Marianne Lindemann geb. Simon

Verlegeort
Dortmunder Straße 9
Bezirk/Ortsteil
Moabit
Verlegedatum
10. Juni 2024
Geboren
09. Juni 1913 in Berlin
Deportation
am 26. Februar 1943 nach Auschwitz
Ermordet
Biografie

Marianne Simon erblickte am 9. Juni 1913 als Tochter von Paul (✡15.07.1922) und Henny Simon (*17.11.1881, Berlin), geboren Loewenthal, in Berlin das Licht der Welt. Zu einem unbekannten Zeitpunkt heiratete sie den Konstrukteur Hans Heymann Lindemann (*23.02.1908, Berlin). Wenig mehr ist über das Leben von Marianne und ihren Verwandten bekannt. Die meisten Informationen ließen sich aus den Dokumenten, die ihre Mörder hinterlassen haben, rekonstruieren, so dass sich überwiegend Einblicke aus der letzten Lebensphase der Lindemann/Simon erhalten.

Nach Beginn des Zweiten Weltkriegs musste Marianne als Zwangsarbeiterin für die deutsche Flugzeugfirma Heinrich-Lehmann-Aerobau, die Zubehör für deutsche Kriegsflugzeuge herstellte, in einer Werkstatt in der Bergmannstraße 102 arbeiten. Lehmann hatte etwa 20 jüdische Arbeiter und wurde in Nürnberg wegen der Beschäftigung von Zwangsarbeitern als Kriegsverbrecher verurteilt und verbrachte etwa fünf Jahre im Gefängnis.

Hans Lindemanns Schwiegermutter, die früh verwitwete Henny Simon, geborene Loewenthal (*17.11.1881, Berlin) wurde am 12. Januar 1943 im Alter von 62 Jahren nach Auschwitz deportiert. Sie war die Nummer 376 auf der Passagierliste des „26. Osttransports“ – so nannte man die Züge mit Viehwaggons als Waggons, mit denen Jüdinnen und Juden in die Ghettos, KZs und Vernichtungslager in Osteuropa gebracht wurden. Er fuhr vom Bahnhof Putlitzstraße – heute Westhafen – in Moabit ab und kam am nächsten Tag in Auschwitz an. Es befanden sich etwa 1.200 Personen darin. Gleich nach der Ankunft fand eine Selektion statt. Nur 127 der Verschleppten wurden zur Arbeit ausgewählt, die restlichen 898 wurden direkt in die Gaskammern geschickt und ermordet. Die Transportliste beinhaltete wenige Daten zu den unfreiwilligen Passagieren – Alter, Adresse und eine Zeile für „arbeitsfähig“. Bei Hennys Eintrag steht ein Minuszeichen daneben, was bedeutet, dass sie nicht arbeitsfähig war. Wir können also davon ausgehen, dass sie ermordet wurde, sobald sie in Auschwitz ankam.

Fünf Wochen nach Hennys Deportation wurden Marianne und Hans zu einem Sammelplatz in Berlin beordert, von wo aus sie deportiert wurden. Bevor die Deutschen ihre jüdischen Nachbarinnen und Nachbarn ermordeten, raubten sie ihnen auf akribische und bürokratische Weise ihr Eigentum. Am 17. Februar, sechs Tage vor ihrer Deportation, schickte die Berliner Finanzverwaltung Beamte in die Wohnung von Marianne und Hans, um eine „Vermögenserklärung“ zu erstellen.

Dieses Dokument gibt uns ein paar weitere Details über ihr Leben. Auf dem Formular von Hans Lindemann steht auf die Frage, ob er Anspruch auf Lohn, Verpflegung, Renten oder Verträge hat, „Lohn für 17 Tage“. Die Nazibeamten gingen von Zimmer zu Zimmer und machten ein Inventar aller Habseligkeiten der Familie. Sie besaßen zwei Schränke, vier Stühle, eine Couch, zwei Teppiche, drei Nachttischdecken, zwei Deckenlampen, einen Schreibtisch, ein Bücherregal, etwa 100 Bücher, ein Wörterbuch, keine Kunstwerke oder Antiquitäten und keine Aktien oder Wertpapiere. Aus Mariannes „Vermögenserklärung“ geht hervor, dass sie als Einzige ein Bankkonto bei der Dresdner Bank besaß, auf dem nur etwa 40 Mark lagen. Man schuldete ihr einen Wochenlohn.

Zwei Tage vor der Deportation warteten Hans und Marianne bereits in der „Sammelstelle“, dem jüdischen Gemeindezentrum in der Großen Hamburger Straße 26, wo sich heute eine Gedenkstätte befindet. Ein Justizbeamter suchte sie auf und überreichte ihnen ein demütigendes Dokument, das sie unterschreiben mussten und das die Übertragung ihres gesamten Vermögens und Besitzes an den Staat vorsah.

