Willy Angerthal wurde am 10. Februar 1882 in Casekow im damaligen Kreis Randow in der preußischen Provinz Pommern geboren. Seine Eltern, der Kaufmann Max Angerthal und seine Frau Henriette geb. Unger, hatten insgesamt vier Kinder, drei Söhne, neben Willy noch Siegfried (Jg. 1878) und Gustav (Jg. 1888), und die Tochter Elise (Jg. 1883). Über die Kindheit und Jugend von Willy wissen wir nichts, aber er scheint als gelernter Kaufmann dann doch recht früh von Casekow nach Berlin gegangen zu sein. 1910 taucht er im Berliner Adressbuch mit der Anschrift Greifswalder Straße 197 auf. Er ist dort als Kaufmann der Firma ‚Nord-Ost‘ Bekleidungsindustrie für Herren- und Knaben-Garderobe notiert. 1920 wird er als Inhaber der Firma Bruno Winkel & Co. Knabenkonfektion in der Fruchtstraße 51 in Berlin-Mitte genannt, fünf Jahre später als Inhaber der ‚Fabrik von Knaben- und Burschenkonfektion‘ in der Roßstraße 19/20. Diese Firma führte er bis zum Ende seiner Berufstätigkeit. 1938 ist ein neuer Eigentümer im Adressbuch vermerkt.
Willy Angerthal hat in erster Ehe die Kassiererin Helene Rosenthal, geboren am 8. Januar 1883 in Thorn, damals zu Preußen gehörig, heute das polnische Torun, geheiratet. Zum Zeitpunkt der Eheschließung lebte sie bei ihren Eltern, dem Schneidermeister Louis Rosenthal und seiner Frau Emma geb. Linski, in Stettin. Dort lebte auch Willys Mutter, die nach dem Tod ihres Ehemannes von Casekow dorthin gezogen war. Die Eheleute Willy und Helene Angerthal bekamen einen Sohn, Kurt, geboren am 8. Juli 1918 in Berlin. Jahrelang wohnte die Familie in der Greifswalder Straße am Prenzlauer Berg, 1923 verzog sie in die Kirchstraße 20 nach Moabit. 1932 wechselte man dann in eine repräsentative Villa in die Bismarckstr. 17/19 am Wannsee. Die Veränderung der Wohnsituation zeigt deutlich, dass die Familie zu diesem Zeitpunkt über entsprechendes Vermögen und Einkommen verfügte. Als Eigentümerin war Helene Angerthal eingetragen, eventuell hatte sie entsprechendes Vermögen in die Ehe eingebracht. Auch ein gewerblich genutztes Grundstück in der Rosenheimer Straße 18 in Schöneberg gehörte den Angerthals. Am 5. Januar 1936 starb Helene Angerthal.
In den folgenden Jahren verschärft sich die Diskriminierung und Verfolgung der Juden im deutschen Reich immer mehr. Vermutlich versuchten Vater und Sohn Angerthal ihre Auswanderung zu organisieren. Bereits im Oktober 1936 verkaufte Willy Angerthal dasGrundstück in Schöneberg zum Preis von 84.500 RM, im März 1939 verkaufte er auch das von seiner Frau geerbte Haus Bismarckstraße 17/19, in dem er immer noch mit dem Sohn Kurt wohnte, für 43.000 RM an ein Ehepaar aus Wien. Dieses Haus war zu dem Zeitpunkt bereits mit einer Sicherungshypothek von 20.900 RM als Sicherheit für eine eventuell anfallende Reichsfluchtsteuer belegt. Darüber hinaus zahlte Willy Angerthal 3.500 RM "Judenvermögensabgabe".
