Rachel Walzer wurde am 15. März 1909 im galizischen Lubaczów als sechstes von neun Kindern geboren. Sie hatte vier Brüder und vier Schwestern. Ihre Eltern waren der jüdische Getreidehändler Isaak Walzer (1864-1943) und seine jüdische Frau Chaja, geb. Storch (1886-1945). In der Familie wurde Rachel „Regina“ genannt.
Der Ort Lubaczów gehörte damals zur ungarisch-österreichischen Habsburger-Monarchie, ab November 1918 zum neugegründeten Polen. Die polnische Stadt liegt an der Grenze zur Ukraine, 24 km vom heutigen Lwiw (früher Lemberg) entfernt.
Bei Ausbruch des 1. Weltkrieges 1914 floh die Familie nach Wien. Dort besuchte Rachel bis zum Jahr 1922 die Jüdische Mädchenmittelschule in der Kaiserstraße. Ende 1922 zog die Familie nach Berlin, wo bereits Rachels Brüder Bernhard (1891-1943), Jacob (*1898) und Israel Walzer sowie ihre Schwester Erna lebten. Sie waren bereits 1920 nach Berlin gezogen. Ihre Schwester Rosa, verheiratete Fischler, blieb mit ihrer Familie in Wien.
Bernhard und Julius Walzer gründeten die, in den 30er-Jahren erfolgreiche Damen-Luxus-Schuhfabrik Waco Schuhfabrik Walzer & Co. Dort erhielt Rachel Walzer ihre Berufsausbildung. Bis zur Zwangsauflösung und folgender „Arisierung“ der Firma 1938 war sie in der Schaftstepperei in einer Vertrauensanstellung tätig. Sie lebte im Haushalt ihrer Eltern.
Rachels Vater Isaak Walzer ist in den Berliner Adressbüchern von 1924 bis zur Deportation nach Theresienstadt 1943 als Haushaltsvorstand zu finden. Zunächst in der Linienstraße 64, ab 1934 in der Choriner Straße 68. Bei der Volkszählung 1939 findet sich auch Rachel in der Wohnung der Eltern, nun unter ihrem neuen Familiennamen Linzer. Auch ihr Ehemann Moses Linzer (1908-1940) lebte 1939 hier.
Den ein Jahr älteren Schneider Moses David Linzer hatte die Kontoristin Rachel Walzer am 10. November 1938 um 9 Uhr, während der Novemberpogrome, mit 29 Jahren geheiratet. Das Aufgebot hatten sie am 14. Oktober im Standesamt Prenzlauer Berg bestellt. Beide waren polnische Staatsbürger. Trauzeugen der Eheschließung waren der 22-jährige Bügler Willi Becker und die 30-jährige Uhrmacher-Gattin Rosa Hirsch. Zur Zeit der Eheschließung war Rachel „ohne Anstellung“. Das Paar plante, zu den Geschwistern nach Palästina auszuwandern. Da zu der Zeit keine Emigration nach Palästina mehr möglich war, planten sie dies mit illegalen Organisationen über das Meer. Davon riet aber die bereits in Palästina lebende Schwester Cyla ab, da diese Boote von der englischen Flotte aufgebracht und zurückgeschickt würden.
Im Oktober 1938 hatte sich das Leben für polnische Jüdinnen und Juden dramatisch verschlechtert. Bei der sogenannten „Polenaktion“ wurden männliche polnisch-jüdische Staatsbürger und in den Grenzen Polens geborene jüdische Staatenlose aus dem Deutschen Reich abgeschoben.
Rachels Brüder Bernhard und Jacob Walzer sowie ihr Schwager Julius Nagler waren davon betroffen. Sie holten ihre Familien im Laufe des folgenden Jahres in ihre Geburtsorte nach.
Rachels ältere Schwester Cyla Leser, geb. Walzer (*1905) war 1933 nach Palästina emigriert, ebenso ihre Geschwister Sabine (Syma) (*1911), Israel und Samuel Walzer. Die Geschwister hielten weiterhin Kontakt zur Familie in Berlin.
