Chaja Storch wurde am 14.4.1868 in Lubaczów, Galizien, geboren. Die seit 1918 zu Polen gehörende Stadt liegt an der Grenze zur Ukraine, 24 km vom jetzigen Lwiw (früher Lemberg) entfernt.
1885 heiratete Chaja mit 17 Jahren den 21-jährigen, ebenfalls aus Lubaczów stammenden Getreidehändler Isaak Walzer. Das Paar bekam in Lubaczów neun Kinder: Rosa, Bernhard (Berl), Erna, Jakob, Israel, Cyla (Cilla), Rachel (Regina), Syma (Sabine) und Samuel. Zu Beginn des 1. Weltkrieges 1914 zog die Familie nach Wien, 1922 nach Berlin, wo bereits die ältesten Söhne Bernhard und Jacob Walzer und Tochter Erna lebten. Die älteste Tochter Rosa, verheiratete Fischler, blieb mit ihrer Familie in Wien.
Ihre erste Berliner Wohnung bezog die Familie in der Linienstraße 64 bis zum Umzug in die Choriner Straße im Jahr 1933. Dies war der letzte freiwillig gewählte Wohnort. Ab 1924 ist Isaak Walzer in den Berliner Adressbüchern als Haushaltsvorstand mit dem Beruf Kaufmann gemeldet.
1924 gründeten die Söhne Bernhard und Jakob Walzer gemeinsam mit dem Schwager Bernhards die WACO-Schuhfabrik. Isaak Walzer brachte als stiller Teilhaber sein Vermögen in die Firma ein. Im Handelsregister wurde die Firma als Waco Schuhfabrik Walzer & Co eingetragen. Rachel Walzer ging nach ihrem Schulabschluss in der Schuhfabrik zur Lehre und blieb dort bis zu deren Zwangsauflösung 1938 in einer Vertrauensanstellung in der Schaftstepperei. Israel Walzer war als reisender Vertreter (Handelsvertreter) für die Firma in Schlesien unterwegs. Jakob Walzer verließ die Schuhfabrik und gründete 1936 eine Firma für Krawatten und Schals, Mechanische Weberei-Erzeugnisse Jakob Walzer, mit Sitz Leipziger Straße 51. Beiden Söhnen, Bernhard und Jakob, und ihren Familien ging es wirtschaftlich so gut, dass sie Grundbesitz mit Wohnhäusern erwerben konnten.
Auch die Töchter Erna und Cyla hatten sich in Berlin beruflich selbständig gemacht. Erna Walzer führte zunächst in der Oranienstraße ein Stoffgeschäft. Nach der Eheschließung 1926 mit Julius Nagler führten beide in der Saarbrückerstraße 30 einen Wäscheverleih.
Cyla Walzer machte sich nach ihrer Ausbildung als Zuschneiderin selbständig und gründete das Modeatelier Cyla Walzer Modeatelier in der Linienstraße an der Volksbühne. 1929 heiratete sie den Kaufmann Jakob Leser. Er war Hersteller feiner Seidendamenunterwäsche, die er in ihrem Salon verkaufte.
Sima (Sabine) Walzer trat nach Abschluss der Mittelschule 1927 als Lehrmädchen in den Modesalon ihrer Schwester Cyla ein und war dort bis zur Auflösung des Salons 1933 als Schneiderin tätig. Zuletzt war der Modesalon in der Rosenthaler Str. 2 im Hause Fabisch untergebracht.
Der jüngste Sohn der Familie Walzer, Samuel, besuchte die Volksschule der jüdischen Gemeinde in der Linienstraße 19 und dann die Mittelschule Talmud Thora der Synagogengemeinde in der Großen Hamburger Straße 27. In diesem Haus befindet sich jetzt das Jüdische Gymnasium Moses Mendelssohn. Anschließend schloss Samuel Walzer eine Ausbildung als Kürschner ab.
Ab 1933 verschlechterte sich das Leben für jüdische Menschen in Deutschland Zug um Zug. Chaja und Isaak Walzers Kinder Cyla, verh. Leser, Sabine (Syma), Israel und Samuel Walzer emigrierten nach Palästina.
Die in Berlin als Unternehmer erfolgreichen Söhne Bernhard und Jacob Walzer und der Ehemann der Tochter Erna, Julius Nagler, wurden Ende Oktober 1938 bei der sogenannten „Polenaktion“, der Zwangsausweisung polnischer Juden aus dem Deutschen Reich, nach Polen abgeschoben. In einer Nachtaktion wurden die Häuser in der Wilseder Straße von der Gestapo durchsucht und Jakob Walzer in seiner Wohnung Wilseder Straße 22 verhaftet. Der damalige Hausmeister hatte den Gestapomännern zu den von ihm betreuten Häusern Zutritt verschafft. Im Laufe des folgenden Jahres war es den Vertriebenen möglich, ihre Familien nachzuholen. Die Firmen wurden „arisiert“ oder aufgelöst.
