Lieba Goldberg geb. Ullmann

Verlegeort
Singerstraße 8
Historischer Name
Brauner Weg 1
Bezirk/Ortsteil
Mitte
Verlegedatum
05. April 2022
Geboren
16. Juli 1906 in Zakliczyn (Galizien)
Zwangsarbeit
Arbeiterin Metall- und Elektroindustrie (Firma Ehrich & Graetz Berlin)
Deportation
am 03. März 1943 nach Auschwitz
Ermordet
in Auschwitz
Biografie

Lieba wurde am 16. Juli 1906 in Zakliczyn, im heutigen Polen, geboren. Sie war das jüngste der zehn Kinder von Aron Wolf Ullmann aus Kasna Gorna und Sara Ryfka Riegelhaupt aus Jamna. Lieba hatte drei Brüder, Jakob (1886), Abraham Isaak (Isy) (1888) und Towia Gutman (David) (1895), sowie sechs Schwestern, Amalia (Manja) (1885), Gitel (1892), Cypora (1893), Blima Ruchel (Bertha) (1897), Pesel (Paula) (1900) und Hudes (Helene), geboren 1903. Sowohl Gitel als auch Cypora starben bereits 1894 im Kindesalter.

Die jüdische Ansiedlung in Zakliczyn begann Mitte des 19. Jahrhunderts. 1921 betrug der jüdische Bevölkerungsanteil etwa 25 % bei 1200 Einwohner:innen. Ende des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts kam es in Zakliczyn zu mehreren antisemitisch motivierten Ausschreitungen, die nach dem Ende des Ersten Weltkriegs im November und Dezember 1918 einen Höhepunkt erreichten. Wie in zahlreichen Städten Westgaliziens wurde auch die jüdische Gemeinde Zakliczyns nach der zweiten polnischen Staatsgründung 1918 Ziel antisemitischer Pogrome. Schon zuvor, wahrscheinlich als Folge der zunehmenden sozialen, wirtschaftlichen und politischen Benachteiligung und später der Kriegszerstörungen – Zakliczyn wurde durch schwere österreichisch-russische Kämpfe zerstört – begann die Familie ab 1906, ihre Heimat zu verlassen.

Es ist wahrscheinlich, dass Lieba ihren Bruder Jakob nie kennengelernt hat, da er im Mai 1906, zwei Monate vor ihrer Geburt, in die USA auswanderte. Ihm folgten Isy im Juni 1907, David im Juni 1911 und Bertha im September 1913. Manja war bereits 1911 nach Berlin gezogen, und später folgte ihr Isy, der sich nach seiner Heirat mit Jenny im Jahr 1917 in Berlin niederließ. Der Rest der Familie blieb in Zakliczyn, wo Aron Wolf zunächst als Hilfsarbeiter und später als Religionslehrer tätig war. Leider starb Aron Wolf im Jahr 1918. Wahrscheinlich zog Lieba daraufhin zusammen mit ihrer Mutter Sara Ryfka und ihren Schwestern Paula und Helene nach Berlin.

In Berlin lernte Lieba Isaak Goldberg kennen, und sie heirateten etwa 1924 nach jüdischem Ritus, als Lieba erst achtzehn Jahre alt war. Eine standesamtliche Trauung war damals nicht möglich, da Isaak aufgrund seines Status als Staatenloser nicht über die notwendigen Papiere verfügte. Das Paar wohnte zunächst in der Prenzlauer Straße 4 bei Gotthilf Goldberg, möglicherweise einem Verwandten von Isaak, und im folgenden Jahr, am 23. November 1925, wurde ihr einziges Kind Arnold im Krankenhaus Friedrichshain geboren.

Als Arnold etwa fünf Jahre alt war, zog Isaak mit seiner Familie in die Paul-Singer-Straße 1, später Brauner Weg 1. Dort betrieb er in einer Werkstatt im Keller eine Schuhmacherei und ein Reparaturgeschäft, während die Familie in einer Wohnung hinter der Werkstatt wohnte. Arnold besuchte die örtliche jüdische Gemeindeschule in einem Gebäude, das auch eine unabhängige Synagoge beherbergte. Lieba nahm einige Aushilfsjobs an, um die Familie finanziell zu unterstützen. Die Familie war glücklich, dort zu leben, umgeben von Verwandten, die sie regelmäßig besuchten. Die meiste Zeit lebte Liebas Mutter, Sara Ryfka Ullmann, bei ihnen.

