Reinhard Holdstein

Verlegeort
Schreinerstraße 21
Bezirk/Ortsteil
Friedrichshain
Verlegedatum
03. April 2025
Geboren
07. März 1915 in Graudenz (Westpreußen) / Grudziądz
Deportation
am 04. März 1943 nach Auschwitz
Überlebt
Biografie

Reinhard Holdstein kam am 7. März 1915 in Graudenz in Westpreußen (polnisch Grudziądz) als Sohn des jüdischen Kaufmanns David Holdstein und dessen Ehefrau Helene Franziska, geb. Czarlinski, zur Welt. Er hatte einen älteren Bruder Alfred (*1911), zwei weitere Brüder verstarben im Kleinkindalter.

Die Familie übersiedelte im Juli 1920 nach Berlin, nachdem ihre Heimatstadt Graudenz nach dem Ersten Weltkrieg aufgrund der Bestimmungen des Versailler Vertrags im Januar 1920 an Polen abgetreten worden war. Die Holdsteins lebten im Bezirk Friedrichshain, von den frühen 1920er Jahren bis 1932 in der Lebuser Straße 14, seit etwa 1934 in der Schreinerstraße 21.

Bis 1925 besuchte Reinhard Holdstein die Volksschule, danach das Königstädtische Realgymnasium in der Elisabethstraße bis zum „Einjährigen“, also der mittleren Reife (diese Straße existiert nicht mehr – die Schule befand sich dort, wo heute das Rathaus Mitte ist).

Anschließend absolvierte er eine zweijährige kaufmännische Ausbildung bei „Paul Adam Gardinen und Teppiche“ in der Frankfurter Allee 56 (in der Nähe des U-Bahnhofs Samariterstraße). Danach wurde er dort als Verkäufer angestellt. Er verdiente gut: Neben seinem monatlichen Gehalt von etwa 250 bis 300 RM erhielt er noch Prämienzahlungen für die von ihm getätigten Verkäufe.

Reinhard Holdstein heiratete am 19. Mai 1938 die Verkäuferin Selma Rosenfeld, geb. am 28. Februar 1914 in Berlin. Deren ältere Schwester Ida war seit 1936 mit Reinhards Bruder Alfred verheiratet. Selma wohnte fortan bei Reinhard und seinen Eltern in der Schreinerstraße 21, zu einem unbekannten Zeitpunkt mussten sie in die Landsberger Straße 119 verziehen.

Mit der schrittweisen Entrechtung und Verfolgung von Juden seit 1933 begannen auch Zwangsmaßnahmen gegen die Familie Holdstein. Darunter fielen zahlreiche Maßnahmen der Diskriminierung und sozialen Ausgrenzung, des Entzugs staatsbürgerlicher Rechte sowie der Verdrängung aus dem Berufs- und Wirtschaftsleben.

Das jüdische Geschäft Paul Adam musste Ende 1938 geschlossen werden und Reinhard Holdstein verlor seine Stellung. Er wurde kurz darauf von der „Zentraldienststelle für Juden beim Berliner Arbeitsamt“ aufgefordert, Zwangsarbeit zu leisten. Seit Ende 1939 war er etwa für ein Jahr bei der Tiefbau-Firma Otto Trebitz zur Zwangsarbeit verpflichtet, später wurde er bei der Reichsbahn bei Gleisarbeiten eingesetzt.

Reinhards Bruder Alfred Holdstein, seine Schwägerin Ida und seine Schwiegermutter Regina Rosenfeld wurden am 18. Oktober 1941 mit dem 1. Osttransport in das Ghetto Lodz deportiert. Regina Rosenfeld und ihre Tochter Ida wurden dort im Mai 1942 ermordet. Alfred Holdstein wurde im Zuge der Liquidierung des Lodzer Ghettos am 6. Juli 1944 in das Vernichtungslager Kulmhof verschleppt und ermordet.

Die restliche Familie Holdstein wurde am 27. Februar 1943 Opfer der „Fabrikaktion“, bei der die bis dahin von der Deportation verschonten letzten Berliner Juden, die in kriegswichtigen Betrieben zwangsbeschäftigt waren, verhaftet und deportiert wurden. Reinhards Eltern David und Helene Holdstein sowie seine Ehefrau Selma wurden mit dem 32. Osttransport am 2. März 1943 nach Auschwitz verschleppt und ermordet.

Reinhard Holdstein wurde mit dem 34. Osttransport am 4. März 1943 nach Auschwitz deportiert und zur Zwangsarbeit im Lager Buna selektiert. Ende Oktober 1942 hatte die I.G. Farben ihr firmeneigenes Lager zur Unterbringung der zumeist jüdischen Häftlinge, die auf dem Werksgelände der I.G. Auschwitz Zwangsarbeit leisten mussten, eröffnet. Es befand sich 6 km östlich des Stammlagers Auschwitz, auf dem Gebiet des zuvor abgerissenen polnischen Dorfes Monowice (Monowitz). Der Alltag der Häftlinge dort war bestimmt durch körperliche Schwerstarbeit bei unzureichender Kleidung, Ernährung und Unterbringung, wobei die Arbeitssklaven überdies den Übergriffen von Kapos und Wachmannschaften ausgesetzt waren.

