Charlotte Wurgart wurde am 30. Januar 1903 in eine jüdische Familie geboren, man weiß nicht, wo. Über ihr Leben ist sehr wenig bekannt, wir müssen uns mit den spärlichen Daten der Verfolgung begnügen und versuchen, daraus einige Eckpunkte ihres Lebens zu rekonstruieren. Es gibt keine weiteren Verfolgten namens „Wurgart“ in Berlin, was darauf hindeutet, dass Charlotte entweder keine große Familie hatte oder nicht aus der Stadt kam. Fest steht, dass sie, vermutlich in ihren 20ern, ihren zukünftigen Mann Joseph Schwarzleder kennenlernte und diesen heiratete. Joseph war acht Jahre älter als Charlotte, arbeitete als Tabakschneider und kam aus Vilnius; auch über ihn ist kaum etwas bekannt. Anfang Januar 1930 gebar Charlotte den gemeinsamen Sohn Max.
Auch über das Leben der Familie Schwarzleder in dieser Zeit wissen wir wenig. Doch werden die sich verschärfenden politischen Bedingungen sich auf ihr Leben konkret ausgewirkt haben. Die Machtübernahme der Nationalsozialisten werden sie aufgrund ihrer jüdischen Herkunft mit Sorge und Angst betrachtet haben. Zumal sie in der Boxhagener Straße 14 im Stadtteil Friedrichshain lebten; dieser Bezirk wurde in „Horst Wessel Stadt“ umbenannt und sollte von den Nationalsozialisten zu einem „braunen Stadtteil“ umgeformt werden.
Charlottes und Josephs Sohn wurde am 15. April 1936 in der „Knabenschule der jüdischen Gemeinde zu Berlin“ in der damaligen Kaiserstraße, nahe dem Polizeipräsidium am Alexanderplatz, eingeschult. Warum sie diese Schule mit dem verbundenen weiten Schulweg auswählten, bleibt uns verborgen. Gewiss ist aber, dass der kleine Max als jüdischer Junge auf eine jüdische Schule gehen musste, da der Herauswurf jüdischer Kinder 1936 in vorauseilendem Gehorsam an den allermeisten Schulen umgesetzt wurde. In dieser Zeit werden sich Charlotte und ihr Mann Joseph zur Flucht nach Belgien entschlossen haben. Sie hatten die politische Weitsicht und brachten den persönlichen Mut auf, mit ihrem kleinen Kind ihr bisheriges zu Hause zu verlassen. Auch hier wissen wir wenig über die Umstände, aber auf Max‘ Kennkarte der Reichsvereinigung der Juden steht, dass er am 9. Januar 1939 in Belgien gemeldet ist.
Charlotte und ihre Familie lebten erst ein gutes Jahr in Brüssel, als am 10. Mai 1940 das nationalsozialistische Deutschland die Niederlande, Belgien und Luxemburg angriff. Wir können uns den Schrecken, den der Einmarsch auslöste, schwer vorstellen. In Belgien lebten zu dieser Zeit ca. 90.000 jüdische Menschen, von denen nur 5–10% die belgische Staatsbürgerschaft hatten; die meisten waren Geflüchtete aus Polen, Deutschland, Österreich und der Tschechoslowakei. Zwischen dem 10. und 15. Mai 1940 wurden mehrere tausend ausländische Juden und Jüdinnen von den belgischen Behörden in das vom Vichy-Regime regierte Südfrankreich ausgewiesen und dort in Lager gesperrt – so auch die Schwarzleders. Auf der ‚Liste de Saint Cyprien‘ ist festgehalten, dass der Litauer Joseph Schwarzleder und die Deutsche Charlotte Wurgart nach ihrer Verhaftung in Brüssel vorerst in den Zwischenlagern Rodez und Albi interniert waren, von Max ist keine Rede.
Joseph Schwarzleder wird im Lager Saint Cyprien im Südwesten Frankreichs als Gefangener gelistet. Ursprünglich für Interbrigadisten gebaut, die nach dem Sieg Francos in Spanien nach Frankreich geflohen waren, wurde das rudimentäre Lager am Strand vergrößert. Im Frühsommer 1940 wurden zwischen 4.400 und 8.000 „feindliche Ausländer“ in Saint Cyprien interniert.
Auch wenn zu diesem Zeitpunkt mit den aus Belgien kommenden Geflüchteten auch Frauen und Kinder in Saint Cyprien interniert wurden, ist es wahrscheinlicher, dass Charlotte und Max von Joseph getrennt wurden, sie werden in Saint Cyprien nicht gelistet. Jedoch gibt es zwei Jahre später für alle drei den Nachweis aus dem Lager Rivesaltes, das als „Familienzusammenführungslager“ galt. Aus Rivesaltes wurde Charlotte zusammen mit ihrem Mann und ihrem Kind im September 1942 nach Drancy verschleppt. Drancy bei Paris fungierte als „Sammellager“ für die Deportationszüge in den Tod. Die Familie Schwarzleder wurde am Morgen des 11. September 1942 mit 1.032 anderen Menschen in einen Zug gepfercht, sie kamen zwei Tage später in Auschwitz an und wurden dort vermutlich kurz nach ihrer Ankunft ermordet.
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