Johanna Wohl (genannt Hanna) kam am 21. Februar 1901 als Johanna Leiser in Lippehne (dem heutigen Lipiany in Polen) zur Welt. Gemeinsam mit ihrem Vater, dem Kaufmann Hermann Leiser und ihrer Mutter, Flora Leiser, geborene Springer, sowie ihren beiden jüngeren Brüdern Kurt und Heinz, verbrachte sie dort ihre Kindheit.
Am 01. Februar 1926 heiratete Hanna den am 16. März 1895 in Bublitz (dem heutigen Bobolice in Polen) geborenen Kaufmann Max Wohl. Gemeinsam lebten sie in den folgenden Jahren in Körlin a.d. Persante (dem heutigen Karlino in Polen) und besaßen dort ein Geschäftshaus. Auch ihre beiden Söhne Peter (*17. November 1926) und Horst (*25. Januar 1930) wurden in Körlin a.d. Persante geboren und erlebten dort die ersten Jahre ihrer Kindheit.
Am 10. September 1926, dem Jahr ihrer Hochzeit, verstarb Johannas Vater Hermann in ihrem Heimatort Lippehne.
Die furchtbaren Ereignisse der Reichspogromnacht vom 9. November 1938 führten in der Familie Wohl zu weitreichenden Entscheidungen. Die Eltern – um die Sicherheit ihrer Söhne bemüht – schickten die Kinder in größere Städte, wohl in der falschen Hoffnung, dass die Anonymität der Großstadt das Leben etwas sicherer gestalten könnte.
Schon am 21. November 1938 wechselte Johannas jüngster Sohn Horst auf eine Schule nach Berlin. Er zog zu seiner Tante Rosa und ihrem Ehemann Max Loewy. Die Loewys wohnten An der Bartholomäuskirche 2 in Friedrichshain (damals Horst-Wessel-Stadt). Zu diesem Zeitpunkt war Horst erst acht Jahre alt und ging das zweite Jahr zur Schule.
Auch den älteren Sohn Peter schickten die Eltern in die Großstadt Berlin. Nach Angaben der Schülerkartei zog Peter aus Stettin nach Berlin. Ob die Eltern nach der Reichspogromnacht zuerst versuchten, ihn dort unterzubringen oder es andere Gründe dafür gab, ist nicht bekannt.
Am 27. März 1939 – mit Beginn des neuen Schuljahres – wechselte Peter dann auf eine Jungen-Volksschule nach Berlin und wohnte bei der in "Mischehe" lebenden Familie des Zahnarztes Dr. John Lehmann und seiner Ehefrau Elisabeth, geb. Raddan, in der Alexanderstr. 21 in Berlin-Mitte.
Der älteste der beiden Lehmann-Söhne, Hans, begann im Mai 1939 eine landwirtschaftliche Ausbildung in Ellguth bei Steinau (dem heutigen Przydroże Wielkie in Polen), so dass die Familie Platz für die Aufnahmen von Peter hatte. Ob ein persönlicher Bezug zur Familie Lehmann bestand und ob die Ausbildung von Hans Lehmann eine Untermiete erst ermöglichte, ist nicht bekannt. Zu diesem Zeitpunkt war Peter erst zwölf Jahre alt.
Die Eltern Max und Hanna lebten weiter in Körlin a.d. Persante – wie man in den überlieferten Unterlagen der Volkszählung vom Mai 1939 entnehmen kann.
Am 18. Juli 1940 verstarb Horsts Onkel Max Loewy. Rosa Loewy, lebte in der Folge weiterhin mit ihrem Ziehkind Horst in der gemeinsamen Wohnung.
Am 27. Oktober 1941 wurde Rosa in das Ghetto Litzmannstadt deportiert. Ihr genaues Todesdatum ist nicht dokumentiert.
