihrem vierten Lebensjahr. Ilse, die zweite Tochter, wurde im Dezember 1910 geboren. Schließlich bekamen sie im Januar 1913 noch Anni.
Emanuel Emils Vater Eduard Jacobsohn verstarb 1910. In seinem Testament hatte er festgelegt, dass die Firma mit seinem Namen in Familienbesitz bleiben sollte. Emil führte sie weiter, 1915 wurde auch sein Bruder Paul Gesellschafter. Käthe erhielt Prokura und übernahm damit große Verantwortung für das Unternehmen. Das Geschäft lief gut, Emil und Paul kauften weitere Firmen auf, wie bspw. die „Alfred Preussen Nachf.“, die sie ihrer Firma einverleibten. Sie beschäftigten bis zu 300 Arbeiter und Angestellte. Das Grundstück in der Landwehrstraße (heute existiert die Landwehrstraße nicht mehr, sie fiel 1967 der Bebauung zwischen Katharinen- und Mollstraße zum Opfer), auf dem in den Hinterhöfen die Fabrik stand, umfasste drei Wohnhäuser, Landwehrstraße 11-13, was einige Mieteinnahmen brachte. Mit zunehmender Mechanisierung der Produktion wurden nach und nach Räume im Fabrikgebäude frei, die an andere Firmen vermietet wurden.
Käthe ihrerseits erbte nach dem Tode ihres Vaters 1912 mit ihren Brüdern Walter und Fritz Hermann Blumenfelds Beteiligung an der Firma „H. Herzberg“, die die Ziegeleien „Herzberg“ und „Blumenfeld & Herzberg“ mit einschloss. Käthes Anteil betrug 15 % dieses Betriebs. Um die Geschäfte kümmerten sich die Brüder und Gustav Mayer mit seinem Sohn Herbert. Zu dem guten Einkommen Emils kamen also noch beträchtliche Einnahmen aus Käthes Erbe. Die Familie führte ein großes Haus mit viel Personal, und jährlich konnten sie Vergnügungsreisen unternehmen. Sorgen bereitete aber die Tochter Anni, die seit dem achten Lebensjahr an einer schweren Blutkrankheit litt.
Mit Beginn der staatlichen Diskriminierung von Jüdinnen und Juden im Nationalsozialismus fielen zwar einige Kunden der Firma „Eduard Jacobsohn“ fort. Insgesamt aber lief der Betrieb vorerst gut weiter, vermutlich dank seines herausragenden Rufes. Auch die Ziegeleien und der Mauersteinvertrieb der Firma „H. Herzog“ hatten zunächst nur geringe Einbußen zu verzeichnen, da gerade in dieser Zeit viel Baumaterial benötigt wurde.
1938 jedoch bekamen die Besitzer beider Firmen die Auflage, ihre Betriebe und Grundstücke an Nichtjuden zu verkaufen. Dies gestaltete sich in beiden Fällen als kompliziert und langwierig, da Betriebsteile getrennt verkauft werden mussten. So wurde z.B. die Firma „Eduard Jacobsohn“ an einen Herrn Bleymüller, das Grundstück Landwehrstraße 11-13 aber an einen Herrn Haase verkauft. Auch wurden bereits geschlossene Verträge mitunter von den NS-Behörden nicht genehmigt und man musste einen neuen Käufer suchen. Die Verkaufssummen waren, wie nach dem Krieg festgestellt wurde, weit unter Wert festgelegt. Teilweise wurden sie nie vollständig bezahlt. Zudem mussten die Überweisungen auf ein Sperrkonto erfolgen und das Geld gelangte – wie so oft – nie in die Hände der jüdischen Verkäufer. Außerdem klagten die Mieter der Landwehrstraße auf Schadenersatz wegen einer defekten Heizung, eine Klage, die der neue Besitzer an Emil und Paul Jacobsohn weiterreichte und die sich über Jahre hinzog.
Detaillierte Informationen zum Leben der Familie finden sich in der Biographie von Emil Jacobsohn.
Die Beträge, über die die Jacobsohns unter den Nationalsozialisten von ihren Konten verfügen konnten, waren gering bemessen. Daher war die Familie gezwungen, Einrichtungsgegenstände zu verkaufen. Hinzu kamen die Kosten für Annis Behandlung. Eine Milzoperation hatte keine Besserung gebracht. Es gelang Emil und Käthe, Anni im Juli 1939 nach Lima zu ihrem Onkel Walter Blumenfeld zu schicken, in der Hoffnung, dass sie dort besser versorgt wäre. Walter Blumenfeld hatte seit 1913 an der Technischen Hochschule Dresden gelehrt, war aber 1934 als Jude entlassen worden und bereits 1935 nach Peru emigriert. Auch die Tochter Ilse hatte früh, schon 1933, Deutschland verlassen und sich in Frankreich niedergelassen. Nach dem Einmarsch der Deutschen war sie dort in den Untergrund gegangen.
Am 1. September 1942 – der Schadensersatzprozess lief noch – erhielt Emil ein Schreiben der Jüdischen Kultusvereinigung mit der Ankündigung seiner für den 9. September „behördlich angeordneten Abwanderung“ nach Theresienstadt. Am 7. September werde seine Wohnung versiegelt, er und Käthe hätten sich bereit zu halten, sie würden in das Sammellager Große Hamburger Straße 26 gebracht. Vorher sollten sie ihr Gepäck (1 Koffer, 1 Rucksack) bei der Kleiderkammer Pestalozzistraße 14/15 abgeben.
