Lilly Steiner

Verlegeort
Mollstr. 36
Historischer Name
Jostystr. 10
Bezirk/Ortsteil
Prenzlauer Berg
Geboren
13. August 1927 in Berlin
Beruf
Textilarbeiterin
Flucht
1938 Ungarn
Verhaftet
im Ghetto Budapest
Überlebt
Biografie

Lilly Steiner wurde am 13. August 1927 in Berlin geboren. Sie, ihr fünf Jahre älterer Bruder Alfred, gennannt Freddy und ihre Eltern Aladar und Aranka (geb. Farkas), lebten in einer Wohnung in der Jostystraße 10, heute Mollstraße 38 im Bezirk Prenzlauer Berg. Lilly besuchte eine jüdische Schule und hatte überwiegend jüdische Freunde. Die Familie hielt sich an die jüdischen Speiseregeln.

 

Lillys Großeltern mütterlicherseits waren Michael und Frida Farkas. Beide Seiten der Familie stammten ursprünglich aus Ungarn, lebten aber in Deutschland, seit Aladar und Aranka kleine Kinder waren. Lillys Vater besaß eine gut gehende Textilfabrik. 

 

Nachdem die Nazis 1933 an die Macht gekommen waren, erlebten die Steiners immer häufiger offene Feindseligkeiten. Lilly erinnerte sich an einen Vorfall, bei dem sie und ihr Vater mit Steinen beworfen wurden. Die beiden beschlossen, Lillys Mutter nichts davon zu erzählen, um sie nicht zu beunruhigen. Lilly erlebte auch einen Nazi-Aufmarsch, dem sie und ihr Vater begegneten. Als die Nazis Aladar mit “Heil Hitler” grüßten und dieser sie ignorierte, bekam er einen Schlag ins Gesicht, von dem er einige Zähne verlor. Lilly hatte drei polnisch-jüdische Freunde, die eines Tages nicht mehr da waren und von denen man nie wieder etwas hörte. Es ist anzunehmen, dass ihre Freunde im Zuge der Polenaktion Ende Oktober 1938 deportiert wurden.

 

Nach den Novemberpogromen 1938 verloren die Steiners ihre Wohnung. Auch die Fabrik ihres Vaters und das Auto der Familie wurden ihnen von den Nationalsozialisten weggenommen. Lilly erinnerte sich, dass eines Tages ein Mann von der NSDAP mit einem Arzt-Ehepaar in ihre Wohnung kam. Der Familie wurde gesagt, dass das Ehepaaru ihre Wohnung ab sofort übernehmen würde und sie nur die Kleidung mitnehmen dürften, die sie tragen konnten. Lilly hatte eine Lieblingspuppe, die sie festhielt. Doch der Arzt nahm sie ihr weg und sagte, er würde sie seiner Tochter schenken. Lilly wollte sie zurückholen, aber ihr Vater verbot es ihr. 

 

Die Steiners flohen noch 1938 nach Ungarn, weil Aladar und Aranka auch die ungarische Staatsbürgerschaft besaßen. Lillys Großeltern mütterlicherseits flohen nach Kuba. Sie konnten aufgrund der Einwanderungsquote für jüdische Flüchtlinge aus Europa nicht wie geplant in die USA einreisen. Lilly und ihre Eltern verabschiedeten sich von ihnen am Bahnhof in Wien. 

 

Bald nach ihrer Ankunft in Ungarn erlebte Lilly erneut Antisemitismus. Die Kinder in der Schule beschimpften sie und sie geriet deswegen in Streitereien. Sie sagte später, die Ungarn seien noch antisemitischer als die Deutschen gewesen. Lilly erinnerte sich, wie seltsam es war, dass "deine besten Freunde zu deinen schlimmsten Feinden werden". Sie und ihre Familie hätten Ungarn verlassen können, aber ihr Vater glaubte, die Probleme würden sich irgendwann von selbst lösen. 

