Wilhelm Leiser

Verlegeort
Landsberger Allee 42
Historischer Name
Landsberger Allee 18
Bezirk/Ortsteil
Friedrichshain
Verlegedatum
27. März 2026
Geboren
18. Januar 1906 in Breslau (Schlesien) / Wrocław
Flucht
1938 Niederlande
Deportation
am 14. September 1943 von Westerbork nach Auschwitz
Ermordet
in Auschwitz
Biografie

Wilhelm Leiser kam am 18. Januar 1906 in Breslau, der Hauptstadt der preußischen Provinz Schlesien, als Sohn des jüdischen Schneiders Siegfried Leiser und dessen Ehefrau Rosa, geb. Wolf, zur Welt. Er hatte noch sieben Geschwister: Gertrud (*1898), Walter (*1899), Edith (*1900), Arthur (*1902), Paula (*1907), Karl (*1912) und Rudolf (*1914).

Nach der Schule absolvierte er eine Lehre als Kürschner. Zunächst arbeitete er in seinem Beruf in Breslau, um 1926 ging er nach Berlin und war dort bei verschiedenen Firmen tätig. Am 30. Juli 1931 heiratete er die Nicht-Jüdin Lucie Schulz, geb. 1907 in Berlin. Das Ehepaar lebte in der Landsberger Allee 18 (heute Nr. 42). Wilhelm Leiser war in einem Geschäft angestellt und fertigte nebenbei auch privat in seiner Wohnung Pelzbekleidung an.

Mit der schrittweisen Entrechtung und Verfolgung von Juden seit 1933 begannen auch Zwangsmaßnahmen gegen die Familie Leiser. Darunter fielen zahlreiche Maßnahmen der Diskriminierung und sozialen Ausgrenzung, des Entzugs staatsbürgerlicher Rechte sowie der Verdrängung aus dem Berufs- und Wirtschaftsleben.

Mehrere von Wilhelms Geschwistern, die noch in Breslau lebten, entschlossen sich, Deutschland zu verlassen: Karl Leiser wanderte nach Südamerika aus, musste aber nach Europa zurückkehren, weil er an Malaria erkrankt war. Er ließ sich in Amsterdam nieder. Arthur Leiser ging in die Niederlande, um seinem Bruder Karl zu helfen, kurze Zeit später emigrierte Arthur nach Uruguay. Rudolf Leiser wanderte 1938 nach Shanghai aus.

Auch Wilhelm Leiser hatte die Absicht auszuwandern. Da seine Ehefrau Lucie krank war und Ärzte ihr gesagt hatten, dass sie in keinem anderen Land leben könnte, entschloss sich das Ehepaar zur Scheidung.

In der Reichspogromnacht vom 9. auf den 10. November 1938 wurde das jüdische Geschäft, in dem Wilhelm Leiser angestellt war, zerstört. Da er Angst hatte, aus seiner Wohnung abgeholt zu werden, verbrachte er die folgenden Nächte bei nicht-jüdischen Bekannten.

Ende November 1938 floh er über die „grüne Grenze“ nach Belgien. Am 23. November 1938 traf er bei seinem Bruder Arthur in Antwerpen ein. Von dort reiste er wenige Tage später zu seinem Bruder Karl nach Amsterdam. Auch Wilhelms Schwester Paula und sein Neffe Hans Leiser (*1922), der Sohn seiner Schwester Edith, folgten ihnen kurz danach in die Niederlande.

Am 19. Dezember 1938 wurden über 200 männliche deutsche Flüchtlinge von der Fremdenpolizei verhaftet, da sie illegal eingewandert waren, und von Amsterdam in das Gefangenenlager Norg in Veenhuizen überführt, darunter auch Wilhelm Leiser. Ab dem 3. Januar 1939 war er im Flüchtlingslager Hellevoetsluis, nahe Rotterdam, interniert.

