Franz Ferentz Kuhn

Location 
Hektorstraße 20
District
Halensee
Stone was laid
17 July 2007
Born
04 April 1896 in Breslau (Schlesien) / Wrocław
Deportation
on 19 February 1943 to Auschwitz
Murdered
in Auschwitz
Biography

Franz Ferentz Kuhn wurde am 4. April 1896 in Breslau geboren. Für seine Eltern, den aus Zobten am Berge (Sobótka, Polen) in Niederschlesien stammenden praktischen Arzt Dr. med. Leopold Kuhn (*28. Juli 1858) und dessen Ehefrau Martha Kuhn geborene Danziger (*23. September 1853), war er das älteste von insgesamt zwei Kindern. Seine Schwester Lotte (*1898) wurde geboren als Franz zwei Jahre alt war. 

Seine Mutter war bei seiner Geburt schon 43 und bei der Geburt seiner Schwester 45 Jahre alt. Wann sie starb, ist nicht bekannt. Sein Vater Leopold heiratete in zweiter Ehe Meta Winkler (*16. Juli 1889) aus Obernigk (Oborniki Śląskie, Polen) im Kreis Trebnitz (Trzebnica, Polen).

Franz Kuhn lernte seine spätere Ehefrau Hertha Löwenthal (*1. Oktober 1899 ) aus Magdeburg im Studium an einer Handelshochschule in Berlin kennen. Beide schlossen ihre Ausbildung als „Diplom-Kaufmann“ ab und heirateten im Mai 1924 in Magdeburg. Ihre Tochter Hannah wurde am 15. August 1928 in Berlin geboren. 1929 ging die kleine Familie nach Köln. Dort besuchte Hannah einen Kindergarten und wurde zum Teil von einem Kindermädchen betreut, weil ihre Eltern beide voll berufstätig waren.

Franz und Hertha waren ein sehr modernes Paar. Zuhause trug Hertha lila Samthosen und rauchte Pfeife. Franz war sehr musikalisch und machte in der Wohnung Kammermusik mit Freunden. Er spielte Cello und Piano. Am Wochenende fuhren sie mit ihrem Boot auf dem Rhein.

Von Köln zogen sie nach Cottbus, wo Hannah 1934 in die städtische Volksschule eingeschult wurde. Nach der Verabschiedung der Nürnberger Rassegesetze machte Franz eine Ausbildung zum Podologen und Masseur in Berlin, da er glaubte, dass dieser Beruf ihnen die Auswanderung erleichtern würde, denn als Geschäftsmann waren alle seine Anträge zur Auswanderung nach Neuseeland, Australien und die USA abgelehnt worden. Als er seine Ausbildung zum Fußpfleger abgeschlossen hatte, praktizierte er anfangs in der Lietzenburger Straße 5 im Gartenhaus Parterre. Seine Ehefrau Hertha und seine Tochter Hannah, die inzwischen schon 10 Jahre alt war, folgten ihm im September 1938 nach Berlin. Franz und Hertha war klar, dass zumindest ihre Tochter so schnell wie möglich Deutschland verlassen müsse. 

Nach den Ausschreitungen in der Pogromnacht hielt sich die Familie am 10. November 1938 den ganzen Tag auf der Straße auf, aus Angst, von der Gestapo festgenommen zu werden. Am 1. Dezember 1938 zogen sie in das Gartenhaus der Düsseldorfer Straße 14 in Berlin-Wilmersdorf. 

Ein Versuch, Hannah mit der Heilsarmee außer Landes zu bringen, scheiterte. Eine schon ausgewanderte Freundin mit Namen Edith Heskel stellte Kontakte zu Verantwortlichen der Kindertransporte in London her. Briefe gingen hin und her, bis sie schließlich alle Papiere zusammen hatten. Am 15. April 1939 wurde Hannahs Kinderausweis ausgestellt. Am 19. April 1939 morgens um 6.30 Uhr hieß es auf dem Bahnhof von ihrer Tochter Abschied zu nehmen.

