Hermann Hartstein

Location 
Konstanzer Straße 58
District
Wilmersdorf
Stone was laid
06 October 2021
Born
27 September 1874 in Groß-Sabin (Pommern) / Żabin
Deportation
on 26 September 1942 to Raasiku
Murdered
in Raasiku
Biography

Hermann Hartstein kam am 27. September 1874 als erstes von insgesamt fünf Kindern in Groß-Sabin (heute Żabin, Polen), Kreis Dramburg in Westpommern, zur Welt. Sein Vater Pinkus Hartstein war damals 30 Jahre und seine Mutter Jeanette Hartstein, geborene Lilienthal, 23 Jahre alt. Sechs Jahre später wurde sein Bruder Martin in Falkenburg (heute Złocieniec, Polen) geboren, wohin die Familie in der Zwischenzeit gezogen war. Hier kamen auch Hermanns Schwester Martha, sein Bruder Siegmund und seine jüngste Schwester Frieda zur Welt.

Pinkus Hartstein war Inhaber einer Getreidehandlung und einer Handelssämerei. Wie sein Vater wurde auch Hermann von Beruf Kaufmann. Als sein Vater am 12. Januar 1899 in Falkenburg starb, war Hermann 24 Jahre alt und sah seine Zukunft in der aufblühenden Reichshauptstadt Berlin. Wann genau er dorthin umsiedelte, konnte nicht recherchiert werden. Bei seiner Verlobung am 12. März 1911 wohnte er mit seiner Mutter und den noch unverheirateten Geschwistern in der Spenerstraße 22 in Berlin-Moabit.

Schon ein Jahr vorher, 1910, hatte Hermann zusammen mit seinem Bruder Martin Hartstein laut Handelsregister HRA 90-88386 die Offene Handelsgesellschaft (OHG) „Wilhelm Cohn, Berlin“, gegründet. Laut Handelsregister gab es die Firma „Wilhelm Cohn, Textil und Bekleidung“ schon seit 1902 in der Klosterstr. 17/19 in Berlin-Mitte. Hermann war mit einem 2/3-Anteil an der Gesellschaft beteiligt, sein sechs Jahre jüngerer Bruder Martin mit einem 1/3-Anteil.

Am 1. Juni 1911 heiratete Hermann die 23-jährige Wally Valerie Borchardt. Am 10. März 1912 wurden sie Eltern einer Tochter, die sie Hilde nannten. Vier Jahre später kam am 19. Februar 1916 das zweite Kind, der Sohn Hans, zur Welt. Damals wohnte die Familie in der Brandenburgischen Str. 28 in Berlin-Wilmersdorf, einer Stadt mit einem verhältnismäßig hohen jüdischen Bevölkerungsanteil, die 1920 nach Groß-Berlin eingemeindet wurde. 

Mitte der 1920er-Jahre lag das durchschnittliche Jahreseinkommen von Hermann und Wally Hartstein aus der OHG und der zum Unternehmen gehörenden „Gardinenfabrik Herma“ in Plauen im Vogtland bei ca. 100.000 RM, was einem gegenwärtigen Wert von etwa 500.000 Euro entspricht. Trotz Wirtschaftskrise erzielte die Firma Anfang der zwanziger Jahre hohe Umsätze. In der Firma „Wilhelm Cohn, Berlin“, arbeiteten immer mindestens 20 Personen, erinnerte sich 1964 Hans Hartstein, der von etwa 1934 bis zu seiner Emigration 1938 ebenfalls dort beschäftigt war.

1924 ließen sich Hermann und Wally Hartstein von dem stadtbekannten Architekten Georg Caro eine 19-Zimmer-Villa entwerfen. Das Haus ließen sie in der Musäusstraße 8 in Berlin-Dahlem, einem der privilegiertesten Ortsteile Berlins, erbauen. Um 1925 zog die vierköpfige Familie mit ihren Hausangestellten dort ein.

Zu seinem 60. Geburtstag 1934 schenkte Hermann seiner Ehefrau Wally einen sehr kostbaren Pelzmantel, der in Paris handgefertigt und von einem Mitarbeiter des Modehauses persönlich in Berlin ausgeliefert wurde.

Ihre Tochter Hilde war als Atem-Gymnastiklehrerin für Berufsredner, Sänger und Schauspieler tätig und machte eine weitere Ausbildung als Bühnentänzerin. Als sie aufgrund der Sondergesetze gegen Jüdinnen und Juden von der Ausbildung ausgeschlossen wurde und Aufträge ausblieben, unterstützten ihre Eltern sie finanziell. Am 25. Dezember 1935 heiratete sie den polnischen Kaufmann Julius Kalinowski, der Inhaber dreier Schuhgeschäfte in Berlin war. Seine Geschäfte litten ebenfalls unter den antisemitischen Maßnahmen der Nationalsozialisten, weswegen auch er Unterstützung durch das Ehepaar Hartstein erfuhr.

