Ludwig Wobser

Verlegeort
Steinmetzstraße 15
Historischer Name
Steinmetzstraße
Bezirk/Ortsteil
Schöneberg
Verlegedatum
24. Oktober 2025
Geboren
19. August 1881 in Berlin
Beruf
Kaufmann
Flucht
1940 Shanghai
Überlebt
Biografie

Ludwig, genannt Udo, Wobser wurde am 19.08.1881 in Berlin geboren. Seine Mutter, Frau Dorn war jüdischer Abstammung. Er zog zu seinem Adoptivvater Carl August Albert Wobser in Friedeberg Neumark, heute Strzelce Krajeńskie in Polen. Dieser ließ ihn evangelisch taufen. Er ging dort zur Schule und machte im Anschluss eine kaufmännische Lehre. Im Jahr 1900 ging er als kaufmännischer Angestellter nach Preußisch Holland in Ostpreußen, polnisch Pasłęk. Dort machte er sich später selbstständig und betrieb in der Poststraße ein Geschäft für Getreide und landwirtschaftliche Maschinen. 

1905 wurde ihm von seiner jüdischen Lebensgefährtin Frau Stange sein unehelicher Sohn Walter Stange geboren, der bei seiner Mutter Frau Stange aufwuchs und später durch Mithilfe vieler Freunde in Berlin versteckt die Nazizeit überlebte. 

Am 10.04.1909 heiratete er im sächsischen Wurzen Alice Helft, jüdischer Abstammung und jüdischen Glaubens. Das Ehepaar bekam vier Kinder, die aufgrund der Vereinbarung der Ehepartner alle evangelisch, im Glauben des Vaters getauft und später konfirmiert wurden. Am 20.01.1010 wurde Gertrude geboren. Es folgten Charlotte genannt Lotte am 24.01.1911 und am 11.09.1912 Ilse. Erst 10 Jahre später, am 29.10.22 kam Gerhard zur Welt.

Die Geschäfte von Ludwig Wobser gingen zunächst sehr gut. Im Jahr 1918 kaufte er in der Bahnhofstraße 30 in Preußisch Holland ein Wohnhaus und 1920 einen Bauernhof in Crossen, heute Krosno Odrzańskie in Polen. Ludwig Wobser brachte es durch seine Geschäfte zu großem Wohlstand und in der Gemeinde wurde er wegen seines starken und fairen Verhaltens sehr geschätzt. Mit der NS-Machtergreifung 1933 veränderte sich die Situation. Das Geschäft wurde von den Nationalsozialisten boykottiert und Ludwig Wobser sah sich 1934 gezwungen, es zu verpachten. Das Wohnhaus vermietete er und zog mit seiner Familie auf den Hof in Crossen. Am 10.11.1938, im Rahmen der reichsweiten Terroraktionen um den 9. November, wurde er verhaftet und für 14 Tage inhaftiert. In der Nacht vom 09. zum 10. November 1938 wurde sein Haus in Crossen teilweise zerstört und die Einrichtung schwer beschädigt. Ludwig Wobser und seiner Frau wurde eine sechswöchige Frist gesetzt, Haus und Hof zu verlassen. Er musste sich jeden Tag bei der Polizei melden und wurde von der Gestapo vorgeladen und zu den Fortschritten seiner Auswanderung befragt. Ludwig Wobser und seine Frau zogen daraufhin nach Berlin zu ihrer Tochter Ilse in die Steinmetzstraße 15.

Ilse hatte Krankenschwester gelernt und im Jahr 1937 den Organisten Arthur Behrend geheiratet. Er war jüdischer Abstammung und zum evangelischen Glauben konvertiert. Als Arthur Behrend aufgrund der NS-Gesetze Berufsverbot bekam, ging das Ehepaar von Königsberg nach Berlin. Arthur Behrend hoffte dort privaten Unterricht geben zu können. Ihr Sohn Frank wurde am 01.07.1938 geboren.

Von 1938 bis zur erzwungenen Auswanderung lebte das Ehepaar Wobser zusammen mit ihrer Tochter, ihrem Schwiegersohn und ihrem kurz zuvor geborenem Sohn Frank in der Steinmetzstraße 15. Am 02.04.1940 gelang es allen zusammen durch finanzielle Unterstützung und Bürgschaft eines Verwandten in den USA mit dem Schiff „Conte Rosso“ aus Triest über Brindisi/Italien nach Shanghai in China auszuwandern.

