Frieda Linde née Kallmann

Location 
Frankfurter Tor 7
Historical name
Warschauer Straße 87
District
Friedrichshain
Stone was laid
22 November 2025
Born
12 April 1880 in Berent (Westpreußen) / Kościerzyna
Escape
1939 Shanghai
Survived
Biography

Frieda Kallmann kam am 12. April 1880 in Berent in Westpreußen als Tochter des jüdischen Verkäufers Bernhard Kallmann und seiner Ehefrau Rebecka, geb. Abrahamsohn, zur Welt. Sie hatte noch vier Geschwister: Valeska (*1879), Hedwig (*1882), Leopold (*1884) und Gertrud (*1886).

Frieda besuchte in der kleinen Stadt Berent (polnisch Kościerzyna), 50 km südwestlich von Danzig gelegen, bis zu ihrem 15. Lebensjahr die höhere Töchterschule. Anschließend erlernte sie den Beruf der Näherin und war als solche bis 1902 tätig. Danach arbeitete sie als Verkäuferin im elterlichen Geschäft in Berent. Sie übersiedelte mit ihren Eltern Mitte der 1910er Jahre in die Reichshauptstadt, wo einige ihrer Geschwister bereits lebten, und nahm dort 1918 eine Stellung als Kassiererin an.

Frieda Kallmann heiratete am 18. September 1919 in Berlin den jüdischen Kaufmann Max Herzberg, geb. 1870 in Pinne (Posen). Er betrieb im Weidenweg 37 eine Werkstatt für Damenkonfektion, in der seine Ehefrau ebenfalls tätig war. Die Ehe blieb kinderlos. Nach dem Tod ihres Ehemanns am 7. November 1928 führte Frieda die Werkstatt allein weiter.

Sie heiratete im Januar 1930 den Kaufmann Sally Swarsinsky, geb. 1877 in Berlin, ließ sich aber bereits im Juni desselben Jahres scheiden und nahm wieder den Familiennamen Herzberg an.

Am 19. März 1931 heiratete sie den jüdischen Kaufmann Bruno Linde, geb. am 28. Januar 1882 in Berlin. Da dieser selbst in der Textilbranche gearbeitet hatte, führte das Ehepaar die Damenkonfektions-Werkstatt fortan gemeinsam.

Sie erhielten die Stoffe, die in der Werkstatt zugeschnitten und anschließend in Heimarbeit genäht wurden. Wenn die Heimarbeiterinnen die Fertigstücke in der Konfektionswerkstatt wieder ablieferten, wurden diese überprüft, gebügelt und Knöpfe angenäht, bevor die Kleidung an die Geschäfte geliefert wurde. Mit 10 Arbeitern in der Werkstatt und 30 Heimarbeiterinnen konnten sie jede Woche ca. 500 Mäntel abliefern. Etwa seit Mitte der 1930er Jahre befanden sich die Wohnung und die Arbeitsräume in der Warschauer Straße 87 (heute Frankfurter Tor 7). 

Das Ehepaar Linde lebte in gutbürgerlichen Verhältnissen, doch seit 1933 litt ihre Betriebswerkstatt für Damenkonfektion zunehmend unter dem Boykott jüdischer Geschäftsleute. Sie mussten ihr Gewerbe 1938 aufgeben, lebten vom Ersparten und versuchten nun ein Visum für irgendein Land zu erhalten, um Deutschland verlassen zu können. 

Im Sommer 1939 emigrierten sie nach Shanghai, das für mehr als 20.000 europäische Juden zur letzten Zuflucht wurde. Der Großteil der Emigranten wohnte im Stadtteil Hongkew in Massenunterkünften unter engen, primitiven und schlechten hygienischen Bedingungen, zudem litten sie unter dem feucht-schwülen Klima. Das Ehepaar hatte oft mit Krankheiten zu kämpfen und war, obwohl Frieda Linde als Strickerin und Näherin arbeitete, auf die Unterstützung des Joint Distribution Committee, einer jüdisch-amerikanischen Hilfsorganisation, angewiesen. Die Versorgung mit Lebensmitteln war unzureichend, Medikamente waren knapp. 

Die Lebensbedingungen verschlechterten sich nochmals, als die Japaner in Hongkew das Shanghaier Ghetto einrichteten, das vom 18. Mai 1943 bis 15. August 1945 bestand. Diese „designated area“ war zwar nicht hermetisch abgeriegelt, aber zum Verlassen des Ghettos war ein Passierschein notwendig. Nach Kriegsende blieb die Lage in China kritisch, weil sich die Auseinandersetzungen zwischen den chinesischen Nationalisten und Kommunisten wieder verstärkten.

Das Ehepaar Linde erhielt ein Visum für die USA und konnte Shanghai im April 1947 verlassen, um zu ihrem Neffen Eduard Linde nach Michigan City, Indiana zu reisen.

Frieda war dort zunächst etwa 1 ½ Jahre lang in einer Hutfabrik, ihr Ehemann jeweils kurzfristig bei verschiedenen Firmen angestellt, bis sie krankheitsbedingt nicht mehr arbeiten konnten. 

Die Verfolgung durch die Nazis in Deutschland, die erzwungene Auswanderung und die schlechten Lebensbedingungen in Shanghai haben ihre Spuren hinterlassen: Frieda Linde litt u.a. unter einer Krümmung der Wirbelsäule, verursacht durch Osteomalazie – einer schmerzhaften Erweichung der Knochen, die durch Mangel- und Unterernährung ausgelöst wird und zu einer zunehmenden Biegsamkeit und Deformierung der Knochen führt. Bruno Linde hatte mehrere Herzattacken und war nervlich zerrüttet.

Frieda Linde ist am 7. November 1967, ihr Ehemann Bruno am 29. Februar 1968 in Michigan City, Indiana, gestorben.

Friedas Schwester Valeska, verwitwete Rosenstiel, verstarb am 26. August 1942 im Jüdischen Krankenhaus Berlin. Sie hatte mit einer Überdosis Schlafmittel Selbstmord begangen.

Die Schwester Gertrud wurde mit ihrem Ehemann Max Bischburg am 26. September 1942 mit dem 20. Osttransport nach Raasiku bei Reval deportiert und ermordet.

Ihre Schwester Hedwig war bereits 1911, im Alter von 28 Jahren, verstorben.

Friedas Bruder Leopold Kallmann war im Sommer 1939 ebenfalls nach Shanghai ausgewandert, wo er am 30. Januar 1940 verstarb.