Rosalie Senfft geb. Wachtel

Verlegeort
Goßlerstraße 6
Bezirk/Ortsteil
Friedenau
Verlegedatum
18. Juli 2025
Geboren
17. Mai 1865 in Gnesen
Deportation
am 21. September 1942 nach Theresienstadt
Ermordet
16. November 1942 in Theresienstadt
Biografie

Rosalie (Rosa) Wachtel kam am 17. Mai 1865 in Gnesen als Tochter des Dr. med Eduard Johannes Elias Wachtel und seiner Frau Henriette geborene Cohnstein zur Welt. Ihre älteren Geschwister waren Nestor (23. Juli 1852 Gnesen, verstorben 1888 Berlin), Oscar (20. September 1855 Gnesen), Victor (05. Juli 1857 Gnesen), Hedwig (1861 Gnesen), Withold (1863 Leipzig, verstorben 14. April 1885 Berlin), und der jüngere Bruder war Wilhelm (23. Februar 1867 Berlin, verstorben 05. Juli 1932).

Ihr Vater war zunächst praktischer Arzt in Gnesen, wie den Geburtsorten der Kinder zu entnehmen ist, nach einem Abstecher nach Leipzig 1863 zog die Familie wieder nach Gnesen und 1867 dann nach Berlin.

Am 11. April 1867 ließen die Eltern Wachtel alle Kinder taufen, und zwar in Berlin in der evangelischen Neuen Kirche, heute der Deutsche Dom am Gendarmenmarkt.

Taufzeugen waren der Bruder von Henriette Wachtel, der Kreisrichter Dr. August Cohnstein (der 1866 zum Kreisrichter in Bütow ernannt wurde und 1868 nach Magdeburg versetzt wurde) sowie seine Frau Elsbeth geborene Müller, ferner der Apotheker Weck und der Generalagent Schade.

Am 06. Mai 1869 kam der letzte ihrer Brüder zur Welt, Max Paul August, der am 26.Juli 1869 getauft wurde und im November 1869 starb.

Dr. Eduard Wachtel hatte seine Praxis als praktischer Arzt, Wundarzt und Geburtshelfer zunächst in der Kronenstraße 55, ab 1870 in der Friedrichstraße 152. Als der Sohn Withold 1885 starb lebte die Familie in der Friedrichstraße 135. 1888 starb der Sohn Nestor, 1889 befand sich die Praxis in der Friedrichstraße 13, Dr. Wachtel war damals sowohl praktischer Arzt als auch Spezialist für Harn- und Blasenkrankheiten. Am 21. Dezember 1889 starb Dr. med Eduard Johannes Wachtel plötzlich in der Berliner Lützowstraße auf dem Gehweg. Die Mutter und die unverheirateten Kinder lebten danach zusammen in der Königgrätzerstraße 73 III bis Henriette im Jahr 1896 starb.

Rosa Wachtel heiratete am 24. September 1906 den kaiserlichen Bezirksamtmann Arno Senfft. Dieser war am 28. März 1864 in Weimar geboren als Sohn des Schriftsetzers Friedrich Saphir (Xavier) Eggert Senfft und dessen zweiter Ehefrau Friederike Maria Helene geborene Poppey. Seine ältere Halbschwester war Bernhardine Christiane Ida, geboren am 23. November 1856 in Weimar, ihre Mutter war die erste Ehefrau seines Vaters, Johanna geborene Weber. Der älterer Bruder Max, geboren am 21. September 1859 in Weimar, war Sohn der zweiten Ehefrau.