Die Auswanderung ist Willy Angerthal nicht mehr gelungen. 1942 heiratete er ein zweites Mal, und zwar Margarethe Orbach, geb. am 2. September 1893 in Kreuzburg. Auch für sie war es die 2. Ehe. Nach der Scheidung von Karl Zander, mit dem sie in Krefeld wohnend zwei Kinder hatte, kam sie nach Berlin. Schon bald nach der Heirat, am 27. Mai 1942, wurde Willy Angerthal, der jetzt am Engeldamm in Berlin-Kreuzberg wohnte, im Rahmen einer Racheaktion zusammen mit weiteren 153 jüdischen Männern verhaftet. Sie wurden in das KZ Sachsenhausen geschafft und am nächsten Tag dort erschossen. Am 29. Mai wurden weitere 96 jüdische Männer aus bereits im Lager Inhaftierten ausgewählt und ebenfalls ermordet. Die Racheaktion war von Goebbels und Himmler nach dem Anschlag der sog. Gruppe Baum auf die Ausstellung ‚das Sowjet-Paradies‘ im Lustgarten am 18. Mai 1942 in Gang gesetzt worden. Auch Willy Angerthals zweite Frau überlebte den Holocaust nicht. Margarethe Angerthal wurde nur drei Wochen nach der Ermordung ihres Mannes mit dem 8. Alterstransport am 19. Juni 1942 von Berlin nach Theresienstadt deportiert. Nach mehr als zwei Jahren Überleben unter den schrecklichen Bedingungen des Ghettos wurde sie mit dem Transport Ep Nr. 190 am 9. Oktober 1944 von Theresienstadt nach Auschwitz geschafft und dort ermordet.
Dagegen konnte Kurt Angerthal Deutschland bereits vor dem Krieg verlassen und nach England auswandern. In den britischen Aufzeichnungen findet er sich erstmals im Register vom Anfang September 1939. Zu diesem Zeitpunkt lebte er in Southend-on-Sea. Dort wohnte er in einem Zimmer zur Untermiete bei Harry Wilson, einem Busfahrer, und arbeitete als Fotografenlehrling. Später war er eine Zeitlang beim Militär und wurde 1947 unter dem neuen, von ihm selbst gewählten Namen Dan Arden eingebürgert. Als Pressefotograf machte er eine erstaunliche Karriere. Das Britische Parlament entließ ihn 2002 mit folgenden Worten in den Ruhestand: „Dieses Hohe Haus stellt fest, dass Dan Arden MBE nach 65 Jahren als hervorragender Fotograf, darunter fast 40 Jahre für den Shropshire Star und in jüngerer Zeit für den Newport Advertiser, an seinem 85. Geburtstag am 8. Juli in den Ruhestand gehen wird; … es würdigt die vielen Erfolge in seiner Karriere, darunter die seltene Auszeichnung, sechs aufeinanderfolgende Premierminister fotografiert zu haben.“ Bei der Gelegenheit erhielt er den MBE, der ihm von der Queen überreicht wurde. Er starb am 12. Februar 2004 in Newport, Shropshire.
Die Übernahme des Vermögens der Familie Angerthal durch den nationalsozialistischen Staat nach Ermordung und Deportation lässt sich nicht mehr rekonstruieren, da die entsprechenden Akten der Finanzverwaltung vernichtet bzw. verloren gegangen sind. Aus einer Mitteilung der Commerzbank aus dem Jahre 1966 an die Restitutionsstelle beim Landgericht Berlin geht aber hervor, dass noch am 2. März 1945 Wertpapiere aus dem ‚Nachlass-Depot‘ von Willy Angerthal auf die Reichsbank übertragen wurden. 1955 ging ein letzter noch im Bankdepot verbliebener Wertpapierbestand an die JRSO (Jewish Restitution Successor Organization).
Nach dem Krieg gab es verschiedene Rückerstattungsverfahren im Zusammenhang mit den zwei Grundstücken in der Rosenheimer Straße 38 in Schöneberg und der Bismarckstr. 17/18 in Wannsee von Willy Angerthal. Diese Verfahren wurden nicht von Erben, sondern von der JRSO angestrengt. Diese jüdische Institution war die von der amerikanischen Besatzungsmacht legitimierte Interessenvertreterin und Treuhänderin für jüdische Vermögen im US-Sektor. 1959 wurden erneut Rückerstattungsanträge gestellt, dieses Mal von Elsa Zollmann geb. Orbach, wohnhaft in Los Angeles, und Alfred Orbach, wohnhaft in Israel, Geschwister von Margarete Angerthal. Dabei geht es um Entschädigungen für den Hausrat, die zwangsweise abgelieferten Gold- und Silberwaren und den Schmuck sowie den gesamten Hausrat. Der durch Gutachten berechnete und zu entschädigende Wert betrug rund 15.000 DM und macht deutlich, dass die Angerthals in gut bürgerlichen Verhältnissen gelebt hatten. 1963 meldete sich Elsa Paulick geb. Orbach, eine Verwandte von Margarethe Angerthal, und beantragte als Erbin entsprechende Entschädigung. Ein Ergebnis hierzu liegt nicht vor.
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