Martin Bernhard Reichenbach wurde am 22. November 1863 in Frankfurt am Main geboren. Er war Kaufmann von Beruf. Im Jahr 1894 heiratete er die zehn Jahre jüngere Else Fanny Glaserfeld. Das Ehepaar hatte zwei Kinder – Ernst, der nach Brasilien fliehen konnte, und Alice, die nach England floh. Die Enkeltochter Eva, Tochter von Ernst, wurde im Alter von 10 Jahren mit einem Kindertransport nach Schweden in Sicherheit gebracht. (Für Ernst Reichenbach, seine Frau Charlotte und die Tochter Eva liegen Stolpersteine in der Egerstraße 12).
Die Familie Reichenbach war recht wohlhabend und lebte gemeinsam in einer großzügigen Wohnung in der Duisburger Str. 7 im Berlin-Wilmersdorf. Zwischen April 1939 und Juni 1940 schickte Martins Frau nahezu monatlich eine Postkarte oder einen Brief aus der Duisburger Straße 7 an Eva in Schweden. Martin aber war ein wortkarger Großvater, der immer nur einen Satz am Ende eines jeden von Elses dutzenden langen Briefen an ihre Enkelin schrieb. Eva berichtete später ihrem Enkel Daniel, dass Martin keine besonders enge Beziehung zu seinem Sohn Ernst und ihr, seiner Enkelin, hatte.
Am 25. Juni 1940 zog das Ehepaar aus der Duisburger Straße 7 in die Konstanzer Straße 7 um – ob aus wirtschaftlicher Not oder durch Zwang ist ungeklärt. Martin Reichenbach war zu diesem Zeitpunkt bereits 77 Jahre alt und durch die zunehmenden Verfolgungsmaßnahmen sicher stark belastet.
Zum Zeitpunkt der Flucht seiner Kinder konnte das Ehepaar Reichenbach sich noch nicht zu einem solchen Schritt entscheiden. Es ist nicht bekannt, aus welchem Grund Else und Martin nicht mit ihren Kindern flohen. Vielleicht, weil sie keine Papiere hatten oder das Geld nicht reichte. Möglich aber auch, dass sie nicht von der Notwendigkeit das Land zu verlassen, überzeugt waren. Vielleicht wollten sie einfach nicht akzeptieren, ein ganzes Leben und einen Ort aufzugeben, der ihre Geschichte trug und den sie Heimat nannten. Anzunehmen ist in jedem Fall, dass das Paar durch die sogenannte „Judenvermögensabgabe“, eine willkürliche Sondersteuer, die ausschließlich jüdische Deutsche nach den Novemberpogromen als „Sühneleistung“ zu zahlen hatten und große finanzielle Aufwendungen, um die Flucht der Kinder zu ermöglichen, finanziell stark geschwächt war.
Am 14. Dezember 1940 starb Martin Reichenbach fünf Monate nach dem Umzug in die Konstanzer Straße 7. Während der Recherchen für diese Biographie erwies es sich zunächst als ziemlich schwierig, die Todesursache herauszufinden, da in keinem Archiv Informationen hierzu vorlagen. Dokumentiert ist nur das Datum und der Ort des Todes.
In den Jahren um 1940 war es eher üblich, dass nichtjüdische Ärzte nicht gründlich nach der Todesursache suchten, wenn es sich bei Verstorbenen um Jüdinnen oder Juden handelte, sodass es in vielen Fällen nicht möglich ist, die Todesursache genau zu erheben. In Martins Fall, war es jedoch möglich, die Beerdigungsanmeldung in einem Dokument zu finden, das seinerzeit von einer jüdischen Institution ausgestellt wurde.
Als Todesursache ist bei der Anmeldung auf dem Jüdischen Friedhof Berlin-Weißensee „Herzinsuffizienz“ eingetragen. Am 15. Dezember 1940 fand die Tahara (ein religiöses Ritual) statt und noch am gleichen Tag erfolgte die Überführung ins Krematorium. Die Beerdigung wurde von Else Reichenbach beantragt und fand am 7. Januar 1941 statt.
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