Aladar Steiner wurde am 8. August 1898 in Budapest, Ungarn, geboren. Sein Vater, Wilmos Steiner, war ein Schneider. Aladars Familie zog 1902 nach Berlin. Von seinem sechsten bis zum 14. Lebensjahr besuchte Aladar eine öffentliche Schule. Danach erlernte er das Schneiderhandwerk bei "Bocks" in der Holzmarktstraße 13. Im Ersten Weltkrieg diente er in der deutschen Armee. Aladar lernte seine zukünftige Frau Aranka Farkas auf einem ungarischen Ball kennen. 1921 heirateten sie. Ihre Kinder, Alfred, genannt Freddy, und Lilly, wurden 1922 und 1927 geboren.
Aladar arbeitete bis 1927 bei der Textilfirma "Westermann & Schubert". Es folgte bis Sommer 1929 eine Anstellung als Betriebsleiter bei "Dargas". Von Juli 1929 bis Mitte der 1930er-Jahre arbeitete er ebenfalls in leitender Position bei der Firma "Silberstein & Schybilski" und hatte 15 Gesellen unter sich.
Anschließend betrieb Aladar eine eigene Textilfabrik mit rund 200 Beschäftigten, welche Gabardine-Mäntel produzierte. Sein Sohn arbeitete ebenfalls dort. Die Familie lebte in einer Wohnung in der Jostystr. 10, heute Mollstr. 38 im Prenzlauer Berg, wo die Kinder eine jüdische Schule besuchten. Sie hatten viele jüdische Freunde und folgten den religiösen Speisevorschriften.
Als die Nazis 1933 an die Macht kamen, sah Aladar, dass das Leben für Jüdinnen und Juden immer bedrohlicher wurde. Zunehmend kam es auch zu körperlichen Übergriffen. Aladars Schwiegereltern flohen nach Kuba. Ihre geplante Einwanderung in die USA scheiterte vorerst an der dortigen Einwanderungsquote für jüdische Flüchtlinge aus Europa. Aladar aber gab die Hoffnung auf eine Besserung der Verhältnisse in Deutschland nicht auf.
Die Novemberpogrome 1938 waren ein Wendepunkt. Die gewalttätigen Ereignisse und die anschließende weitere Radikalisierung der Maßnahmen gegen die Jüdinnen und Juden in Deutschland zwangen die Familie in die Auswanderung . Die Steiners verloren ihre Wohnung, welche sie, so die Familienerinnerung, Hals-über-Kopf und nur mit dem Nötigsten hatten verlassen müssen. Auch Aladars Fabrik und sein Auto fielen der Arisierung zum Opfer. Die Familie floh noch 1938 nach Ungarn, da Aladar und Aranka die ungarische Staatsbürgerschaft besaßen.
Auch in Ungarn wurden sie bald mit dem dortigen Antisemitismus konfrontiert. Aladars Kinder gerieten in der Schule in Streit, da sie antisemitisch beschimpft wurden. Dennoch konnte sich die Familie in Budapest ein relativ normales Leben aufbauen. Sie hatten eine eigene Wohnung und Aladar war von 1938-44 Teilhaber an einer Textilfabrik. An jüdischen Feiertagen besuchten die Steiners regelmäßig die Synagoge in der Dohány-Straße. Später zogen sie in eine Wohnung am Stadtrand von Budapest, und Aladars adliger Geschäftspartner half ihm, Papiere zu bekommen, die seine jüdische Identität verbargen. Ab Sommer 1941, nachdem Ungarn gemeinsam mit Nazi-Deutschland in den Krieg gegen die Sowjetunion eingetreten war, mussten zwischen 80. und 130.000 der in Ungarn lebenden Juden Zwangsarbeit für das ungarische Militär leisten. Diese Zwangsmaßnahme betraf auch Aladars Sohn Alfred, der zu Schanzarbeiten an die Front geschickt wurde. Zwischen 30. und 40.000 jüdische Ungarn verloren beim Zwangseinsatz an der Ostfront ihr Leben
Im März 1944 marschierten die Deutschen in Ungarn ein. Die von Deutschland gegenüber Ungarn immer wieder geforderte Verschärfung der Maßnahmen gegen die im Land verbliebenen, etwa 800.000 Jüdinnen und Juden, setzte nun drastisch ein. Auf eine mit Unterstützung der ungarischen Polizei erfolgte Ghettoisierung der jüdischen Bevölkerung, folgten Mitte Mai die ersten Deportationen nach Auschwitz . Seit dem 7. April 1944 waren alle jüdischen Personen gezwungen, den “Gelben Stern” zu tragen. So auch Aladars Frau, die sich geweigert hatte, ihre Identität durch gefälschte Papiere zu verbergen. Auch Aladar gelang es nicht, seinen Verfolgern zu entgehen. Die Gestapo beschlagnahmte die Fabrik und machte ihn zum Zwangsarbeiter. Er wurde angewiesen, die Fabrik weiterzuführen. Bis Anfang Juli 1944 hatten die Deutschen und ihre ungarischen Helfer etwa 438.000 ungarische Jüdinnen und Juden aus der ungarischen Provinz nach Auschwitz deportiert. Etwa 400.000 von ihnen waren sofort ermordet worden. Weitere 250.000 Jüdinnen und Juden harrten zu diesem Zeitpunkt in Budapest ihrer ungewissen Zukunft.
