Joseph Schwarzleder wurde am 5. August 1895 in Vilnius in eine jüdische Familie geboren. Zu diesem Zeitpunkt war die Stadt eines der Zentren jüdischen Lebens in Osteuropa; sie wurde auch das „Jerusalem des Nordens“ genannt. Jüdische Menschen stellten ein Drittel der Stadtbevölkerung. Weder über Josephs Eltern noch über seine Kindheit und Jugend ist etwas bekannt. Doch wird er das von polnischen Soldaten organisierte Pogrom gegen die jüdische Bevölkerung von 1919 mit seinen 24 Jahren mitbekommen haben, ob noch vor Ort oder aus Erzählungen der Familie. Warum Joseph Schwarzleder nach Berlin zog, ist auch nicht bekannt. Da er aber Zeit seines Lebens in allen Akten als Litauer geführt wird und Litauen erst 1918 eine temporäre Unabhängigkeit erzielte, ist es wahrscheinlich, dass er erst nach 1918 ausgewandert ist.
In Berlin arbeitete Joseph Schwarzleder als Tabakschneider, vermutlich in einer der großen Zigarettenfabriken. Hier heiratete er die acht Jahre jüngere Charlotte Wurgart, mit der er Anfang Januar 1930 einen Sohn bekam, den sie Max nannten. Auch über das Leben der Familie in dieser Zeit wissen wir wenig. Doch werden die sich verschärfenden politischen Bedingungen sich auf ihr Leben konkret ausgewirkt haben. Die Machtübernahme der Nationalsozialisten werden die Schwarzleders aufgrund ihrer jüdischen Herkunft mit Sorge und Angst betrachtet haben. Zumal sie in der Boxhagener Straße 14 im Stadtteil Friedrichshain lebten; dieser Bezirk wurde in „Horst Wessel Stadt“ umbenannt und sollte von den Nationalsozialisten zu einem „braunen Stadtteil“ umgeformt werden.
Josephs und Charlottes Sohn wurde am 15. April 1936 in der „Knabenschule der jüdischen Gemeinde zu Berlin“ in der damaligen Kaiserstraße, nahe dem Polizeipräsidium am Alexanderplatz, eingeschult. Warum sie diese Schule mit dem verbundenen weiten Schulweg auswählten, bleibt uns verborgen. Gewiss ist aber, dass der kleine Max als jüdischer Junge auf eine jüdische Schule gehen musste, da der Herauswurf jüdischer Kinder 1936 in vorauseilendem Gehorsam an den allermeisten Schulen umgesetzt wurde. In dieser Zeit werden sich Joseph und seine Frau zur Flucht nach Belgien entschlossen haben. Sie hatten die politische Weitsicht und brachten den persönlichen Mut auf, mit ihrem kleinen Kind ihr bisheriges zu Hause zu verlassen. Auch hier wissen wir wenig über die Umstände, aber auf Max‘ Kennkarte der Reichsvereinigung der Juden steht, dass er am 9. Januar 1939 in Belgien gemeldet ist.
Joseph und seine Familie lebten erst ein gutes Jahr in Brüssel, als am 10. Mai 1940 das nationalsozialistische Deutschland die Niederlande, Belgien und Luxemburg angriff. Wir können uns den Schrecken, den der Einmarsch auslöste, schwer vorstellen. In Belgien lebten zu dieser Zeit ca. 90.000 jüdische Menschen, von denen nur 5–10% die belgische Staatsbürgerschaft hatten; die meisten waren Geflüchtete aus Polen, Deutschland, Österreich und der Tschechoslowakei. Zwischen dem 10. und 15. Mai 1940 wurden mehrere tausend ausländische Juden und Jüdinnen von den belgischen Behörden in das vom Vichy-Regime regierte Südfrankreich ausgewiesen und dort in Lager gesperrt – so auch die Schwarzleders. Auf der ‚Liste de Saint Cyprien‘ ist festgehalten, dass der Litauer Joseph Schwarzleder und die Deutsche Charlotte Wurgart nach ihrer Verhaftung in Brüssel vorerst in den Zwischenlagern Rodez und Albi interniert waren, von Max ist keine Rede.
Joseph Schwarzleder selbst wird im Lager Saint Cyprien im Südwesten Frankreichs als Gefangener gelistet. Ursprünglich für Interbrigadisten gebaut, die nach dem Sieg Francos in Spanien nach Frankreich geflohen waren, wurde das rudimentäre Lager am Strand vergrößert. Im Frühsommer 1940 wurden zwischen 4.400 und 8.000 „feindliche Ausländer“ in Saint Cyprien interniert. Die Bedingungen im Lager werden in diesem Zeitzeugenbericht eindrücklich beschrieben:
„Bedenkt man noch, daß die Internierten fast alle Familienväter sind, deren Frauen und Kinder getrennt in andern Lagern Frankreichs untergebracht sind, so scheint es begreiflich, daß der Drang nach der Freiheit mitunter zu einer Art Psychose wird. Manche, die ein Leben lang kaum einen Wunsch unerfüllt sahen, denen ein glückliches Geschick die Sorgen ums tägliche Brot ersparte, schlafen hier in karg gestreutem Stroh auf dem Sandboden einer primitiven Holzbaracke und essen aus angerosteten Blechtöpfen, die früher mit Wurstkonserven gefüllt waren. Die im Lager fehlende Lichtanlage ist notdürftig durch Kerzenbeleuchtung ersetzt, das Trinkwasser fehlt und die Gefahr der Infektions- und Magenkrankheiten bedeutet für alle Internierten eine wahre Zerreißprobe. Viele von uns, die beim ersten Antreten mit einem „présent“ antworteten, werden, wenn einst die doppelten Stacheldrahtschranken fallen, fehlen und ihre letzte Ruhestätte im Sand am Meeresstrand gefunden haben, gleich wie die Flüchtlinge aus Spanien, die hier im Frühjahr 1939 der Erschöpfung, der Ruhr, dem Typhus, der Malaria oder dem Heimweh erlegen sind.“
Es ist wahrscheinlich, dass Joseph von seiner Frau Charlotte und seinem Sohn Max getrennt wurde, sie werden in Saint Cyprien nicht gelistet. Das Lager wurde im Oktober 1940 aufgrund einer Überschwemmung aufgelöst, die meisten Gefangenen wurden in das Lager Gurs transportiert, in dem die Lebensbedingungen ähnlich furchtbar waren wie in Saint Cyprien. Die Wahrscheinlichkeit ist hoch, dass Joseph Schwarzleder das Schicksal vom Gros seiner Mithäftlinge geteilt hat. Auch wenn wir nicht genau rekonstruieren können, ob er seine Familie wiedersehen konnte, so liegt dies doch nahe. Für alle drei gibt es den Nachweis aus dem Lager Rivesaltes, das als „Familienzusammenführungslager“ galt. Hierher wurden viele der Häftlinge aus Gurs gebracht. Aus Rivesaltes wurde Joseph am selben Tag wie seine Frau und sein Kind im September 1942 nach Drancy verschleppt. Drancy bei Paris fungierte als „Sammellager“ für die Deportationszüge in den Tod. Dort wurde die Familie Schwarzleder am Morgen des 11. September 1942 mit 1.032 anderen Menschen in einen Zug gepfercht, sie kamen zwei Tage später in Auschwitz an und wurden dort vermutlich kurz nach ihrer Ankunft ermordet.
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