Ein Überlebender des Holocaust , der mit Marianne und Hans deportiert wurde. Dagobert Zymentstein, geboren 1910, erinnerte sich an seine Verhaftung. Auch er war Zwangsarbeiter, so dass wir uns vorstellen können, dass es ihm ähnlich erging wie Marianne. „Ich wurde an einem Samstag im Jahr 1943 von der Gestapo an meinem Arbeitsplatz in Berlin bei der Firma Container & Tubes verhaftet. Die Gestapo kam mit einem Lastwagen. Ich und andere Kollegen wurden aufgefordert, einzusteigen. Wir wurden in ein Sammellager gebracht. Im Durchschnitt waren etwa 40 Personen in einem Raum von etwa 25 m² untergebracht. Wir mussten auf dem nackten Holzboden schlafen, ohne Matratzen oder Decken. Für jeweils 40 Personen gab es eine Toilette. Es gab ein Waschbecken. Handtücher und Seife waren nicht vorhanden. Das Essen bestand aus einer Schüssel Suppe mit einer Scheibe Brot pro Tag. Diese wurde morgens gegen 11.00 Uhr ausgeteilt. Eine medizinische Versorgung gab es nicht. Während eines Luftangriffs mussten wir in den Zimmern bleiben. Der Raum war verschlossen und bewacht. Ich weiß von Fällen, in denen Männer, Frauen und auch Kinder in ihrer Verzweiflung aus dem Fenster sprangen. Ich habe auch beobachtet, wie Häftlinge auf dem Deportationsplatz von Angehörigen der SS und der Gestapo mit Gewehrkolben und Fäusten geschlagen wurden. Beschimpfungen wie 'Jude', 'Dreckschwein' waren nichts Neues.“

Am 26. Februar 1943 wurden Marianne und Hans mit dem „30. Osttransport“ deportiert. Marianne war 29 Jahre alt. Hans hatte wenige Tage zuvor seinen 35. Geburtstag gefeiert. Der Zug verließ den Moabiter Güterbahnhof mit etwa 900 Jüdinnen und Juden an Bord. Zymentstein erinnert sich an den Moment, als die Viehwaggons von ihrer menschlichen Fracht entladen wurden: „Wer sich nicht schnell genug bewegte, wurde von den SS-Männern mit der Peitsche geschlagen oder anderweitig geprügelt. Auch Schäferhunde wurden auf die Gefangenen gehetzt.“

Es fand eine sofortige Selektion statt, und 156 Männer und 106 Frauen wurden für die Zwangsarbeit ausgewählt. Darunter waren sicherlich auch Hans und wahrscheinlich Marianne, da beide auf der Transportliste als arbeitsfähig markiert wurden. Die übrigen 651 Menschen wurden umgehend in den Gaskammern ermordet. Nur 11 Personen aus diesem Transport überlebten den Krieg.

Zurück in Berlin konnten „arische“ Bürger, die durch die Deportationen der Berliner Jüdinnen und Juden finanziell geschädigt wurden, eine Entschädigung vom Staat verlangen. Am 14. März 1943 reichte der Vermieter von Marianne und Hans bei der Berliner Finanzverwaltung eine Forderung ein – da „die Juden Simons aus der Wohnung evakuiert wurden“, verlangte er 55 Mark an Mietrückständen. Eine weitere Forderung wurde von den Berliner Elektrizitäts- und Lichtwerken eingereicht. Im September 1943 schrieb das Berliner Finanzamt an Mariannes Bank und forderte sie auf, die 40 Mark auf ihrem Konto auszuhändigen. Auch an ihren Arbeitgeber Heinrich Lehmann wurde ein Schreiben gerichtet, in dem der Staat die Marianne zustehenden zwei Wochenlöhne einforderte.

Wir wissen nicht, wann Marianne in Auschwitz gestorben ist. Lediglich ist bekannt, dass sie das Konzentrations- und Vernichtungslager nicht überlebte. Für ihren Mann Hans gibt es etwas mehr Details. Sein Name erscheint in der ersten Aprilwoche 1943 auf einer Liste des Häftlingskrankenhauses – also nur sechs Wochen nach seiner Ankunft in Auschwitz. Dort heißt es, dass er an Durchfall erkrankt war, was auf Cholera hindeuten könnte. In Auschwitz gab es in den Jahren 1942 bis 1943 zahlreiche Epidemien. Dieses letzte Lebenszeichen Hans Lindemanns, lässt lediglich vermuten, dass er die Erkrankung nicht überlebte. Sicher ist, dass auch er aus Auschwitz nicht zurückkehrte.

Andere Mitglieder der Familie konnten entkommen. Hans’ Schwester Johanna ging nach London und wohnte 1947 in der Park Avenue NW11, als sie beim Roten Kreuz eine Anfrage über ihren Bruder stellte. 1959 beantragte eine Frau namens Charlotte Bloch, die als „Schwester“ bezeichnet wird (es ist nicht klar, ob sie die Schwester von Hans oder Marianne war), eine Entschädigung durch den deutschen Staat. Eine Adelheid Peschke, wohnhaft in Berlin in der Wuthenowstraße 4, beantragte 1958 Entschädigungszahlungen sowohl für Hans als auch für Pauline Lindemann, letztere 1871 in Warschau geboren. Pauline war sicherlich die Mutter von Hans Lindemann, die am 17. April 1944 im Konzentrationslager Theresienstadt ermordet wurde.