Alfred "Freddy" Steiner

Verlegeort
Mollstr. 36
Bezirk/Ortsteil
Prenzlauer Berg
Geboren
1922 in Berlin
Beruf
Schneider
Flucht
1938 Ungarn
Verhaftet
von 1944 im Ghetto Budapest
Überlebt
Biografie

Alfred Steiner, genannt Freddy, wurde 1922 in Berlin geboren. Sein Vater Aladar und seine Mutter Aranka hatten noch eine Tochter, Alfreds jüngere Schwester Lilly. Die Familie stammte ursprünglich aus Ungarn und die Eltern besaßen beide die ungarische Staatsbürgerschaft.

 

Alfeds Vater besaß eine Textilfabrik, in der Gabardine-Mäntel hergestellt wurden. Auch Alfred arbeitete in der Fabrik und lernte bei seinem Vater. Die Familie lebte in einer Wohnung in der Jostystr. 10, heute Mollstr. 36 im Bezirk Prenzlauer Berg. Die Kinder gingen auf eine jüdische Schule und hatten überwiegend jüdische Freunde. Die Familie hielt die koscheren Speiseregeln ein.

 

Nach der Machtübertragung an die Nationalsozialisten wurde das Leben für die Steiners in Berlin spürbar schwieriger. Kurz nach den Novemberpogromen 1938 verlor die Familie ihre Wohnung durch Arisierung und wurde zur Auswanderung gedrängt. Aladars Fabrik und sein Auto wurden beschlagnahmt. In der Erinnerung von Alfreds Schwester Lilly, durften die Steiners nur so viele Habseligkeiten aus ihrer enteigneten Wohnung mitnehmen, wie sie tragen konnten. Die Familie entschied sich noch 1938 zur Flucht nach Ungarn.

 

Das Leben in Ungarn war im Vergleich zur Verfolgung in Deutschland zunächst erträglich. Die Familie wohnte im 4. Stock einer Wohnung in Budapest und besuchte an allen jüdischen Feiertagen die Synagoge von Dohány. Freddys Vater gelang es bald nach ihrer Ankunft in Budapest, Teilhaber einer Textilfabrik zu werden. Doch schon bald bekamen die Steiners den Antisemitismus der ungarischen Mehrheitsbevölkerung zu spüren. So geriet Alfred öfter in Streit mit Kindern, die ihn wegen seiner jüdischen Herkunft beschimpften. Die Familie zog später in eine Wohnung am Budapester Stadtrand und Aladars adliger Geschäftspartner half ihm, Papiere zu bekommen, die ihn als Nichtjuden auswiesen. 

 

Alfred lernte in Budapest seine zukünftige Frau Eva kennen. Sein Vater wollte auch für ihn, Lilly und seine Mutter gefälschte Papiere besorgen. Aber Aranka sprach sich, aus Angst, bei dem rettenden Trick entdeckt zu werden, dagegen aus. Mit Beginn des Angriffs auf die Sowjetunion im Sommer 1941, an dem sich auch Ungarn als Verbündeter Deutschlands beteiligte, wurden etwa 80. bis 130.000 ungarische Juden gezwungen, sich in speziellen Einheiten der Armee zur Zwangsarbeit zu melden. Auch Alfred teilte dieses Schicksal. Zwischen 30. und 40.000 dieser jüdischen Zwangsarbeiter verloren an der Ostfront bis 1945 ihr Leben. 

 

Während Alfred zur Zwangsarbeit verschleppt war, schlug sich der Rest der Familie in einem für Jüdinnen und Juden immer gefährlicher werdenden Ungarn durch. Seit dem Einmarsch der Deutschen im März 1944, hatte sich die antisemitische Politik des Staates extrem radikalisiert. Die jüdische Bevölkerung wurde ghettoisiert. 400.000 ungarische Jüdinnen und Juden wurden zwischen Mai und Juli 1944 in Auschwitz -Birkenau ermordet. Weitere 100.000 wurden zur Zwangsarbeit nach Deutschland gebracht. Etwa 250.000 Jüdinnen und Juden wurden in Budapest ghettoisiert. Nur 90.000 von ihnen waren im Januar 1945 noch dort. Auch die Familie Steiner gehörte zu ihnen. Bei ihrer Befreiung durch die Rote Armee Mitte Januar 1945 lebte sie unter furchtbaren Bedingungen im jüdischen Ghetto rund um die Synagoge in der Dohány-Straße. 

 

Der Familie kam das Gerücht zu Ohren, der älteste Sohn und Bruder habe den Einsatz als Zwangsarbeiter nicht überlebt. Glücklicherweise kam Alfred zurück, nachdem er von einem sowjetischen Soldaten wieder gesund gepflegt wurde. Sein Vater besorgte sich ein Pferd und einen Einspänner und tauschte auf dem Land Lebensmittel ein. Es war im Winter sehr kalt und sie verbrannten Möbel, um sich warm zu halten. 

 

Nach dem Krieg half die HIAS (Hebrew Immigration Aid Society) Alfred und seiner Schwester 1947 bei der Einwanderung in die Vereinigten Staaten. Die Geschwister von Alfreds Vater lebten bereits dort. Den Eltern  gelang die Immigration in die USA zunächst nicht und sie lebten für einige Zeit in Venezuela und auf Kuba. Dort hatten sie keine Arbeitserlaubnis und Alfred und Lilly schickten ihnen Geld, bis sie 1951 in die USA ausreisen konnten. 

 

Alfred ließ sich in New York nieder und arbeitete als Schneider. Seine Frau Eva eröffnete einen Schönheitssalon. Das Ehepaar bekam eine Tochter namens Hedy. Alfred hatte regelmäßig Albträume von seinen Torturen. Er starb 1991 an einem Herzinfarkt.