Im Sammellager mussten sie, gleich am 7. September, eine 16-seitige „Vermögenserklärung“ ausfüllen. Tags darauf erhielten sie die Verfügung, dass ihr gesamter Besitz „eingezogen“ worden sei. Da hatte es nur noch symbolischen Charakter, dass sie am 9. September, dem Tag der Deportation , zu einem „Heimeinkaufsvertrag“ gezwungen wurden. Solche Verträge mussten auf Geheiß der Gestapo deutsche Juden, die in das „Altersghetto“ Theresienstadt deportiert werden sollten, mit der Reichsvereinigung der Juden in Deutschland schließen. Darin verpflichtete man sie auf hohe Vorauszahlungen und Abgaben, in Emil und Käthe Jacobsohns Fall fast 170.000 Reichsmark. Das Geld sollte auf ein „Sonderkonto H“ auf den Namen der Kultusvereinigung überwiesen werden. Verfügen konnte die Vereinigung über diese Vermögenswerte allerdings nicht, sie fielen später dem Reichssicherheitshauptamt zu. Im Gegenzug wurde den Menschen lebenslange kostenfreie Unterbringung, Verpflegung und Krankenversorgung zugesagt – blanker Hohn in Anbetracht der elenden Bedingungen, die sie erwarteten. Denn im angeblichen „Altersghetto“ Theresienstadt herrschten Hunger, Kälte, hoffnungslose Überfüllung, schreckliche Hygieneverhältnisse, Krankheit und Seuchen.
Emil Jacobsohn ging bald an diesen Lebensumständen zugrunde. Er starb am 5. Oktober 1942 um 20 Uhr 15, offiziell an einer Lungenentzündung. Käthe wurde zur Zwangsarbeit herangezogen. Zehn Stunden am Tag musste sie Patronenschachteln am Laufband herstellen. Da diese Arbeit als kriegswichtig galt, gelang es ihr mehrmals, in letzter Minute, der Deportation nach Auschwitz zu entgehen. So war sie noch am Leben, als im Februar 1945 ein Transport von 1200 Juden in die Schweiz – in die Freiheit – zusammengestellt wurde. Sie hatte das Glück, dazuzugehören. Die Befreiung hatte der Schweizer Alt-Bundesrat Jean-Marie Musy verhandelt, der Kontakte zu Himmler unterhielt. Himmler sollte dafür eine Million Dollar bekommen, die er allerdings laut Neue Zürcher Zeitung nicht mehr erhielt. Musy handelte im Auftrag der jüdisch-orthodoxen Familie Sternbuch. Es sollten weitere Transporte folgen, doch legte Hitler persönlich sein Veto ein.
So kam Käthe in das Auffanglager Engelberg in der Schweiz, wo sie bis Ende Januar 1946 blieb. Dann gelang es ihr, zu ihrem Bruder und ihrer Tochter Anni nach Peru auszuwandern. Anni starb jedoch nach mehreren Operationen Ende Dezember desselben Jahres. Später zog auch Ilse von Paris nach Lima. Käthe starb dort 1974.
Von Emils Geschwistern überlebte nur Rosa, die 1939 mit ihrem Mann Isidor Goldschmidt nach Palästina flüchten konnte. Johanna war schon vor 1910 verstorben, Else 1942, offenbar nicht in der Deportation, da sie in keinem Gedenkbuch verzeichnet ist. Paul Jacobsohn war schon 1938 für kurze Zeit in Sachsenhausen in „Schutzhaft“ genommen worden und wurde schließlich mit seiner Frau Hilde – wenige Wochen nach Emil und zwei Tage vor dessen Tod am 3. Oktober 1942 – ebenfalls nach Theresienstadt deportiert. Paul starb dort am 29. Mai 1943. Hilde wurde am 18. Dezember 1943 nach Auschwitz deportiert und dort ermordet.
Käthes Bruder Fritz Blumenfeld kam ebenfalls in der Shoah um. Er flüchtete nach Frankreich, wurde aber nach Kriegsausbruch als „feindlicher Ausländer“ interniert und schließlich den Nazis ausgeliefert. Von Drancy aus wurde er am 9. September 1942 nach Auschwitz deportiert und dort umgebracht. Auch seine erste Ehefrau Edith, geb. Lewy, war nach Frankreich geflohen. Nach der Besetzung durch die Deutschen versuchte sie, in die Schweiz zu gelangen, wurde aber aufgegriffen und ebenfalls ausgeliefert. Sie wurde am 4. November 1942 ebenfalls von Drancy aus nach Auschwitz deportiert. Ihrer beider Todesdaten sind nicht bekannt.
Für Paul und Hilde Jacobsohn liegen Stolpersteine vor der Duisburger Straße 15, für Fritz und Edith Blumenfeld vor dem Haus Bundesplatz (früher Kaiserplatz) 2. Auch für Walter und Margarete Blumenfeld, die rechtzeitig flüchten konnten, liegen Stolpersteine in Dresden, vor der Bayreuther Straße 4.
Nach dem Krieg meldeten Käthe Jacobsohn und die Töchter von Paul Jacobsohn und Fritz Blumenfeld etliche Entschädigungs- und Wiedergutmachungsansprüche an. Besonders bezüglich der beiden Firmen „Eduard Jacobsohn“ und „H. Herzberg“ gestaltete sich das umständlich. Es fanden langwierige Auseinandersetzungen mit den einstigen „Arisierern“ statt, die letztlich jeweils mit einem eher niedrigen Vergleich endeten.
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