Am 1. Juni 1936 konnten Hermann und Wally ihre Silberhochzeit noch in der Villa in Dahlem feiern.

Nur drei Monate später mussten sie ihr Haus verlassen und auf Druck der Nazis verkaufen. Daraufhin bezogen sie am 1. September 1936 eine 6 ½-Zimmer-Mietwohnung im I. Stock der Konstanzer Str. 58 in Berlin-Wilmersdorf. Diese lag ganz in der Nähe ihrer ersten gemeinsamen Wohnung in der Brandenburgischen Straße 28.

Bereits seit 1933 erfolgten die ersten „Arisierungen“ in der Wirtschaft. Anfänglich, bis zum November 1938, waren diese Übernahmen jüdischer Unternehmen durch „arische“ – also im Sinne der Nationalsozialisten nichtjüdische Deutsche – noch mehr oder weniger „freiwillig“. Raul Hilberg schreibt dazu: „Das Wort freiwillig gehört in Anführungszeichen, weil unter dem Nazi-Regime nicht ein einziger Verkauf jüdischen Eigentums freiwillig im Sinne eines in einer freien Gesellschaft frei ausgehandelten Vertrages erfolgte. Die Juden wurden massiv zum Verkauf genötigt.“ Grund genug für die Hartsteins, sich über den Verkauf ihres Unternehmens Gedanken zu machen.

Laut Verordnung vom 26. April 1938 mussten Hermann und Wally wie alle Jüdinnen und Juden im Reich, die über mehr als 5.000 RM verfügten, ihr Vermögen detailliert deklarieren. Unter diese Verordnung fielen auch Gegenstände aus Edelmetall, Juwelen und Perlen.

Die „Gardinenfabrik Herma“ verkauften sie noch im August 1938. Das Unternehmen wurde für einen Schleuderpreis von 15.051,38 RM an den Kaufmann Max Arthur Michel aus Tirpersdorf abgetreten. Allein die Maschinen und das Warenlager waren nach einer späteren Schätzung von Hermanns Schwester Frieda Steinhagen mindestens 100.000 RM wert. Die Firma hieß fortan „Max Michel Gardinenfabrikation“.

Noch bevor die Reisepässe von Jüdinnen und Juden im Oktober 1938 mit einem „J“ versehen wurden, gelang es der 26-jährigen Tochter Hilde Kalinowski am 31. August 1938 nach New York zu emigrieren. Ihrem 22-jährigen Bruder Hans gelang ungefähr zur gleichen Zeit die Flucht über Holland und England nach Australien. Er erreichte Sydney am 13. Oktober 1938 auf dem Schiff „Stratheden“.

Der Erlös aus der Fabrik in Plauen reichte nicht, um die ersten Raten der sogenannten „Judenvermögensabgabe“, die im Dezember 1938 erstmals als „Sühneleistung“ für die „feindliche Haltung des Judentums gegenüber dem deutschen Volk“ fällig wurde, zu bezahlen. Auf Grundlage des 1938 deklarierten Vermögens wurden 20 % davon in fünf Raten vom zuständigen Finanzamt eingezogen.

Am 15. Dezember des Jahres sah sich Hermann deshalb gezwungen, auch seine Lebensversicherung, die 1950 zu Wallys 63. Geburtstag zur Auszahlung gekommen wäre, zu kündigen. 

Die gemeinsame Firma „Wilhelm Cohn“ in Berlin konnte zu diesem Zeitpunkt nicht mehr verkauft werden. Der Reichstreuhänder für Arbeit setzte laut Anordnung vom 16. Januar 1939 den Diplomkaufmann Walter Klebba zur einstweiligen Fortführung und Abwicklung des Betriebes ein, was einer Enteignung gleichkam. Acht Tage später wurden Hermann und sein Bruder Martin wegen Verdachts eines Devisenvergehens festgenommen.

Martin wurde am nächsten Tag wieder entlassen. Hermann saß etwa zwei Monate in der Untersuchungshaftanstalt Moabit. Wegen angeblicher Fluchtgefahr blieb er in Haft. Das Verfahren gegen ihn wurde aus Mangel an Beweisen am 22. März 1939 eingestellt.

Der Gardinen-Großhandel konnte nur noch bis zum 31. März 1939 fortgeführt werden. Hermann und Martin Hartstein blieb nichts anderes übrig, als am 23. November 1939 die Löschung der Firma „Wilhelm Cohn, Berlin“ beim Handelsregister zu beantragen. Der eingesetzte Treuhänder Klebba hatte die Firma wirtschaftlich zugrunde gerichtet.

