Seli Steinberg

Location 
Max-Beer-Straße 41
Historical name
Dragonerstrasse 6a
District
Mitte
Stone was laid
06 October 2023
Born
07 July 1926 in Berlin
Escape
1933 Polen
Interned
von 01 April 1940 to bis 03 September 1944 in Łódź / Litzmannstadt
Transferred
von 03 September 1944 in Stutthof
Deportation
1944 to Auschwitz
Murdered
1944 in Stutthof
Biography

Seli Steinberg kam am 7. Juli 1926 in Berlin als Tochter von Moses (*1898 in Galizien/Österreich-Ungarn) und Cyrla Steinberg, geb. Solny, (*1899 in Galizien/Österreich), zur Welt. Sie hatte mit Bernhard (*14.06.1925 in Berlin) einen älteren Bruder.

Die Eltern lebten spätestens seit 1925 mit ihren Kindern in Berlin. Seit 1931 wohnte die Familie im Berliner „Scheunenviertel“ in der Dragonerstraße 6a (heutige Max-Beer-Straße 35 (41)) an der nordwestlichen Ecke der Kreuzung Schendelgasse, heute Schendelpark.

Diese Straße, zusammen mit der parallelen Grenadierstraße (heute: Almstadtstraße), bildete das Zentrum des „Ghettos mit offenen Toren“ der osteuropäischen Juden in Berlin. Die jüdische Gemeinde in Berlin wuchs als Folge der Migration jüdischer Familien zunächst aus Russland (Pogrome 1881/82/1905) sowie während und nach dem Ersten Weltkrieg aus Galizien, Ungarn und Polen auf 170000 Mitglieder.

Viele von ihnen lebten in ärmlichen Verhältnissen im sogenannten „Scheunenviertel“, welches bereits in den 1920er Jahren im Zentrum des antisemitischen Terrors in Berlin stand. Unmittelbar nach der Machtübertragung an die Nationalsozialisten und der Ernennung Adolf Hitlers zum Reichskanzler im Januar 1933 nahm der Terror gegen Jüdinnen und Juden im „Scheunenviertel“ exponentiell zu. 

Am 9. März 1933 marodierte die SA durch das Scheunenviertel und misshandelte mehrere osteuropäische Juden in den Kellern ihrer Stationen. Am 1. April des Jahres fand der sog. „Judenboykott“ statt, bei dem es zu Boykottaktionen vor Geschäften in jüdischem Besitz kam. Ebenfalls im April fand eine Razzia der Schutzpolizei und der nationalsozialistischen Hilfspolizei statt. Die ersten jüdischen Bewohner des Scheunenviertels kamen bereits im April 1933 in wilde Konzentrationslager.

Auch die Steinbergs waren ein Opfer dieser ersten Verfolgungswellen. Moses wurde von der SA schwer misshandelt. Vermutlich, weil er u.a. im Vorstand des Jüdischen Kulturbundes präsent war.

Kurze Zeit später, im Sommer 1933, verließ die Familie aus Furcht vor weiteren Misshandlungen durch die Nazis Berlin in Richtung des polnischen Łódź. Bernhards Austritt aus der Schule wurde am 04.09.1933 mit „nach unbekannt verzogen“ auf seiner Schülerkarte vermerkt. Als letzte Berliner Adresse gab Bernhard Steinberg später die Rykestraße 20 an. Diese befand sich zwei Blocks von der damaligen Wohnung von Cyrlas Steinbergs Bruder Chaim Solny und seiner Familie in der Franseckystraße 46, heute Sredskistraße 39, und vor allem außerhalb des „Scheunenviertels“.

Die Rykestraße findet sich für die Steinbergs weder in einer der Ausgaben des Berliner Adressbuchs noch in anderen zeitgenössischen Dokumenten. Wahrscheinlich fungierte diese Adresse als Zwischenstation auf der Flucht aus Deutschland. In dem Fall wäre Dragonerstraße 6a der letzte freiwillige Wohnort der Steinbergs in Berlin.

Auf dem Einlieferungsschein Selis im KZ Stutthof ist „Aleja 1 Maja 37“ als letzte Adresse angegeben. Dies ist eine Straße im Zentrum von Łódź im Stadtteil Stare Polesie, außerhalb des späteren Ghettos. Es ist die Adresse, welche in den späteren Ghetto -Bewohnerlisten auftaucht. Ob es die einzige oder nur die letzte selbstbestimmte Adresse in Łódź nach der Flucht aus Deutschland war, ist unbekannt.

Nachdem Moses Steinberg bereits 1940 in Łódź eines natürlichen Todes gestorben war, wurden Mutter Cyrla, Seli und ihr Bruder Bernhard am 1. April 1940 in Łódź verhaftet und in das dortige Ghetto gesperrt. Danach verliert sich für einige Zeit ihre Spur. Wahrscheinlich haben sie bis zur Verschleppung nach Auschwitz im August 1944 im Ghetto in Łódź gelebt.

In seinem Antrag auf Inhaftierungsbescheinigung beim International Tracing Service gibt Bernhard als Zeitraum seiner Deportation nach Auschwitz den August 1944 an. Dieser Monat fällt mit der Liquidation des Ghettos Łódź zusammen.

Bereits am 03.09.1944 wurden Seli und ihre Mutter Cyrla von Auschwitz in das KZ Stutthof verschleppt. Cyrlas (hier: Czirla) Häftlingsnummer lautete 82601, Selis (hier: Selly) 83600. Cyrla ist am 08.11.1944 in Stutthof ermordet worden.

Für Seli Steinberg gibt es keine Aufzeichnungen mehr nach ihrer Einlieferung. Auch sie wurde vermutlich in Stutthof ermordet.

Am 09.11.1944 tauchte Bernhard als Häftling B 9577 in Dokumenten des Auschwitzer Außenlagers Tschechowitz im Rahmen einer Reihenuntersuchung auf. Am 23.01.1945 wurde er ins KZ Buchenwald überstellt. Seine Häftlingsnummer lautete spätestens dort 119722. Die Politische Abteilung verzeichnete ihn am selben Tag als Neuzugang aus dem KZ Auschwitz. Am 26.01.1945 wurde er vom Lagerarzt des KZ Buchenwald als „arbeits- und transportfähig“ eingestuft. Am 19.03.1945 ist er auf der Transportliste für das Außenkommando Magdeburg vermerkt. Bernhard hat den Holocaust überlebt.

 

Quellen: Recherche Familie Steinberg, IST Files (Intl. Tracing Files), Jüdisches Adressbuch 1931/32, Berliner Adressbuch,