Aladars Tochter Lilly und seine Frau Aranka mussten in ein Budapester"Judenhaus" umziehen. Während der Zwangsumsiedlung wurden sie von der nicht-jüdischen Bevölkerung antisemitisch beschimpft. In jeder Wohnung lebten zwei Familien, die ab 17 Uhr eine Ausgangssperre einhalten mussten. Aladar hatte Zwillingsschwestern, von denen eine nach Auschwitz verschleppt wurde. Die mit Zwillingen schwangere Frau überlebte nicht.
Aladar holte schließlich Lilly und Aranka in die Fabrik, in der er arbeitete. Dort fühlten sie sich sicherer vor den Verfolgungen, welche die verbliebenen Budapester Jüdinnen und Juden durch das extrem faschistische Pfeilkreuzler-Regime, das im Oktober 1944 die Macht in Ungarn übernommen hatte, über sich ergehen lassen mussten. In der Fabrik arbeiteten etwa 400 Jüdinnen und Juden, darunter die Frau von Aladars Sohn, Eva, sowie Aladars Schwester Elvira, sein Bruder Oscar und sein Cousin. Sie fertigten und reparierten dort Armee-Uniformen.
Um Weihnachten 1944 wurde die Familie in das Budapester Ghetto gezwungen, das sich um die Synagoge in der Dohány-Straße herum befand. Sie lebten dort in einem Keller und mussten statt in Betten auf Holztüren schlafen. Sie hatten sehr wenig zu essen und lebten von Bohnensuppe und Kaffee. Durch eine Anstellung bei der Ghetto-Polizei gelang es Aladar, täglich eine Scheibe Brot und eine Kümmelsuppe zu bekommen, die er mit Aranka und Lilly teilte. Die Position erhielt er, da er sich mit den Wachleuten gut auf Deutsch verständigen konnte. Bereits unmittelbar nach der Einrichtung des Ghettos im Dezember 1944 begannen die Deutschen mit der Deportation der dort eingesperrten Jüdinnen und Juden in die verbliebenen Konzentrationslager . Die Befreiung des Ghettos durch die Rote Armee Mitte Januar 1945 bewahrte Aladar und seine Familie vor diesem Schicksal. Nur 90.000 Jüdinnen und Juden erlebten mit den Steiners das Ende der deutschen Besatzung und des Pfeilkreuzler-Regimes in Budapest.
Die Familie kehrte zurück in ihre Wohnung, die in sehr schlechtem Zustand war. Alfred, von dem Aladar die Nachricht erhalten hatte, dieser liege im Sterben, kehrte glücklicherweise zurück, nachdem er von einem sowjetischen Soldaten gesund gepflegt worden war. Aladar besorgte sich ein Pferd und einen Einspänner, um auf dem Land Lebensmittel zu organisieren. Ein harter Winter zwang die Familie dazu, ihre Möbel zu verbrennen, um zu heizen. Als die Lebensmittel knapp wurden, musste die Familie sogar das Pferd schlachten.
Nach neun Jahren in Ungarn, von 1938 bis 1947, fassten die Steiners den Entschluss zur Auswanderung in die USA. Die HIAS (Hebrew Immigration Aid Society) half Lilly und Freddy 1947 bei der Einwanderung in die Vereinigten Staaten. Aladar und Aranka versuchten ebenfalls in die USA zu emigrieren, zumal Aladars Geschwister bereits dort waren. Doch die Einreise scheiterte und die beiden gelangten zunächst nach Venezuela. Als man dort feststellte, dass das Paar mit falschen Papieren eingereist war, mussten sie das Land wieder verlassen. 1950 kamen die Steiners nach Kuba, wo sie keine Arbeitserlaubnis erhielten und auf die finanzielle Hilfe ihrer in den USA lebenden Kinder angewiesen waren. Im Jahr darauf konnten Aladar und Aranka dann endlich erfolgreich in die USA einreisen.
Die beiden wurden Mitte der 1950er Jahre eingebürgert. Zunächst lebten sie in New York und zogen später aus gesundheitlichen Gründen in das wärmere Florida. Aladar beschäftigte sich in dieser Zeit intensiv mit der Shoah und schrieb seine Erinnerungen nieder. Er erhielt vom deutschen Staat eine Entschädigung für die enteignete Fabrik. Er und Alfred litten ein Leben lang unter der traumatisierenden Verfolgung. 1969 erlitt Aladar einen Herzinfarkt. Er wurde 71 Jahre alt. Aranka überlebte ihren Mann um 15 Jahre und starb 1984.
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