Joachim Glaß wurde am 22. Oktober 1930 in Berlin als Sohn der Genia (Gina) Glaß geboren. Genia wurde am 9. Februar 1891 im galizischen Brodła (heute Polen) in eine jüdische Familie geboren. Über Joachims Vater ist lediglich bekannt, dass er ebenfalls „jüdischer Abstammung“ war, wie Joachims Ergänzungskarte zur Volkszählung von Mai 1939 belegt. Damals lebte Joachim schon länger in einer Pflegefamilie.
Wir wissen nicht genau, wann Joachim als Pflegekind zu seinen Pflegeeltern Samuel und Rose Nakler kam. Möglicherweise ist er bereits kurz nach seiner Geburt von ihnen in Pflege genommen worden. Die Naklers lebten seit vielen Jahren in der Hufelandstraße 17. Sie hatten einen leiblichen Sohn, Heinz (*2. November 1910). Ob Joachim Heinz noch kennenlernen konnte, ist nicht klar, da dieser Deutschland bereits vor dem Zweiten Weltkrieg in Richtung Brasilien verlassen hatte. Am 9. April 1937 erfolgte Heinz’ Schuleintritt in die jüdische Volksschule in der Rykestraße. Joachims Schulkartei der Reichsvereinigung der Juden von 1938 vermerkte ihn als bei der „Pflegemutter Rose Nakler“ lebend. Spätestens also zu diesem Zeitpunkt lebte er bei den Naklers.
Im Sommer 1939 wurde Joachims Pflegevater Samuel festgenommen. In der Hauptverhandlung am 4. Januar 1940 vor der 2. Strafkammer des Landgerichts Berlin verhängte das Gericht das folgende Urteil: 2 Jahre und 6 Monate Zuchthaus unter Aberkennung der bürgerlichen Ehrenrechte auf 3 Jahre. Angeklagt wurde Samuel wegen eines Verstoßes gegen das „Gesetz zum Schutz des deutschen Blutes und der deutschen Ehre“ (damals zu „Rassenschande“ vulgarisiert). Um diese Zeit hatten sich die Naklers bereits bemüht, ein Aufnahmeland, in das sie auswandern könnten, zu finden.
Während Samuel Nakler im Zuchthaus einsaß, gingen Roses Bemühungen dahingehend weiter. Schließlich gelang es ihr, ein Einreisevisum für Brasilien zu erhalten, wo sich bereits ihr Sohn Heinz befand. Sie verließ am 4. April 1940 unter Zurücklassung von Ehemann und Pflegesohn Deutschland in Richtung Rio de Janeiro. Wann genau Joachim daher in das Baruch-Auerbach’sche Waisenhaus in der Schönhauser Allee 162 gelangte, ist nicht bekannt.
Am 19. Oktober 1942 wurde Joachim Glaß schließlich mit dem „21. Osttransport“ nach Riga deportiert. Mit diesem Transport kamen ausschließlich Berliner Jüdinnen und Juden nach Riga. Unter ihnen befand sich eine große Zahl von Familien mit Kindern. Neben Joachim wurden noch 58 weitere Kinder aus dem Baruch-Auerbach’schen Waisenhaus mit diesem Transport verschleppt.
Aus diesem Transport wurden 81 Männer nach ihren handwerklichen Fähigkeiten zur Zwangsarbeit selektiert. Der Historiker Wolfgang Scheffler gab im Jahr 2002 an, dass nur 17 von ihnen die Shoah überlebten. Alle weiteren Deportierten des „21. Osttransports“ wurden am 22. Oktober 1942 in den Rigaer Stadtwäldern von Rumbula und Biķernieki erschossen. Auch Joachim Glaß befand sich damit unter den Ermordeten des 22. Oktober 1942.
Über das Schicksal seiner leiblichen Mutter wissen wir, dass sie nach Łódź (damals „Litzmannstadt“) deportiert wurde. Dieser „IV. Transport“ fuhr am 1. November 1941 vom Berliner Bahnhof Grunewald ab und kam tags darauf an sein Ziel. Sofort nach Ankunft beschlagnahmte die Polizei jegliches Geld und Dokumente der Deportierten. Dann wurden die Jüdinnen und Juden in das örtliche Ghetto gebracht. Im Zeitraum zwischen dem 4. und dem 15. Mai 1942 wurden viele der von Berlin nach Łódź Deportierten im nahegelegenen Vernichtungslager Chełmno ermordet. Ob sich Genia Glaß unter den in Chełmno Getöteten befand oder im Ghetto bzw. bei seiner Auflösung zu Tode kam, ist nicht weiter bekannt.
All texts and images on this website are protected by copyright and may not be used without the permission of the copyright holder.