 

Sie wohnten im 4. Stock einer Budapester Wohnung und feierten alle jüdischen Feiertage in der Synagoge in der Dohány-Straße. Aladar wurde Partner in einer Textilfabrik. Später zogen sie in eine Wohnung am Stadtrand von Budapest. Aladars Geschäftspartner, ein Adliger, half ihm, Papiere zu bekommen, die seine jüdische Identität verbargen. Er wollte auch für Lilly und ihre Mutter Papiere besorgen, aber Aranka hatte zu viel Angst, bei der Sache aufzufliegen. Nach dem Beginn des Krieges gegen die Sowjetunion 1941, an dem sich auch Ungarn beteiligte, wurden etwa 80. bis 130.000 ungarische Juden zur Zwangsarbeit an die Front geschickt. Auch Lillys Bruder Alfred war von dieser Maßnahme betroffen und musste die Familie verlassen.

 

Im März 1944 besetzte Deutschland das verbündete Ungarn, um die Politik des Landes besser steuern zu können. In der Folge verschärften sich die bis dahin eher zurückhaltenden antijüdischen Maßnahmen des ungarischen Staates radikal. Jüdinnen und Juden waren nun gezwungen, den “Gelben Stern” zu tragen. Ghettos wurden errichtet und die ersten Deportationen nach Auschwitz begannen bereits im Mai. Bis zum Juli 1944 sollten dort etwa 400.000 ungarische Jüdinnen und Juden ermordet werden. Lilly und ihre Mutter wurden gezwungen, in ein "Judenhaus" umzuziehen, wo sie eine Wohnung mit einer anderen Familie teilten. Von 17 Uhr an galt für die Bewohnerinnen eine Ausgangssperre. Lilly hatte Zwillingstanten. Eine von ihnen, sie war gerade mit Zwillingen schwanger, wurde nach Auschwitz deportiert und ermordet. Nach diesem Ereignis sagte Lillys Mutter zu ihr, dass sie nicht mehr weitermachen könne und aufgeben wolle. Lilly erzählte ihr eine Notlüge über einen Traum, in dem ein alter Mann ihr gesagt habe, dass sie überleben würden. Dadurch konnte Aranka Hoffnung schöpfen und überleben.

 

Aladar schaffte es, Frau und Tochter in seine Fabrik zu holen. Dort arbeiteten etwa 600 Jüdinnen und Juden, darunter Alfreds Frau, Lillys Tanten und Onkel sowie Aladars Cousin. Ende 1944 wurde die Familie in das jüdische Ghetto um die Dohány-Synagoge gepfercht. Dort lebten sie bis zur Befreiung durch die Rote Armee in einem Keller, wo sie auf Holztüren schliefen und nur wenig zu essen hatten. Bald erreichte der Krieg Budapest und die Befreiung der Stadt rückte in greifbare Nähe.

 

Draußen konnten sie Bomben und Schüsse hören. Lilly erinnert sich, wie sie mit ihrer Tante auf der Straße ging und einen Suppentopf trug. Dabei sah sie Leichen, die sich in einer Metzgerei stapelten. Sie konnte sich noch viele Jahre später an den Gestank erinnern. Viele Menschen begingen Selbstmord, wegen der nur schwer erträglichen Lebensumstände im Ghetto. Neben den Hunger und den Krieg trat der Terror der Pfeilkreuzler, einer extrem faschistischen Partei, die seit Ende 1944 in Ungarn herrschte. Es gab auch eine jüdische Ghettopolizei. An diese erinnert sich Lilly zwiespältig: einige von ihnen waren freundlich, andere nutzten ihre geringe Macht gegenüber den übrigen Menschen im Ghetto und behandelten sie schlecht. Auch ihrem Vater gelang es, einen Posten bei der Polizei zu finden. Dafür erhielt er eine geringe Ration zusätzlichen Essens, die er mit seiner Familie teilen konnte. Lilly erinnerte sich auch an ein Gerücht, demzufolge das Ghetto vermint war und man plante, es in die Luft zu sprengen. Das Gerücht erwies sich als falsch und Mitte Januar 1945 befreite die sowjetische Armee das östliche Budapest und damit auch das Ghetto, in dem sich die Steiners und mit ihnen etwa 70.000 weitere Jüdinnen und Juden befanden. 