Am 31. Mai 1939 schreibt er in einem Brief an seinen Bruder Rudolf nach Shanghai über das Leben in Hellevoetsluis: „[...] Was wir seit dieser Zeit hier in Holland durchgemacht haben, ist auch nicht von Pappe, wir haben uns schon Vorwürfe gemacht, dass wir nach Holland gegangen sind. Denn in Deutschland hätte es uns auch nicht viel schlimmer gehen können. Unsere Briefe werden hier alle kontrolliert, diesen sende ich nicht durch die Zensur, denn sonst könnte ich dir dieses alles nicht so schreiben ohne Gefahr zu laufen, nicht bestraft zu werden. Aber es ist hier nicht zum Aushalten. Wir haben nichts verbrochen, aber man hält uns hier wie Gefangene […] Die Einteilung des Essens, welches den ganzen Tag langen muss, wird von Kameraden ausgeführt. Es besteht aus 40 Gramm Margarine, einem Brot. Dazu bekommen wir am Morgen Tee, mittags Kaffee. Aber beides nicht zum Trinken. Belag zweimal in der Woche. Dienstag einen Hering, Sonnabend etwas Marmelade. Mit dem Brot muss man zum Frühstück und zum Mittag langen, auch mit der Margarine. Um 6 Uhr abends gibt es warmes Essen, nicht zum Beschreiben, viel weniger noch zum Essen. Dieses ist noch nicht das schlimmste, was uns allen hier fehlt, ist die Freiheit […].“ 

Vermutlich wurde Wilhelm Leiser im Laufe des Sommers 1939 in das Flüchtlingslager Hoek van Holland überstellt, seit März 1940 war er im Zentralen Flüchtlingslager Westerbork interniert, das zu diesem Zeitpunkt noch von Niederländern verwaltet wurde. Nachdem daraus am 1. Juli 1942 das „polizeiliche Judendurchgangslager Kamp Westerbork“ unter deutscher Verwaltung geworden war, begannen die Deportationen.

Am 21. Mai 1943 heiratete Wilhelm Leiser in Westerbork die deutsche Emigrantin Suse Schild, geb. am 31. August 1915 in Holzminden. Am 14. September 1943 wurde er zusammen mit seiner Ehefrau nach Auschwitz verschleppt, wo er zur Zwangsarbeit in Auschwitz III-Monowitz selektiert wurde. Der Alltag der Häftlinge dort war bestimmt durch körperliche Schwerstarbeit bei unzureichender Kleidung, Ernährung und Unterbringung, wobei die Arbeitssklaven überdies den Übergriffen von Kapos und Wachmannschaften ausgesetzt waren. Wilhelm Leiser verstarb nach Aussage eines Mitgefangenen etwa im Dezember 1943 im Alter von 37 Jahren an einer Lungenentzündung.

Wilhelms Ehefrau Suse Leiser kam in Auschwitz in den „Experimentierblock“. Dort wurden Sterilisierungsversuche an ihr vorgenommen, an deren Folgen sie bis an ihr Lebensende leiden sollte. Als Auschwitz wegen des Näherrückens der Roten Armee im Januar 1945 geräumt wurde, verschleppte die SS Suse Leiser zunächst nach Ravensbrück und nach kurzer Zeit in das Außenlager Malchow in Mecklenburg. Dort wurde sie im Mai 1945 befreit. Anfang 1946 ging sie nach Berlin und wanderte dann über die Niederlande im November 1947 zu ihrer Mutter und ihrem Bruder nach Argentinien aus. Bis 1951 lebte sie im Haus ihres Bruders, dann emigrierte sie nach Brasilien. Suse Leiser ist 1968 im Alter von 52 Jahren in Porto Alegre an einer Krebserkrankung verstorben.

Wilhelms Schwester Gertrud Leiser war am 25. November 1941 aus Breslau nach Kowno (Kauen) Fort IX deportiert und dort am 29. November 1941 ermordet worden. Seine verwitwete Mutter Rosa Leiser wurde von Breslau am 30. August 1942 nach Theresienstadt und am 29. September 1942 in das Vernichtungslager Treblinka verschleppt und ermordet. Die Schwester Edith, geschiedene Rösler, wurde im April 1942 in das Ghetto Izbica bei Lublin deportiert, wo sich ihre Spur verliert.

Der Bruder Karl Leiser wurde nach Auschwitz verschleppt und dort am 22. Januar 1943 ermordet. Die Schwester Paula, verheiratete Friedländer, wurde am 14. September 1943 von Westerbork nach Auschwitz deportiert und ermordet. Wilhelms Neffe Hans Leiser wurde am 5. April 1944 von Westerbork nach Theresienstadt, am 28. September 1944 nach Auschwitz und am 10. Oktober 1944 nach Dachau verschleppt. Er erlebte zwar die Befreiung des Lagers, verstarb dort aber im Juli 1945 an TBC.

Wilhelms Bruder Walter gelang es mit viel Glück, in Breslau zu überleben. Er starb 1977 in Halle (Saale).

Rudolf Leiser emigrierte 1947 von Shanghai nach Uruguay und 1948 in die USA. Arthur Leiser wanderte 1953 von Uruguay in die USA aus.