Diese Situation blieb bestehen, aber als das Leben für Juden in Deutschland nach Einführung der Nürnberger Gesetze im Jahr 1935 immer schwieriger wurde, versuchten Isaak und Lieba auszuwandern. Isaak beantragte für sie die Ausreise nach Palästina, Shanghai und sogar Argentinien. Da er staatenlos war, wurde jeder Antrag abgelehnt. Zusammen mit einigen Freunden versuchte Isaak sogar, die Grenze nach Belgien zu überqueren, wurde aber zurückgeschickt, zum Glück ohne inhaftiert zu werden. Infolge der Novemberpogrome 1938 beschlossen Lieba und Isaak, dass Arnold mit einem Kindertransport ausreisen sollte. So verließ Arnold Berlin mit dem vierten Kindertransport am 4. Januar 1939.

Kurz nach Arnolds Abreise, starb am 15. März 1939 seine Großmutter, die Mutter von Lieba. Nach Kriegsbeginn wohnten Isaak und Lieba weiterhin im Braunen Weg 1, und Isaak führte seine Schuhmacherei weiter, auch wenn sie nun von einem „arischen“ Freund geleitet wurde.
Lieba, eine gelernte Näherin, musste bei Ehrich & Graetz, einer Metall- und Elektrofirma in Berlin-Treptow, Zwangsarbeit bei der Herstellung von Rüstungsgütern leisten. Nach Kriegsbeginn konnten sich Lieba und Isaak standesamtlich trauen lassen, sie heirateten am 24. Mai 1940 in Berlin-Mitte.

Obwohl er erst 13 Jahre alt war, als er in England ankam, gelang es Arnold, eine Arbeitsstelle für seine Mutter zu finden und ein Visum zu beantragen, doch leider verhinderte der Kriegsausbruch, dass sie die Stelle antreten konnte. Lieba blieb in Berlin. So ging das Leben weiter, und Arnold erhielt bis März 1943 regelmäßig Nachrichten von seinen Eltern (vor allem von Lieba), zunächst in normalen Briefen, später über das Rote Kreuz. Isaak und Liebas Rechte wurden durch immer erdrückendere antisemitische Gesetzgebungen der Nationaloszialisten weiter beschnitten. Am 27. Februar 1943 wurden sie im Rahmen der „ Fabrikaktion “, die die Deportation aller verbliebenen Juden vorsah, zusammengetrieben und in ein Sammellager gebracht. Am 3. März 1943 wurden Isaak und Lieba zusammen mit Liebas Schwester Pesel Majerowicz (genannt Paula) mit dem Transport 33 nach Auschwitz -Birkenau deportiert.

Paulas Ehemann Robert Majerowicz wurde am folgenden Tag ebenfalls nach Auschwitz-Birkenau deportiert. Liebas Bruder Isy starb im Mai 1943 eines natürlichen Todes und nur dreizehn Tage später wurde seine Frau Jenny zunächst nach Theresienstadt verschleppt und im September 1943 ebenfalls in Auschwitz-Birkenau ermordet.

Arnold Ullmann, der Sohn von Isaak und Lieba, überlebte den Krieg im Exil in England, wo er bis zu seinem Tod im Jahr 2020 blieb. Er heiratete und hatte zwei Töchter, fünf Enkelkinder und vier Urenkelkinder. Liebas Geschwister Jacob, David und Bertha überlebten den Krieg in den USA, und Manja gelang es, im Mai 1941 nach Buenos Aires zu ihrem Sohn zu fliehen. Manjas Tochter entging der Deportation nach Auschwitz-Birkenau am 24. August 1943, indem sie untertauchte. Leider starb sie am 21. Mai 1945, kurz nach Kreigsende, an einer Lungenentzündung. Liebas Schwester Helene floh im September 1939 nach Polen, ihr Schicksal ist unbekannt.