 

Nach der Befreiung gingen Lilly und ihre Eltern in ihre alte Budapester Wohnung, die sich allerdings in einem sehr schlechten Zustand befand. Zu allem Unglück waren die Befreiten nicht immer sicher vor ihren Befreiern. In den ersten Wochen nach dem Einmarsch der Sowjets kam es immer wieder vor, dass Soldaten plünderten und Frauen vergewaltigten. Lilly musste sich zwei Wochen lang in einer Schlafcouch verstecken. Erst danach beruhigte sich die Lage etwas. Irgendwann kam Alfred von der Zwangsarbeit zurück. Ein sowjetischer Soldat hatte ihm das Leben gerettet. Aladar besorgte sich ein Pferd und eine Kutsche, um auf dem Land Lebensmittel einzutauschen. 

 

Nach dem Krieg wollte die Familie Ungarn verlassen. Lilly aber kam zunächst allein nach Paris, wo sie sich in einem Krankenhaus von ihrer schweren Unterernährung erholte. Danach wohnte sie in einem Hotel und erhielt Lebensmittelgutscheine. Die HIAS (Hebrew Immigration Aid Society) half ihr bei der Vorbereitung zur Auswanderung in die USA. Sie erreichte das Land an einem Freitag im Jahr 1947 und begann sogleich am folgenden Montag zu arbeiten. Sie lernte, wie man Damenunterwäsche herstellt. Außerdem verkaufte sie Brautkleider und verdiente damit etwa 22 Dollar pro Woche. 

 

Lillys Großeltern und ihr Onkel waren bereits in den USA. Ihre Eltern konnten jedoch nicht dorthin einreisen, also gingen sie nach Kuba, wo Lilly sie jedes Jahr besuchte. Da sie dort nicht arbeiten durften, schickten Lilly und Alfred, der sich ebenfalls in den USA befand, ihnen Geld. Auf Kuba lernte Lilly Laszlo Fischer, einen Witwer aus Ungarn kennen. Sie heirateten 1950 in Miami Beach. Laszlo hatte einen Sohn aus einer früheren Ehe.

 

Das Ehepaar lebte insgesamt 11 Jahre lang zwischen Kuba und den USA. Sie hatten zwei Kinder, die beide in den Vereinigten Staaten geboren wurden. Das Leben der Familie verlief gut. Doch nach der Kubanischen Revolution 1959 kamen die Kinder weinend nach Hause, weil sie von anderen Kindern als "Gringo" bezeichnet wurden. Das weckte bei Lilly schreckliche Erinnerungen daran, wie die Kinder in Deutschland und Ungarn sie beschimpft hatten. Die Familie entschied sich, Kuba den Rücken zu kehren.

 

So zogen sie 1960 nach New York und bekamen einen weiteren Sohn. Vier Jahre später scheiterte die Ehe. Lilly zog 1970 mit ihren drei Kindern nach Miami. Dort heiratete sie 1977 Julius Zucker und führte eine zufriedene Ehe. Einmal kehrte das Ehepaar auf Einladung der Bundesregierung nach Deutschland zurück, um dem Ende des Zweiten Weltkriegs zu gedenken. Ein Jahr nach Julius Tod starb Lilly im Jahr 2000 an einem Hirn-Aneurysma.

 

Zu Lillys schrecklichsten Erinnerungen gehörten Menschen, die sich gegenseitig ausspionierten und bestahlen. Aber ihr blieben auch gute Menschen im Gedächtnis, wie den Hausmeister ihrer Schule, der sie mit Essen versorgte. Lilly sagte, sie habe Glück gehabt, dass sie die schlechten Erinnerungen ausblenden konnte. Sie hat sich nicht als Opfer gesehen. Sie wollte nichts mehr sehen oder hören, was sie an die Zeit der Verfolgung erinnerte. Sie sagte, es sei zwar schwer zu verstehen, warum sich die Juden nicht stärker gewehrt hätten, aber die Nazis hätten ihnen alles genommen. Lilly teilte ihre Geschichte erst 1982 bei einem Besuch in Israel. Sie sagte: "Ich bin stolz auf die Israelis" und "ich respektiere, wie sie sich wehren ... so etwas (die Shoah) könnte dort nie passieren." Wie hat sie überlebt? Mut, Hoffnung und ihre Familie haben ihr geholfen: "Ich habe einige harte Zeiten durchgemacht, aber ich habe immer meinen Glauben behalten und daran geglaubt, dass es besser wird." Sie sagte auch: "Für mich bedeutet Religion, ein Mensch zu sein und andere gut zu behandeln."