Frieda Steinhagen geborene Hartstein, die jüngste Schwester der beiden Inhaber, war bis 1939 Kontovorsteherin bei „Wilhelm Cohn, Berlin“. Sie erklärte 1954 an Eides statt, dass der von den Nazis eingesetzte Verwalter die vorhandenen Waren und Einrichtungsgegenstände des Geschäftes an nationalsozialistische Angestellte und unbekannte Personen vergeben habe, was einer Plünderung der Firma gleichkam. Das Rückerstattungsgericht erkannte 1954 jedoch keinen Schadensersatzanspruch an, da allein die Einsetzung eines Treuhänders ihrer Ansicht nach keine Entziehung darstellen würde.

Ab dem 21. Februar 1939 mussten die Hartsteins ihre Wertsachen wie Gold, Silber und Schmuck bei der Pfandleihstelle in der Jägerstraße in Berlin-Kreuzberg abgeben. 

Da es zu diesem Zeitpunkt nicht möglich war, Briefe direkt an die Tochter Hilde in die USA zu senden, schrieb Wally an ihre Schwester Claire Mayer, geborene Hartstein, der noch Ende 1938 die Flucht nach London gelungen war. Claire leitete dann die Briefe an Hilde in New York weiter. In einem dieser Briefe berichtete Wally davon, dass sie auch ihren kostbaren Pelzmantel abgeben musste.

Die Wohnung in der Konstanzer Straße 58 teilten sich die Hartsteins ab 1939 mit der dreiköpfigen Familie Borchardt, die sie zur Untermiete aufnehmen mussten. Der Untermietbetrag in Höhe von 130 RM half ihnen, die Miete von insgesamt 225 RM zu zahlen. Die Familien lebten etwa drei Jahre zusammen.

Die Entscheidung der Hartsteins, in Deutschland zu bleiben, ist wohl in erster Linie auf ihre Hoffnung zurückzuführen, in Berlin noch eine relative finanzielle Sicherheit zu haben, verglichen mit den Unwägbarkeiten des Exils.

Bei der „Vergeltungsaktion“ nach dem Anschlag der jüdischen Widerstandsgruppe um Herbert Baum, wurde Rudolf Steinhagen, der Ehemann von Hermanns jüngster Schwester Frieda, am 27. Mai 1942 verhaftet. Er wurde in das Konzentrationslager Sachsenhausen verschleppt und dort ermordet. Am 5. Juni 1942 wurden Frauen und Kinder der verhafteten Männer, darunter auch Frieda und ihr Sohn Gerhard, nach Theresienstadt deportiert.

Ob in diesem Zusammenhang auch Hermann und Wally Hartstein von der Gestapo festgesetzt wurden, ist nicht bekannt. Am 8. Juni 1942 wurden Hermann und Wally aufgefordert, die berüchtigte Vermögenserklärung auszufüllen. Von ihrem großen Vermögen blieben ihnen noch 4.298,60 RM auf einem Sparkonto bei der Dresdener Bank und 3.300 RM auf einem Sperrkonto für die gezahlte Reichsfluchtsteuer. Nach der Deportation ging dieses Geld nach Abzug von Forderungen in den Besitz des Deutschen Reiches über.

Noch vor ihrer eigenen Deportation wurde Hermanns Bruder und langjähriger Geschäftspartner Martin zusammen mit seiner Ehefrau Marie, geborene Erlanger, am 15. August 1942 nach Riga verschleppt. Dort wurde das Ehepaar am 18. August 1942 ermordet. Ihre 14-jährige Tochter Lore konnten sie noch im November 1939 mit einem Kindertransport nach England in Sicherheit bringen.

Erst vier Monate nach dem Ausfüllen der Vermögenserklärung, am 26. September 1942, deportierte die Gestapo den 68-jährigen Hermann Hartstein und seine 55-jährige Ehefrau Wally. Zusammen mit etwa 800 weiteren Berliner Jüdinnen und Juden wurde das Ehepaar auf dem sogenannten „20. Osttransport“ (Welle 32) nach Raasiku in Estland verschleppt. Am Güterbahnhof Moabit wurde dem Transport ein Deportationszug aus Frankfurt/Main mit etwa 230 weiteren Menschen angekoppelt.

Nach Ankunft in Raasiku kam ein Teil der Deportierten in das Lager Jägala, ein weiterer kleinerer Teil in ein Arbeitslager in der Nähe von Riga. Die übrigen Deportierten wurden in einem nahegelegenen Waldgebiet (Kalevi-Liiva) direkt nach ihrer Ankunft erschossen. Es ist anzunehmen, dass auch Wally und Hermann Hartstein dort ermordet wurden.

Die Verlegung der Stolpersteine für Hermann und Wally Hartstein in der Konstanzer Str. 58 wurde durch die Großnichte von John Harts Ehefrau (ehemals Hans Hartstein, Sohn von Hermann und Wally Hartstein), Susan Crosby aus Sydney, Australien initiiert.