Isidor Riesenburger kam am 11. August 1893 in Drausnitz, Kreis Tuchel in Westpreußen (heute Drożdzienica/Polen) zur Welt. Seine Eltern, der jüdische Kaufmann Emil Riesenburger und dessen Ehefrau Julie, geb. Meyer, hatten noch drei weitere Kinder: Auch Hermann, Renate und Frieda wurden in Drausnitz geboren. Renate heiratete noch im Februar 1913 dort.
Danach zog die Familie Riesenburger nach Marzahn (damals noch bei Berlin) in die Dorfstraße 6a (heute Alt-Marzahn Nr. 39). Emil Riesenburger betrieb in Marzahn ein Kaufhaus für Kolonial- und Haushaltswaren.
Isidor wurde, wie sein Vater, Kaufmann von Beruf und arbeitete sehr wahrscheinlich im väterlichen Kaufhaus. Seine Mutter Julie starb 1915.
Am 9.9.1919 heiratete Isidor Riesenburger die 1897 in Berlin geborene Hertha Heidemann. Vier Wochen vor dieser Hochzeit schlossen auch Isidors Schwester Frieda und Herthas Bruder Moritz Heidemann den Bund fürs Leben. Die Geschwister Riesenburger wohnten laut Eheurkunden bei ihrem Vater in Marzahn, Dorfstraße 6a (heute Alt-Marzahn Nr. 39). Die Geschwister Heidemann wohnten bei ihrer verwitweten Mutter in der Landsberger Straße 57 in Berlin-Mitte (die Straße ist in den 60er Jahren überbaut worden).
Isidor und Hertha Riesenburger bekamen im September 1920 die Tochter Lieselotte. Die junge Familie zog 1921 nach Berlin-Charlottenburg in die Augsburger Straße 23. Hier kam im Juni 1925 die zweite Tochter Ruth zur Welt. Zwischen 1927 und 1929 erfolgte dann ein erneuter Umzug nach Berlin-Kaulsdorf in die Friedrichstraße 26, II. Etage. Isidor wird bis 1933 im Berliner Adressbuch unter dieser Anschrift als Haushaltsvorstand genannt. Ein erneuter Umzug erfolgte 1934 nach Berlin-Prenzlauer Berg. Das Berliner Adressbuch von 1935 nennt Isidor mit der Anschrift Jablonskistraße 26 als Kaufmann mit eigenem Telefonanschluss. In den Telefonbüchern der Jahre 1935 bis 1939 ist er als Versicherungsvertreter dokumentiert.
Seine Töchter beendeten Ostern 1935 (Lieselotte) und 1939 (Ruth) die achtklassige Volksschule. Ruth musste 1938 für das letzte Schuljahr noch auf die Jüdische Schule wechseln, weil jüdischen Schülerinnen und Schülern mittlerweile der Besuch einer staatlichen Volksschule verboten war. Lieselotte Riesenburger nahm nach ihrem Schulabschluss eine Ausbildung zur Krankenschwester auf. Ruth erlernte später, vermutlich in einer Einrichtung der Jüdischen Kultusgemeinde, den Beruf einer Schneiderin.
Aus den Unterlagen der Volkszählung vom Mai 1939 wissen wir, dass Isidor, Hertha und Ruth Riesenburger am 17. Mai 1939 in der Jablonskistraße 26 wohnten. Lieselotte wohnte und arbeitete im Israelitischen Krankenheim in der Elsässer Straße 85 (heute Torstr. 146).
Wahrscheinlich haben die Familienmitglieder versucht, eine Ausreise aus Deutschland zu organisieren. Dazu waren außer Visa von Drittstaaten auch entsprechende Finanzmittel notwendig. Vermutlich an beidem scheiterte dieses Vorhaben.
Für Lieselotte tat sich über ihre Berufstätigkeit eine Möglichkeit zum Verlassen Deutschlands auf. Sie lernte an ihrem Arbeitsort den Sohn einer Patientin kennen, der ihr anbot, sie mit nach Shanghai zu nehmen. Ihre Eltern beschlossen, die 19-Jährige auf diese unwägbare Reise zu schicken.
Die übrigen Familienmitglieder blieben in Berlin zurück. Ihr Leben hatte sich seit der Machtübernahme der Nationalsozialisten bereits dramatisch verändert. In den Folgejahren sollten diese Veränderungen eine zuvor nicht vorstellbare Zuspitzung erfahren.
Isidor, Hertha und Ruth waren vermutlich ab 1939 wie alle jüdischen Bürgerinnen und Bürger, die durch die Maßnahmen des deutschen Staates ihre Arbeit oder Anstellung verloren hatten, zur Zwangsarbeit bei geringstem Einkommen verpflichtet. Aus seiner Vermögenserklärung von 1943 wissen wir, dass Isidor als Arbeiter bei der Abbruchfirma Zapke und Zimmermann in Tiergarten zwangsverpflichtet war.
Im Mai 1942 wechselte die Familie wahrscheinlich unfreiwillig die Wohnung. Sie zogen in die Christburger Straße 48. Dieses Haus gehörte seit 1907 der jüdischen Familie Michaelis und wurde inzwischen durch einen nichtjüdischen Verwalter bewirtschaftet.
Bereits im Oktober 1941 setzte das nationalsozialistische Vernichtungsprogramm mit der planmäßigen Deportation und Ermordung der jüdischen Bevölkerung Berlins ein.
Isidor, Hertha und Ruth Riesenburger wurden am 17. Mai 1943 aus der Christburger Straße 48 mit dem Transport I/92 nach Theresienstadt deportiert. Im September 1944 wurden Isidor, Hertha und Ruth Riesenburger in das Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz verschleppt. Ruths Eltern wurden dort ermordet. Ihre genauen Todesdaten sind nicht dokumentiert.
Die 19-jährige Ruth wurde im November 1944 ins KZ Mauthausen „verlegt“. Dort wurde sie im Außenlager Lenzing zur Zwangsarbeit in der Kunstfaserproduktion der Lenzing Zellwolle AG eingesetzt. Am 8. Mai 1945 wurde dieses KZ samt Außenlager von der 3. US-Army befreit. Ruth hatte überlebt!
Am 22. August 1946 verließ Ruth gemeinsam mit ihrem zukünftigen Ehemann, Hans-Werner Alterthum, Deutschland. Er war 1945 in Mauthausen/Gusen befreit worden. Auf dem Schiff „Marine Perch“ fuhren sie von Bremen nach New York, USA.
Im Jahr 1947 kamen Ruths Schwester Lieselotte und deren Ehemann aus Shanghai nach New York. Hier sahen sich die Schwestern erstmals nach dem Krieg wieder.
Nach ihrem Tod wurden beide ihrem Wunsch entsprechend auf dem Jüdischen Friedhof in Berlin-Weißensee bestattet.
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