Um 1885 zog die Familie nach Berlin und lebte in Kreuzberg in der Zossenerstraße 55. Arno wurde Gerichtsactuar (Gerichtsschreiber). Seine Mutter Friederike starb 1886, 1890 starb sein Bruder Max mit 30 Jahren. Seit 1891 gehörte Arno Senfft der Neuguinea Kompanie an, einer 1882 in Berlin gegründeten Gesellschaft mit dem Ziel, Kolonialbesitz in der Südsee zu erwerben. Von 1895 bis 1900 war Senfft Mitglied der Jaluit-Gesellschaft, einer Deutschen Handelsgesellschaft für die Marshall- und Gilbertinseln sowie für die Karolinen. Arno Senfft reiste im Dienst der Neu Guinea Company in die Südsee und lebte seit 1892 in Herbartshöhe (heute Kokopo), der siebtgrößten Stadt von Papua-Neuguinea . 1896 wurde er Sekretär des Landeshauptmanns der Marshallinseln und wurde in den amtlichen Kolonialdienst übernommen. Nach dem Spanisch-Amerikanischen Krieg erzwang das Deutsche Reich mittels des Deutsch-Spanischen Vertrags von 1899, unter anderem die Karolinen von Spanien gegen eine Entschädigung zu erhalten. So wurde Arno Senfft 1899 zum Hissen der Reichsflagge auf die Insel Yap, dem Bezirksamt der Westkarolinen, bestellt. Am 3. November 1899 fand dort die Übergabe Yaps von Spanien an das Deutsche Kaiserreich statt. 1901 nahm Arno Senfft für das Deutsche Reich die Insel Sonsorol in Besitz sowie die Inseln Merir und Pulo Anna, später die Inseln Tobi und Helen-Riff . Arno Senfft war von 1901 bis 1909 Bezirksamtmann der Westkarolinen und hatte seinen Amtssitz auf Yap. Zwischenzeitlich hielt er sich sowohl in Deutschland als auch in den USA auf, wo er ethnologische Vorträge hielt. Er schenkte mehrere Artefakte aus Yap und den umliegenden Inseln dem Ethnologischen Museum Berlin, dem Linden Museum Stuttgart und dem Grassi Museum für Völkerkunde in Leipzig. Auch erhielt er mehrere Orden und Auszeichnungen. Während eines Heimaturlaubs heiratete Arno Senfft am 24. September 1906 Rosalie Wachtel. Sie begleitete ihren Mann zu dessen Amtssitz auf die Insel Yap. Als das Paar 1909 in die Heimat reisen wollte starb Arno Senfft in Hongkong an Magenkrebs. Seine Witwe Rosa Senfft veröffentlichte eine Todesanzeige von Hongkong aus.

Es erschien ein Nachruf im Hamburger Fremdenblatt vom 18. Februar 1909: „.. Seine Lebensaufgabe fand Senfft in der kulturellen Entwicklung der Insel Yap, wo er mit milder aber fester Hand die faulen Insulaner arbeiten lehrte.“

Seit 1913 lebte die verwitwete Rosa Senfft in Friedenau in der Goßlerstraße 6 I. Sie erhielt ein monatliches Witwengeld von 240 RM vom Deutschen Reich. Vermutlich war sie auch erwerbstätig, denn 1934 schrieb sie an das Versorgungsamt I Berlin: „Zu meinem großen Bedauern bin ich nicht mehr in der Lage, mir für die Winterhilfe Abzüge machen zu lassen, da Lohnsteuerabzug und Bürgersteuer erhöht werden, ich in diesem Jahr für Krankheiten über M 800 ausgegeben habe und leider auch im kommenden Jahr genötigt bin, die kostspielige Kur zu wiederholen. Mit deutschem Gruß Frau Rosa Senfft“.

Ab 1939 entwickelte sich ein Schriftwechsel zwischen Rosa Senfft und dem Versorgungsamt über die Höhe ihrer steuerfreien Bezüge. Dabei stellte das Versorgungsamt erstmals fest, dass sie Jüdin war und deshalb einer höheren Steuerklasse angehörte (I statt II). Mit einer umfangreichen Berechnung ermittelte das Versorgungsamt, dass sie in den Jahren 1939 und 1940 237,84 RM zuviel erhalten hatte, was sie in monatlichen Raten von 20 RM erstatten musste.