Reinhard Holdstein musste u.a. schwere Zementsäcke schleppen. Die dünne Häftlingskleidung schützte nicht vor Nässe und Kälte und er zog sich dadurch immer wieder Erkältungen zu. Er wurde mehrmals im Krankenbau Monowitz behandelt. 1944 erkrankte er schwer an einer Rippenfellentzündung, konnte jedoch nur für eine Woche im Krankenrevier aufgenommen werden und musste dann wieder an die Arbeit zurück, um nicht der Vernichtung als Arbeitsunfähiger zum Opfer zu fallen.

In den Entschädigungsakten schildert er: „Im September oder Oktober 1944 litt ich an Brechdurchfällen. Ich bemühte mich zunächst, nicht in ein Hospital zu kommen, weil ich fürchtete, dass man mich dann vergasen würde. Als aber meine Krankheit immer schlimmer wurde, blieb mir nichts anderes übrig, als ins Krankenhaus zu gehen und ich wurde im Oktober 1944 für ca. 14 Tage hospitalisiert. Seitdem litt ich dauernd an Brechdurchfällen.“

Er wurde geschlagen, wenn er, durch Hunger und Krankheit geschwächt, nicht schnell genug arbeiten konnte und verlor durch die körperlichen Misshandlungen einige Zähne.

Am 18. Januar 1945 wurde das Lager Auschwitz-Monowitz „evakuiert“, weil die Rote Armee näherrückte. Diejenigen Häftlinge, die laufen konnten, wurden auf Todesmärsche in weiter westlich gelegene Lager geschickt. Reinhard Holdstein wurde über Gleiwitz in das KZ Sachsenhausen deportiert. Am 6. Februar 1945 wurde er von dort in das KZ Flossenbürg in der Oberpfalz verschleppt und am 20. Februar in das niederbayrische Plattling, nahe Deggendorf, überstellt.

Dieses Außenlager des KZ Flossenbürg befand sich in der einstigen Knabenschule – mitten in der Innenstadt zwischen Rathaus und Stadtpfarrkirche. Die etwa 500 Häftlinge wurden zur schweren Zwangsarbeit beim Ausbau eines Übungsflugplatzes herangezogen. Die Versorgungslage und der Zustand der Häftlinge war desaströs, die Sterbeziffer äußerst hoch. Die damals rund 7.000 Bürger Plattlings konnten das tägliche Morden und Schinden der Häftlinge nicht übersehen, zumal die Häftlinge in ihren gestreiften Lumpen täglich zweimal durch die Stadt geführt wurden.

Am 24. oder 25. April wurde das Außenlager Plattling Richtung Süden evakuiert. Reinhard Holdstein gibt gegenüber dem Entschädigungsamt an, dass er mit einigen Häftlingen geflohen ist und sie sich in einer Scheune bei einem Bauern versteckt hielten, bis sie von den US-Truppen befreit wurden.

Zu diesem Zeitpunkt war er zum Skelett abgemagert, hatte Flecktyphus und Läuse. Ab Ende Mai 1945 wurde er für einen Monat im Krankenhaus im oberbayrischen Trostberg behandelt.

Er ließ sich in Garching an der Alz in Oberbayern nieder und befand sich dort wegen seines schlechten Allgemeinzustandes weiterhin in ständiger Behandlung. Reinhard Holdstein versuchte nach Kriegsende seine Familie wiederzufinden und verfiel in schwere Depressionen, als er die Nachricht erhielt, dass sämtliche Angehörige der Vernichtung durch die Nazis zum Opfer gefallen waren.

Am 7. März 1946 heiratete er in Garching die Büroangestellte Henia Gelb, geb. Freifeld, geb. am 7. Juli 1918 in Lemberg (Galizien). Seine Frau war wie er eine Überlebende der Shoa. Im August 1949 wanderten Reinhard und Henia Holdstein über Bremerhaven in die USA aus.

Sie lebten zuerst in „Hell’s Kitchen” in Manhattan, New York City. Nach der Geburt der Tochter Deborah am 5. Mai 1952 zogen sie in den Stadtbezirk Queens. Zunächst verrichtete Reinhard Holdstein verschiedene Tätigkeiten, um seinen Lebensunterhalt zu verdienen, später arbeitete er sich zum Leiter eines Warenlagers empor. Dennoch hatte er immer noch unter den physischen und psychischen Folgen der Nazi-Verfolgung zu leiden.

Nachdem Reinhard Holdstein 1982 in Rente gegangen war, zog er mit seiner Frau nach Delray Beach in Florida. 1987 übersiedelte das Ehepaar nach Chicago, um in der Nähe ihrer Tochter und der Enkel zu sein. Henia Holdstein starb am 21. März 1996, Reinhard Holdstein ist am 14. März 2003 in Oak Park, Illinois, einem Vorort Chicagos, gestorben.