Die nach Palästina emigrierten Kinder hielten Kontakt und hatten seit ihrer Flucht immer wieder versucht, ihre Angehörigen zur Auswanderung zu bewegen. Auch versuchten sie, ihren Eltern und Geschwistern die Emigration durch finanzielle Unterstützung, durch Einreisezertifikate für Palästina, sowie durch Affidavits für die USA zu ermöglichen, leider vergebens.
Bereits bei Besuchen in Tel Aviv 1934 und 1935 hatte Bernhard Walzer seiner Schwester Cyla versprochen, bald nachzukommen, um sich in Palästina eine neue Existenz aufzubauen. Er sei, so Cyla Leser, aber ein Zauderer gewesen und habe sich schwer entscheiden können. Der Krieg habe dann alle ihre Hoffnungen zunichtegemacht.
Ihren Lebensunterhalt während des Krieges konnten Chaja und Isaak Walzer durch Zuwendungen aus den Mieteinnahmen der Häuser ihres Sohnes Jakob in der Lindower Str. 8 und ihrer Schwiegertochter Frieda, geb. Scheindling, bestreiten.
Bernhard, seine Frau Frieda und der 13-jährige Sohn Manfred lebten ab 1939 wieder in Lubaczów, im Ghetto . Am 6. Januar 1943 wurde das Ghetto durch eine Massenerschießung aufgelöst. Überlebende des Massakers in Lubaczów berichteten, die kleine Familie Walzer habe sich in einem Bunker versteckt. Sie seien entdeckt, aus dem Bunker geholt und sofort erschossen worden.
Chaja und Moses Linzers Tochter Erna Nagler folgte ihrem Mann mit Sohn Adolf in seinen Heimatort, eine Kleinstadt in Polnisch-Galizien. Seitdem gelten sie als vermisst.
Jakob Walzer überlebte das Arbeitslager Plaszow und das Ghetto Krakau. Ehefrau Maria und Sohn Heinz wurden in Cianowice bei Krakau verhaftet. Sie gelten seitdem als verschollen.
Während der Novemberpogrome, am 10. November 1938, schlossen die bei ihren Eltern lebende Tochter, die 29-jährige Kontoristin Rachel Walzer und der 30-jährige Schneider Moses David Linzer die Ehe.
Von der vormals großen Familie Walzer lebten im Mai 1939 in Berlin nur noch Isaak und Chaja Walzer und ihre Tochter Rachel (Regina) mit ihrem Mann Moses Linzer.
Fast ein Jahr nach der sogenannten „Polenaktion“, kurz nach Kriegsbeginn, wurde am 13. September 1939 im Rahmen einer erneuten Verhaftungswelle, der „Sonderaktion“ gegen polnische und staatenlose Juden, Rachels Ehemann, der 31-jährige Moses Linzer in das KZ Sachsenhausen verschleppt. Dort verstarb er am 24. April 1940. Bestattet wurde seine Urne zwei Monate nach seinem Tod auf dem Jüdischen Friedhof Berlin-Weißensee. Die Bestattung der Urne erfolgte auf Chajas Antrag.
Isaak, Chaja und ihre Tochter und Witwe Regina (Rachel) Linzer konnten sich in Berlin noch bis 1943 der drohenden Deportation entziehen. Doch Ende 1942 schrieb Rachel an ihre in Palästina lebende Schwester, dass sie bald Berlin verlassen müssten und sie darüber sehr traurig seien.
Am 29. Januar 1943 wurde das Ehepaar Chaja und Isaak Walzer aus Berlin mit dem „84. Alterstransport“ Richtung Theresienstadt deportiert. Die auf der Liste vermerkte letzte Adresse war Auguststraße 14/15. Unter dieser Adresse befanden sich zunächst das Jüdische Krankenhaus, später das jüdische Kinderheim AHAWAH und zuletzt das „Siechenheim“. Der Ort wurde missbraucht als Sammellager für alte und gebrechliche Menschen, bevor sie in den sicheren Tod deportiert wurden.
Isaak Walzer verstarb im Ghetto Theresienstadt am 17. August 1943 um 15:30 Uhr. Chaja Walzer musste am 18. Dezember 1943 von Theresienstadt eine weitere, letzte Verschleppung erdulden; nach Auschwitz in den Tod.
Fünf Tage nach Chaja und Isaak Walzer, musste auch ihre Tochter Rachel am 3. Februar 1943 Berlin verlassen. Ihre letzte Adresse ist Choriner Straße 68, ihr letztes Lebenszeichen der Eintrag auf der Liste des „28. Osttransports“ mit Ziel Auschwitz.
Die in Wien verbliebene älteste Tochter Rosa Fischler wurde am 19.10.1941 von Wien in das Ghetto Litzmannstadt /Łódź deportiert. Hier verliert sich ihre Spur. Ihr Mann Markus Fischler war bereits im Zuge der Novemberpogrome in Wien mit rund 3700 Männern in das KZ Dachau verschleppt worden. Er überlebte den Holocaust , verstarb jedoch 1945 entkräftet in Palästina. Die vier Kinder der Fischlers konnten Europa rechtzeitig verlassen.
Auch Jakob Walzer, Israel Walzer, Cyla Leser, geb. Walzer, Sima Walzer und Samuel Walzer überlebten die Verfolgungen der Nationalsozialisten.
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