Bei der Volkszählung 1939 lebte Rosa Senfft noch in ihrer Wohnung in der Goßlerstraße dann musste sie in die Goltzstraße ziehen und am 1. März 1942 in die Barbarossastraße 40 III als Untermieterin zu Adolf Israel Collin. Dort bewohnte sie ein Leerzimmer, das sie mit eigenen Möbeln ausstatte. Am 17. September 1942 befand sich Rosa Senfft bereits in der Sammelstelle Große Hamburger Straße. Sie musste die sog. Vermögenserklärung abgeben, sie machte keine Angaben zu Kindern oder Verwandten, Vermögen gab sie keines an. Nach ihrer Deportation wurde die Einrichtung ihres Zimmers in der Barbarossastraße 40 geschätzt und mit 785 RM bewertet. Rosa Senfft besaß u.a.noch einen Schreibtisch, eine Nähmaschine, mehrere Kleinmöbel, eine Chaiselongue mit Decke und 7 japanische Bilder. Am 17. September 1942 schloss Rosa Senfft mit der Reichsvereinigung der Juden in Deutschland einen Heimeinkaufsvertrag bezüglich ihrer Unterbringung in Theresienstadt. Als Gegenleistung übertrug Rosa Senfft ihr Wertpapierdepot bei der Commerzbank Friedenau und ihr Bankguthaben auf die Reichsvereinigung der Juden in Deutschland. Ebenfalls am 17. September 1942 wurde vor einem Notar eine Abtretung beurkundet, in der Rosa Senfft eine ihr zustehende Hypothekenforderung in Höhe eines Teilbetrages von 3000 RM an die Bank Scheurmann abtrat, die im Gegenzug hierfür eine Zahlung in Höhe von 2912,70 RM an die Reichsvereinigung der Juden in Deutschland veranlasste.

Aus der Sammelstelle Große Hamburgerstraße wurde Rosalie Senfft am 21. September 1942 nach Theresienstadt deportiert. Ihr Name steht auf Blatt 5 der Deportationsliste. In Theresienstadt lebte sie im Haus D 211 Zimmer 07. Dort starb Rosa Senfft am 16. November 1942 um 2 Uhr, angeblich an Marasmus senilis, Altersschwäche. Tatsächlich ging sie an den erbärmlichen Lebensumständen zugrunde.

Da ihre Bezüge vom Postamt für den Monat Oktober 1942 als unzustellbar zurückkamen stellte das Versorgungsamt Berlin V die Zahlung mit folgender Begründung ein: Da es sich um eine „Nichtarierin“ handelt ist die Bezahlung des Witwengeldes vorsorglich mit Ende September 1942 einzustellen. Auf eine Auskunft aus dem Melderegister im Mai 1943, dass Frau Rosa Senfft geborene Wachtel seit dem 21. September 1942 nach Theresienstadt abgewandert ist, reagierte das Versorgungsamt mit der Feststellung “Die Zahlung der Bezüge ist bereits mit Ende September 1942 eingestellt“

Nach Kriegsende suchte eine Frau Gertrud Weicher aus Burg bei Magdeburg nach Rosa Senfft, (wohl die Tochter der Halbschwester von Arno Senfft, Bernhardine Christine Ida Weichler geborene Senfft). Wiedergutmachungsanträge konnten nicht ermittelt werden, sie hatte wohl keine näheren Angehörigen.

Zu Rosas Familie: Die Brüder Nestor und Withold waren bereits früh gestorben, (1885 und 1888).

Der Bruder Victor war zunächst Landgerichtsrat, später Kammergerichtsrat geworden, er starb 1925.

Die Schwester Hedwig heiratete 1904 Gottlieb Bernhard von Poser und wurde 1907 wieder geschieden.

Ihr Bruder Wilhelm heiratete Martha Emilia Antonia Schultze geborene Engel, Wilhelm starb am 05. Juli 1932 in Berlin.

Zu Arnos Familie : 1905 starb Arnos Vater, der in den letzten Jahren seines Lebens in Steglitz in der Hubertusstraße 11 gelebt hatte, zusammen mit seiner Tochter aus der ersten Ehe, Bernhardine Christiane Ida, die 1882 den Schriftsetzer Adolph Weichsler geheiratet hatte, 1885 die Tochter Gertraud Johanna Maria Luise Margarete Weichler geboren hatte und 1889 von ihrem Mann geschieden wurde.