In Shanghai erwiesen sich die Lebensbedingungen als sehr schwierig. Die Familie musste große Entbehrungen auf sich nehmen. Ludwig Wobser konnte auf Grund eines Schlaganfalls nicht zur finanziellen Unterstützung beitragen. Alice Wobser sorgte mit dem Verkauf von Strickarbeiten für ein klägliches Auskommen. Besonders schlimm wurde die Situation ab 18.05.1943, als sie von den japanischen Besatzern gezwungen wurden, im Getto zu leben. Ludwig Wobser erlitt einen zweiten Schlaganfall und seine Frau starb am 26.12.1944 an der Ruhr.

Am 5. März 1947 gelang es Ludwig Wobser zusammen mit seiner Tochter, seinem Schwiegersohn und deren Sohn Frank mittels finanzieller Hilfe eines in den USA lebendem, vermögendem Verwandten seines Schwiegersohnes Arthur Behrend mit einem amerikanischen Truppentransporter über San Francisco in die USA auszuwandern. Sie siedelten sich in Rockford, Illinois an. Ludwig Wobser erholte sich nicht von den Strapazen der Flucht. Er war in ständiger ärztlicher Behandlung. Seine Kinder kamen für seinen Lebensunterhalt auf. Am 6.12.1955 starb er in Rockford und wurde auf dem Friedhof Arlington Memorial Park Cemetery beigesetzt.

Seine älteste Tochter Gertrude, evangelischen Glaubens und jüdischer Abstammung, heiratete 1931 den evangelischen Kaufmann Walter Sprung. Aus deren Ehe entstammten Tochter Ruth geb. 1933, sowie Sohn Manfred geb. 1941, alle beide wurden evangelisch getauft und später konfirmiert. Im Zuge der Rassengesetze wurden sowohl Gertrude und ihre beiden Kinder zu Juden erklärt. Ehemann Walter Sprung wurde von der Regierung mehrfach aufgefordert sich von seiner Ehefrau Gertrude scheiden zu lassen, was er verweigerte. Obwohl die SS daraufhin mehrfach versuchte Gertrude und ihre Kinder zu deportieren, überlebten sie und flohen 1946 mit Hilfe eines polnischen Offiziers durch die Besatzungszone nach Berlin. Zum Kriegsende floh Walter Sprung, der deutscher Soldat gewesen war, mit seinem Vorgesetzten aus Paris über die Niederlande nach Westdeutschland und fand durch glückliche Umstände sowie das „Rote Kreuz“ seine Frau Gertrude und Kinder dort wieder. Über verschiedene Stationen kamen sie dann 1947 nach Delmenhorst.

Die zweite Tochter, Charlotte Wobser heiratete in Bielefeld Ernst Jaruslawski. Ernst starb dort 1941 nach viel erlittenem Leid durch die Nationalsozialisten. Charlotte, genannt Lotte, wollte mit Hilfe eines befreundeten Unternehmers in die Schweiz fliehen, wurde aber von der SS vor der Grenze aufgegriffen und am 03.03.1943 in das Konzentrationslager Ausschwitz deportiert. Eine von ihr geschriebene Postkarte belegt diese Route. Spätere Dokumente belegen, dass sie dort ermordet wurde.

Gerhard Wobser, der Bruder von Gertrude, Charlotte und Ilse, wurde von seinen Eltern Ludwig und Alice Wobser kurz vor ihrem erzwungenen Umzug nach Berlin in die Steinmetzstraße 15 im Alter von 13 Jahren um zu überleben mit einem Kindertransport nach Großbritannien/Schottland geschickt. Unter schwierigen Bedingungen verbrachte er dort die Jahre in verschiedenen Familien, wurde zur britischen Armee eingezogen, bekam den britischen Pass und zwangsweisewurde sein Name von „Gerhard Wobser“ in “Gerald Webster“ geändert. Als britischer Besatzungssoldat in Delmenhorst traf er 1947 auf wundersame Weise seine Schwester Gertrude Sprung mit Familie wieder. 1948 siedelte er in die USA über und legte dort die britische Staatsbürgerschaft ab, um US-Bürger zu werden. Er zog zusammen mit seiner Schwester Ilse Behrend und dem Vater Ludwig Wobser nach Rockford, Illionois. Gerald Webster heiratete die Cousine seines Schwagers Mela Oulmann. Sie ist Jüdin und konnte rechtzeitig aus Neapel/Italien fliehen. Das Ehepaar bekam 2 Kinder, Tochter Joanie und Sohn Ralph, die alle heute mit ihren Familien noch in den USA leben.