Lina Pollack wurde am 1. Februar 1870 in Freiburg im Breisgau geboren. Ihre Eltern waren der Kaufmann Jacob Pollack und Sophia Pollack, geb. Kaufmann. Lina hatte vier Geschwister – so war es handschriftlich in der Sterbeurkunde ihrer Mutter vermerkt – von denen jedoch nur drei namentlich bekannt sind: Eugen, geb. am 16. Februar 1871, Recha, verheiratete Leers, geb. am 22. Februar 1872 und Hermine, verheiratete Wilde, geb. am 2. Oktober 1878. Alle Geschwister kamen in Freiburg auf die Welt. Nach dem Tod des Vaters zog Lina Pollack mit ihrer Mutter und ihren Geschwistern nach Berlin.
Am 19. März 1894 heiratete sie auf dem Berliner Standesamt den drei Jahre älteren Hugo Joseph. Laut Heiratsurkunde war sie „ohne besonderen Beruf“. Hugo Joseph stammte aus Breslau und war Bankbeamter, Sohn des Lehrers Dr. phil. Richard Joseph. Trauzeuge war u. a. Linas Bruder Eugen, der in Schöneberg in der Martin-Luther-Straße eine Schirmfabrikation betrieb. Die Ehe blieb allem Anschein nach kinderlos. Ab dem Zeitpunkt der Heirat wohnte das Paar in der Gasteiner Straße 13, Gartenhaus, 1. Stock.
1911 wurde Linas Mutter durch einen Herzschlag aus dem Leben gerissen. Am 28. September 1916 starb auch Linas Mann Hugo im Alter von 49 Jahren. Er wurde auf dem Jüdischen Friedhof Weißensee bestattet. Lina Joseph behielt die eheliche Wohnung in der Gasteiner Straße, vielleicht hat sie zur Finanzierung ihres Unterhalts Zimmer an andere jüdische Mitbewohner vermietet.
Noch vor der sogenannten „Wannseekonferenz“, in der die zynischerweise als „Endlösung der Judenfrage“ bezeichnete systematische Ermordung aller europäischen Jüdinnen und Juden beschlossen wurde, und ein halbes Jahr vor den ersten Deportationen der Berliner Jüdinnen und Juden nach Litzmannstadt (Łódź), nahm sich Lina Joseph das Leben. Die zunehmende offene Entrechtung, Diskriminierung und Drangsalierung der jüdischen Bevölkerung wird für sie nicht mehr auszuhalten gewesen sein.
Sie wurde noch in das Krankenheim der Israelitischen Gemeinde in der Elsässer Straße (heute Torstraße) eingeliefert und verstarb dort am 29. April 1941. In der Sterbeurkunde wird ein „Freitod“ nicht erwähnt, sondern es ist von einer „arteriellen Embolie des Unterschenkels“ und „Kreislaufschwäche“ die Rede. Auch in der Beerdigungsanmeldung, die durch den Bruder Eugen erfolgte, wird als Todesursache „Kreislaufschwäche“ angegeben. Eine Kennkarte, die dem International Tracing Service vorliegt, bestätigt jedoch den Suizid. Lina Joseph wurde am 4. Mai 1941 an der Seite ihres Mannes auf dem Jüdischen Friedhof Berlin-Weißensee bestattet. Ihr Grab ist im Feld T, Abt. IV, Reihe 25, Nr. 105608 zu finden.
Ihre Geschwister Recha Leers und Eugen Pollack wurden zunächst am 9. Juli 1942 nach Theresienstadt deportiert und am 19. September 1942 in Treblinka ermordet. Sie hatten zusammen in der Wielandstraße 30 bei ihrer Schwester Hermine Wilde gewohnt. Hermine Wildes Mann, den Redakteur und Schriftsteller Richard Max Wilde, hatte man im November 1938 im
KZ Sachsenhausen
ermordet. Sie selbst wurde ebenfalls nach Theresienstadt deportiert.
Im Februar 1945 fuhr ein Sonderzug mit 1200 freigekauften Jüdinnen und Juden aus dem KZ Theresienstadt in das in der östlichen Schweiz gelegene St. Gallen – unter den Geretteten war Lina Josephs Schwester Hermine Wilde. Deren 1903 geborener Sohn Joachim-Hans konnte rechtzeitig mit Frau und Kind nach Argentinien flüchten, er starb 1993. Wolfgang, der 1911 geborene zweite Sohn von Hermine Wilde, wurde am 28. Juni 1943 nach
Auschwitz
deportiert und dort ermordet. Für ihn und seinen Vater Richard Wilde liegen Stolpersteine vor der Wielandstraße 30 (https://www.berlin.de/ba-charlotte…)
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