Rachels Ehemann Moses Linzer wurde am 13. September 1939 in das KZ Sachsenhausen verschleppt. Dies erfolgte im Zuge einer zweiten Verhaftungswelle polnischer Juden vom 13. bis 16. September 1939, nach dem deutschen Überfall auf Polen am 1. September 1939.
Moses verstarb am 24. April 1940 um 18:15 Uhr in Sachsenhausen. Als Todesursache wurde „Herzmuskelschwäche“ angegeben. Bestattet wurde seine Urne auf Veranlassung der Schwiegermutter Chaja Walzer auf dem Jüdischen Friedhof Berlin-Weißensee.
Über das Rote Kreuz hatten Rachel Linzer und ihre Eltern regelmäßigen Briefkontakt mit Cyla Leser in Palästina. Sie versuchte, letztlich vergeblich, die Übersiedlung ihrer Eltern und Schwester zu ermöglichen.
Rachel war nach der Zwangsauflösung der brüderlichen Schuhfirma 1938 zunächst ohne Beschäftigung. Zuletzt wurde sie zur Zwangsarbeit bei den Siemens-Schuckert-Werken verpflichtet. Lange noch erhielt die Familie weitere finanzielle Unterstützung durch Mietüberschüsse des Hauses ihres Bruders Bernhard.
Auf ihrer letzten Karte an ihre Schwester in Palästina schrieb Rachel im Dezember 1942, dass sie bald Berlin verlassen müssten und sie darüber sehr traurig seien.
Am 29. Januar 1943 mussten ihre Eltern Isaak und Chaja Walzer Berlin mit dem „84. Alterstransport“ Richtung Theresienstadt verlassen. Die auf der Deportationsliste vermerkte letzte Adresse war die Auguststraße 14/15. Unter dieser Adresse befanden sich zunächst das Jüdische Krankenhaus, später das jüdische Kinderheim AHAWAH und zuletzt das „Siechenheim“. Der Ort wurde als Sammellager für alte und gebrechliche Jüdinnen und Juden missbraucht, die auf ihre Deportation in den sicheren Tod warteten.
In Theresienstadt war die Adresse der Walzers Westgasse 3, Kinosaal. Hier starb Rachels Vater Isaak am 17. August 1943. Ihre Mutter Chaja Walzer wurde am 18. Dezember 1943 von Theresienstadt aus nach Auschwitz verschleppt und dort ermordet.
Fünf Tage nach der Deportation ihrer Eltern aus Berlin nach Theresienstadt musste Rachel Linzer am 3. Februar 1943 Berlin mit dem „28. Osttransport“ verlassen. Als ihre letzte Adresse wird die Choriner Straße 68 genannt. Ziel des Transports war Auschwitz. Ihr Name auf der Deportationsliste ist ihr letztes Lebenszeichen.
Rachels Bruder Bernhard Walzer wurde Ende 1938, während der sogenannten „Polenaktion“, nach Polen abgeschoben. Anfang 1939 folgten ihm seine Frau Frieda und der 13-jährige Sohn Manfred nach Lubaczów. Vermutlich bei einem Massaker der deutschen Besatzer im Januar 1943 wurde die Familie erschossen.
Ebenfalls in Polen, im Heimatort des Julius Leser in Polnisch-Galizien, wurde Rachels Schwester Erna Leser mit ihrem Mann Julius und Sohn Adolf vermutlich bei einem Massaker ermordet, so berichtete Cyla Leser.
Als verschollen gilt Rachels Schwester Rosa, verheiratete Fischler. Ihr letztes Lebenszeichen kam aus dem Ghetto Łódź/Litzmannstadt. Ihr Ehemann und die gemeinsamen vier Kinder, zwei Söhne und zwei Töchter, konnten den Holocaust überleben.
Auch Rachel Linzers Schwester Cyla, sowie die Geschwister Syma, Jacob, Israel und Samuel überlebten dank ihrer Flucht nach Palästina.
All texts and images on this website are protected by copyright and may not be used without the permission of the copyright holder.