Ob Johanna und ihr Mann Max bereits nach dem Tod des Schwagers nach Berlin zogen, oder zuerst Peter zu seiner Tante und seinem Bruder Horst zog, ist nicht bekannt. Es ist anzunehmen, dass Johanna und Max spätestens zum Zeitpunkt der Deportation von Rosa Loewy im Oktober 1941 zu ihren Söhnen nach Berlin zogen.
Gemeinsam mit ihren beiden Söhnen lebten die Zwei zuletzt als Untermieter von Ernst und Lucie Finkenstein in einer Zweizimmerwohnung mit Küche in der Choriner Str. 71. Im Oktober 1942 wurde das Ehepaar Finkenstein nach Riga deportiert.
Die Mitglieder der Familie Wohl waren – wie alle „arbeitsfähigen“ jüdischen Bürgerinnen und Bürger ab dem Frühjahr 1939 – zur Zwangsarbeit verpflichtet. Vom Johannas jüngeren Sohn Horst ist bekannt, dass er zuletzt in der Gormannstr. 3 in Berlin beschäftigt war. Dieses Gebäude war vor der Nutzung durch die Nationalsozialisten ein sogenanntes Heimathaus und Altenheim der jüdischen Gemeinde. Ab November 1942 wurde das Gebäude auf Weisung der Gestapo zur Zentralküche der Jüdischen Gemeinde und diente teilweise auch als provisorisches „Sammellager“ für Deportationen. Die Arbeitsstellen der drei anderen Wohls sind nicht bekannt.
Johanna, Max und ihre beiden Söhne Horst und Peter wurden im Rahmen der sogenannten „Fabrikaktion“ festgenommen. Diese Großrazzia fand zwischen dem 1. und 12. März 1943 statt. Dabei wurden ca. 8000 bisher von der Deportation verschont gebliebene Berliner Jüdinnen und Juden, die bis zum 27. Februar 1943 noch zwangsbeschäftigt waren, meist direkt an ihren Arbeitsplätzen, auf offener Straße oder in ihren Wohnungen festgenommen. Sie wurden in Sammellager gebracht und anschließend nach Auschwitz deportiert.
Zuerst wurden Johanna und ihr ältester Sohn Peter am 1. März 1943 mit dem „31. Osttransport“ in das Vernichtungslager Auschwitz deportiert. Da ihre Namen auf den Transportlisten nicht zusammen aufgeführt sind, ist leider anzunehmen, dass sich die beiden während des Transportes noch nicht einmal sehen konnten.
Am darauffolgenden Tag mussten Max und Horst ihre sogenannten „Vermögenserklärungen“ unterschreiben. Ihr gesamtes Vermögen sowie das Grundstück in Körlin a.d. Persante wurden zugunsten des Deutschen Reiches eingezogen. Das Wohnungsinventar wurde mit 1886,- Reichsmark bewertet und verkauft.
Am 4. März 1943 wurden auch Max und Horst mit dem „34. Osttransport“ in das Vernichtungslager Auschwitz deportiert.
Die Familie Wohl überlebte den Holocaust nicht. Ihr genaues Schicksal und ihre Todesdaten sind unbekannt.
Auch aus dem weiteren Familienkreis überlebten nur sehr wenige Mitglieder.
Aus der Familie von Johanna Leiser ist bekannt, dass die Brüder, Kurt und Heinz, zuletzt gemeinsam mit ihrer Mutter Flora in der Stolpischen Str. 1 in Berlin-Prenzlauer Berg lebten.
Ihre Mutter wurde am 14. September 1942 von Berlin in das
Ghetto Theresienstadt
deportiert, wo sie am 22. Januar 1943 verstarb. Heinz wurde am 1.3.1943 nach Auschwitz deportiert. Sein genaues Todesdatum ist nicht bekannt. Kurt wurde am 6.3.1943 ebenfalls nach Auschwitz deportiert, wo er am 26.05.1943 ermordet wurde.
Von den insgesamt zehn Geschwistern des Max Wohl aus Bublitz überlebten nur zwei den Holocaust. Seinem Bruder Oscar gelang die Flucht in die USA, seine Schwester Clara konnte nach Brasilien emigrieren.
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