Gertrud Aronheim geb. Becker

Verlegeort
Obentrautstraße 54
Bezirk/Ortsteil
Kreuzberg
Verlegedatum
09. Mai 2025
Geboren
10. Oktober 1876 in Krotoschin (Posen) / Krotoszyn
Tot
28. Oktober 1941 in Berlin
Biografie

Gertrud Becker kam am 10. Oktober 1876 in Krotoschin in der preußischen Provinz Posen als Tochter des jüdischen Lehrers Hermann Becker und dessen Ehefrau Philippine, geb. Levy, zur Welt. Die Stadt Krotoschin (polnisch Krotoszyn) liegt etwa 100 km südlich von Posen. Über das Elternhaus, die Kindheit und Jugend von Gertrud Becker haben sich ansonsten keine Informationen erhalten. Sie übersiedelte als junge Frau nach Berlin und heiratete dort am 4. November 1897 den jüdischen Kaufmann Albert Aronheim, geb. am 7. März 1861 in Posen. Am 27. November 1898 kam die Tochter Lilli Philippine zur Welt. 

Gertruds Ehemann stammte entweder aus vermögenden Verhältnissen oder er scheint beruflich recht erfolgreich gewesen zu sein: Um 1900 erwarb er das Haus Reichenberger Straße 123, in dem die Familie Aronheim auch wohnte. Seit etwa 1904 gehörten Albert Aronheim auch noch die Grundstücke Teltower Straße 25 und 26 – 1936 umbenannt und umnummeriert in Obentrautstraße 52 und 54. Laut Berliner Adressbuch bezog die Familie um 1906 die Wohnung im ersten Stock der Teltower Straße 26.

Nach dem Tod von Albert Aronheim am 30. Mai 1918 wurde Gertrud Eigentümerin der Grundstücke. Das Haus Teltower Straße 25 verkaufte sie Mitte der 1920er Jahre, die Reichenberger Straße 123 um 1933.

Die Tochter Lilli hatte 1919 den jüdischen Kaufmann Paul Hahn, geb. 1887 in Berlin, geheiratet, der zu seiner Frau in die Teltower Straße 26 zog. Am 29. April 1921 kam Gertruds Enkelin Inge Erika zur Welt. Leider haben sich keine Zeugnisse erhalten, die einen Einblick in das Leben von Gertrud Aronheim und der Familie Hahn im Berlin der 1920er Jahre geben könnten.

Mit der schrittweisen Entrechtung und Verfolgung von Juden seit 1933 begannen auch Zwangsmaßnahmen gegen Gertrud Aronheim und die Familie ihrer Tochter. Darunter fielen zahlreiche Maßnahmen der Diskriminierung und sozialen Ausgrenzung, des Entzugs staatsbürgerlicher Rechte sowie der Verdrängung aus dem Berufs- und Wirtschaftsleben. 

Das Grundstück Obentrautstraße 54, das etwa 1932 von Gertrud Aronheim auf ihre Tochter Lilli übertragen worden war, musste Ende 1938 zwangsweise unter Wert verkauft werden. Die Familie lebte aber weiterhin dort zur Miete.

Die Familie Hahn und Gertrud Aronheim hatten die Absicht, Anfang Mai 1939 nach Ecuador zu emigrieren und sich dort in der Landwirtschaft zu betätigen – Arbeit in der Landwirtschaft oder eine industrielle Tätigkeit gehörten zu den Auflagen der ecuadorianischen Behörden für die Aufnahme von Flüchtlingen. Die Packerlaubnis war von den deutschen Behörden erteilt und die Fahrkarte gekauft worden, allerdings verzögerte sich die Erteilung der für ihre Auswanderung benötigten Einreisepapiere. Der Ausbruch des Zweiten Weltkriegs am 1. September 1939 machte die Auswanderungspläne zunichte.

Ab einem unbekannten Zeitpunkt musste die Familie zwei Zimmer ihrer 4-Zimmer-Wohnung an zwei Ehepaare untervermieten, die in sogenannten „Mischehen“ lebten – die Männer waren Juden, ihre Ehefrauen „Arierinnen“. Paul, Lilli und Inge Erika Hahn mussten Zwangsarbeit verrichten.

Gertrud Aronheim starb am 28. Oktober 1941 in ihrer Wohnung an Unterleibskrebs. 

Paul, Lilli und Inge Erika Hahn wurden am 26. Oktober 1942 mit dem 22. Osttransport von Berlin nach Riga deportiert, wo sie gleich nach der Ankunft am 29. Oktober ermordet wurden.