Bruno Linde

Verlegeort
Frankfurter Tor 7
Historischer Name
Warschauer Straße 87
Bezirk/Ortsteil
Friedrichshain
Verlegedatum
22. November 2025
Geboren
28. Januar 1882 in Berlin
Flucht
1939 Shanghai
Überlebt
Biografie

Bruno Linde kam am 28. Januar 1882 in Berlin als Sohn des jüdischen Kaufmanns Eduard Linde und dessen Ehefrau Jenny, geb. Saalfeld, zur Welt. Sein Vater war Inhaber einer Fabrik für Packpapier und Pappe. Bruno hatte noch acht Geschwister: Olga Alice (*1872), Hermann Sammy (*1874), Elsbeth Grete (*1875), Willy Josua (*1876), Richard Salomon (geb. und gest. 1877), Bianka Adelheide (*1878), Käthe (*1880) und Conrad (*1889).

Bruno Linde besuchte ein Gymnasium und absolvierte anschließend eine kaufmännische Lehre in der Textilbranche. Sein Vater setzte sich ca. 1898 zur Ruhe und zog mit seiner Familie kurze Zeit später nach Charlottenburg, das bis zur Eingemeindung nach Groß-Berlin im Jahr 1920 eine eigenständige Großstadt war. 

Bruno betrieb seit etwa 1909, zunächst gemeinsam mit seinem älteren Bruder Hermann, später als Alleininhaber, die Firma Kostümröcke Herrmann Linde. Er wohnte in der Kantstraße.

Bruno Linde heiratete am 5. Februar 1909 Johanna Levida Bacharach, geb. 1890 in Lippstadt. Die Ehe blieb kinderlos und wurde 1925 geschieden. Seit ca. 1916 wohnte er in der Crefelder Straße 17 in Moabit und war zwischenzeitlich Magistratsangestellter, nach seiner Scheidung lebte er vermutlich einige Jahre in Reinickendorf.

Bruno Linde verließ Berlin Ende der 1920er Jahre und zog in die kleine Stadt Meuselwitz in Thüringen, etwa 35 km südlich von Leipzig gelegen. Zumindest wohnte er noch dort, als er am 19. März 1931 in Berlin die jüdische Geschäftsinhaberin Frieda Herzberg, geb. Kallmann, geb. am 12. April 1880 in Berent (Westpreußen), heiratete. Frieda führte seit dem Tod ihres ersten Ehemannes 1928 dessen Werkstatt für Damenkonfektion im Weidenweg 37, nach der Hochzeit leitete das Ehepaar Linde den Betrieb gemeinsam.

Sie erhielten die Stoffe, die in der Werkstatt zugeschnitten und anschließend in Heimarbeit genäht wurden. Wenn die Heimarbeiterinnen die Fertigstücke in der Konfektionswerkstatt wieder ablieferten, wurden diese überprüft, gebügelt und Knöpfe angenäht, bevor die Kleidung an die Geschäfte geliefert wurde. Mit 10 Arbeitern in der Werkstatt und 30 Heimarbeiterinnen konnten sie jede Woche ca. 500 Mäntel abliefern. Etwa seit Mitte der 1930er Jahre befanden sich die Wohnung und die Arbeitsräume in der Warschauer Straße 87 (heute Frankfurter Tor 7). 

Das Ehepaar Linde lebte in gutbürgerlichen Verhältnissen, doch seit 1933 litt ihre Betriebswerkstatt für Damenkonfektion zunehmend unter dem Boykott jüdischer Geschäftsleute. Sie mussten ihr Gewerbe 1938 aufgeben, lebten vom Ersparten und versuchten nun ein Visum für irgendein Land zu erhalten, um Deutschland verlassen zu können. 

Im Sommer 1939 emigrierten sie nach Shanghai, das für mehr als 20.000 europäische Juden zur letzten Zuflucht wurde. Der Großteil der Emigranten wohnte im Stadtteil Hongkew in Massenunterkünften unter engen, primitiven und schlechten hygienischen Bedingungen, zudem litten sie unter dem feucht-schwülen Klima. Das Ehepaar hatte oft mit Krankheiten zu kämpfen und war, obwohl Frieda Linde als Strickerin und Näherin arbeitete, auf die Unterstützung des Joint Distribution Committee, einer jüdisch-amerikanischen Hilfsorganisation, angewiesen. Die Versorgung mit Lebensmitteln war unzureichend, Medikamente waren knapp. 

Die Lebensbedingungen verschlechterten sich nochmals, als die Japaner in Hongkew das Shanghaier Ghetto einrichteten, das vom 18. Mai 1943 bis 15. August 1945 bestand. Diese „designated area“ war zwar nicht hermetisch abgeriegelt, aber zum Verlassen des Ghettos war ein Passierschein notwendig. Nach Kriegsende blieb die Lage in China kritisch, weil sich die Auseinandersetzungen zwischen den chinesischen Nationalisten und Kommunisten wieder verstärkten.

Das Ehepaar Linde erhielt ein Visum für die USA und konnte Shanghai im April 1947 verlassen, um zu ihrem Neffen Eduard Linde nach Michigan City, Indiana zu reisen.

Frieda war dort zunächst etwa 1 ½ Jahre lang in einer Hutfabrik, Bruno Linde jeweils kurzfristig bei verschiedenen Firmen angestellt, bis sie krankheitsbedingt nicht mehr arbeiten konnten. 

Die Verfolgung durch die Nazis in Deutschland, die erzwungene Auswanderung und die schlechten Lebensbedingungen in Shanghai haben ihre Spuren hinterlassen: Bruno Linde hatte mehrere Herzattacken und war nervlich zerrüttet. Frieda Linde litt u.a. unter einer Krümmung der Wirbelsäule, verursacht durch Osteomalazie – einer schmerzhaften Erweichung der Knochen, die durch Mangel- und Unterernährung ausgelöst wird und zu einer zunehmenden Biegsamkeit und Deformierung der Knochen führt.

Bruno Linde starb am 29. Februar 1968 in Michigan City, Indiana, kurz nach seiner Ehefrau, die bereits am 7. November 1967 verstorben war.

Bruno Lindes Schwester Elsbeth wurde mit ihrem Ehemann Joseph Herz am 17. August 1942 mit dem 1. großen Alterstransport nach Theresienstadt und von dort am 19. September 1942 in das Vernichtungslager Treblinka deportiert und ermordet.

Seine Schwester Käthe und ihr Ehemann Willi Rosenthal wurden am 26. Februar 1943 mit dem 30. Osttransport nach Auschwitz verschleppt und ermordet.

Die Schwester Olga Alice war mit ihrem Ehemann Samuel Herz in die Niederlande emigriert. Sie wurden am 30. März 1943 vom „Judendurchgangslager Kamp Westerbork“ nach Auschwitz verschleppt und ermordet.

Der Bruder Willy Josua Linde war 1937 in Berlin verstorben. Die Schwester Bianka, verheiratete Lewinsohn, war nach Bolivien emigriert. Sein Bruder Conrad war bereits 1917 in die USA ausgewandert. Das Schicksal des Bruders Hermann Linde ist unbekannt.