Gertrud Timendorfer

Verlegeort
Reichenberger Straße 120
Bezirk/Ortsteil
Kreuzberg
Verlegedatum
29. Oktober 2025
Geboren
02. Juni 1880 in Berlin
Deportation
am 28. März 1942 in das Ghetto Piaski
Ermordet
Biografie

Gertrud Timendorfer kam am 2. Juni 1880 in Berlin als Tochter des jüdischen Kaufmanns Siegismund Timendorfer und dessen Ehefrau Cassilda, geb. Koessler, zur Welt. Aus Gertruds Kindheit und Jugend sind keine Dokumente überliefert. Es ist auch unbekannt, ob sie noch Geschwister hatte.

Im April 1896 zog die Familie in die Reichenberger Straße 120. Etwa ab diesem Zeitpunkt betrieb Siegismund Timendorfer in Kreuzberg eine Gasglühlichtkörperfabrik. Gertrud erlernte den Beruf der Buchhalterin und blieb unverheiratet.

Es haben sich keine weiteren Informationen erhalten, die ein Licht auf das Leben der Familie Timendorfer in den letzten Jahren des Kaiserreichs und während der Zeit des Ersten Weltkriegs werfen könnten. 1917 nahmen sie in ihrer 3 ½-Zimmer-Wohnung im ersten Stock des Hauses Reichenberger Straße 120 die Buchhalterin Käthe Süssmann, geb. 1884 in Berlin, als Untermieterin auf. Auch sie gehörte der jüdischen Religionsgemeinschaft an.

Gertruds Vater verstarb am 4. November 1926, ihre Mutter am 31. Dezember 1928.

Seit März 1930 befand sich Gertrud Timendorfer im Ruhestand, vorher war sie als Prokuristin und Buchhalterin im Import-Geschäft für Japan- und Chinawaren S. Michaelis in der Alexandrinenstraße 92 tätig.

Mit der schrittweisen Entrechtung und Verfolgung von Juden seit 1933 begannen auch Zwangsmaßnahmen gegen Gertrud Timendorfer. Darunter fielen zahlreiche Maßnahmen der Diskriminierung und sozialen Ausgrenzung, des Entzugs staatsbürgerlicher Rechte sowie der Verdrängung aus dem Berufs- und Wirtschaftsleben. Aufgrund der „Polizeiverordnung über die Kennzeichnung der Juden“ konnte sie sich ab dem 19. September 1941 nur noch mit stigmatisierendem „Judenstern“ in der Öffentlichkeit bewegen.

Gertrud Timendorfer teilte sich inzwischen ein Zimmer mit ihrer langjährigen Untermieterin Käthe Süssmann, da sie weitere Untermieter bei sich aufgenommen hatte: Im März 1942 lebten in der 3 ½-Zimmer-Wohnung außer den beiden Frauen noch sechs weitere Personen.

Gertrud Timendorfer und Käthe Süssmann wurden am 28. März 1942 mit dem 11. Osttransport nach Piaski deportiert. Hier verliert sich ihre Spur. 

Der kleine Ort Piaski, 23 km südöstlich von Lublin gelegen, war nach der deutschen Besetzung Polens Teil des Generalgouvernements geworden. Im Schtetl in Piaski wurde Anfang 1940 ein Ghetto eingerichtet, in das u.a. mehrere tausend Juden aus dem Deutschen Reich deportiert wurden.

Die wenigen sanitären Anlagen des Ghettos waren in einem katastrophalen Zustand, die Grundversorgung mit Nahrung und Trinkwasser absolut unzureichend. Das Ghetto, bestehend aus kleinen, hauptsächlich eingeschossigen Holzhäusern, war nicht für so viele Personen ausgelegt. Zwischen 10 und 20 Menschen mussten sich in der Regel einen Wohnraum teilen. Wer nicht bald an Hunger, Entkräftung oder Krankheiten starb, wurde in eins der Vernichtungslager deportiert und ermordet.