Alle drei klammerten sich an den Spruch: „Das wird ein tolles Abenteuer.“ Sie versprachen ihrem „Hannele“ nachzukommen, sobald sie alle Papiere beisammen hätten. Um den Abschied zu erleichtern, baten sie ihre Tochter, bei der übernächsten Station aus dem Fenster  zu schauen. Das tat sie und da standen ihre Eltern auf dem Bahnsteig und winkten ihr zu. Das war das letzte Mal, dass sie ihre Eltern sah. Nach ca. 30 Stunden Fahrt kam sie am 21. April 1939 in London an, wo sie von ihren neuen „aunties“ (Tanten), den jüdischen Schwestern Millie und Sophie Levy, abgeholt wurde.

Bei der Minderheiten-Volkszählung am 17. Mai 1939 waren Franz und Hertha noch in der Düsseldorfer Straße 14 gemeldet. Am 1. September 1939 zogen sie in die Hektorstraße 20 in Berlin-Halensee, wo sie ein Zimmer im Vorderhaus der zweiten Etage für 42,75 RM mieteten. Die Benutzung einer gemeinsamen Küche war in der Miete enthalten.

Bis zum Kriegsbeginn am 1. September 1939 konnten sie sich Briefe mit Hannah schreiben. Danach ging der Postverkehr über die neutrale Schweiz und das Rote Kreuz. Erlaubt war nur noch eine Postkarte mit höchstens 25 Worten. Manche Briefe wurden durch Freunde aus Deutschland herausgeschmuggelt und dann aus dem Ausland nach Großbritannien versandt.

Franz und Hertha wurden nicht zur Zwangsarbeit herangezogen, da sie beide durch die selbstständige Arbeit als „Fußbehandler“ für ihren Lebensunterhalt aufkommen konnten.

Am 22. Juni 1942 bekam Hannah den letzten Brief ihrer Eltern.

Am 7. Dezember 1942 wurde Hertha aufgefordert, eine Vermögenserklärung auszufüllen. Sie wurde bis zu ihrer Abreise in der Großen Hamburger Straße 26 interniert. Mit dem 25. Osttransport deportierte die Gestapo sie am 14. Dezember 1942 zusammen mit 812 Leidensgenossinnen und -genossen in das Vernichtungslager Auschwitz, wo sie sie ermordeten.

Noch im Dezember 1942 schrieb Franz seiner Tochter und deren „Tanten“ in Großbritannien: „Tut mir leid, schlechte Nachrichten. Mama ist am 14. Dezember ausgewandert. Ich bin selbst entsetzt, aber zuversichtlich, dass es nach dem Krieg zu einer Familienwiedervereinigung kommen wird.“ Am 24. Januar 1943 schrieb er eine letzte Nachricht an seine Tochter.

Mit dem 29. Osttransport wurde Franz Kuhn am 19. Februar 1943 ebenfalls nach Auschwitz deportiert und ermordet. Franz Kuhn starb mit 46 Jahren aufgrund eines großen Verbrechens gegen die Menschlichkeit.

Franz Stiefmutter Meta Kuhn, die keine Jüdin war, hielt weiterhin Kontakt zu ihrer Stiefenkelin Hannah in Großbritannien. In ihrem letzten Schreiben vom 13. Juni 1944 schrieb sie: „Sobald ich Näheres von Eltern höre, folgt umgehende Nachricht“. Meta Kuhn wurde vermutlich beim Vormarsch der Roten Armee getötet.

Hannah Kuhn heiratete am 21. Mai 1950 Bob Kirk, der als Kind ebenfalls mit einem Kindertransport aus Hannover nach England gebracht worden war. Hannah, die sich in Großbritannien Ann nannte, leistete ihr Leben lang Holocaust -Aufklärung und pädagogische Erinnerungs- und Gedenkarbeit. Sie war davon überzeugt, dass „die kommenden Generationen wissen müssen, was geschehen ist. Denn ohne Wissen gibt es keine Erinnerung“. Die Stolpersteine für ihre Eltern Franz und Hertha Kuhn wurden von ihr initiiert.

Ann Kirk starb am 28. Januar 2025 mit 97 Jahren, sechs Wochen nach dem Tod ihres Ehemannes Bob Kirk, der im Dezember 2024 mit 99 Jahren gestorben war.

Hertha Kuhn wurde am 14. Dezember 1942 mit dem „25. Osttransport“ und Franz Kuhn am 19. Februar 1943 mit dem „29. Osttransport“ nach Auschwitz deportiert und dort ermordet. Ihre Tochter konnte am 19. April 1939 mit einem Kindertransport nach England entkommen, sie war 10 Jahre alt. Sie hat die Stolpersteine gespendet.