Horst Nossen

Location 
Jessnerstraße 10
Historical name
Kronprinzenstraße 4
District
Friedrichshain
Stone was laid
16 October 2024
Born
05 May 1919 in Berlin
Arrested
von 18 April 1940 in Zuchthaus Luckau
Arrested
von 1941 in Gefängnis Lingen
Interned
in KZ Neusustrum
Murdered
25 November 1942 im Strafgefangenen-Lager Neusustrum
Biography

Horst Sally Nossen kam am 5. Mai 1919 im Jüdischen Krankenhaus Berlin als Sohn des jüdischen Fabrikarbeiters Siegfried Nossen und dessen Ehefrau Berta, geb. Feige, zur Welt. Er hatte noch einen Zwillingsbruder namens Norbert Ismar. Da die Kinder Frühgeburten waren, verbrachten sie ihre ersten Lebensmonate im Krankenhaus. Norbert Nossen verstarb am 23. Juli 1919 im Kaiser- und Kaiserin-Friedrich-Kinderkrankenhaus im Wedding. 

Horst wurde erst mit sieben Monaten nach Hause entlassen. Er sollte in seiner geistigen Entwicklung zurückbleiben und besuchte die Hilfsschule. Danach absolvierte er 4 ½ Jahre eine Lehre als Bootsbauer bei der Firma Paul Langner in Berlin-Friedrichshagen. Anschließend arbeitete Horst Nossen als Möbeltischler, zuletzt in der Möbelfabrik Paul Lenz in der Warschauer Straße 70. Da sein Vater schwer herzleidend und seine Mutter zuckerkrank war, trug Horst mit seinem Verdienst wesentlich zum Unterhalt der Familie bei, die seit 1925 in einer 2-Zimmer-Wohnung in der Kronprinzenstraße 4 in Friedrichshain wohnte (heute Jessnerstraße 10).

Ab März 1940 befand sich Horst Nossen im jüdischen Arbeitslager in Dobbrikow bei Luckenwalde, um sich für eine später beabsichtigte Auswanderung nach Palästina umschulen zu lassen. Dort erreichte ihn Mitte April 1940 ein Telegramm von seinen Eltern mit der Aufforderung, sofort nach Hause zu kommen: Er wurde polizeilich gesucht.

Im Frühjahr 1939 hatte Horst Nossen in einem Lokal die Hausangestellte Luise Gralow kennengelernt und ging mit ihr eine Beziehung ein, die nach den damaligen Gesetzen verboten war – die 1919 geborene Luise Gralow war „Arierin“.

Durch das am 15. September 1935 erlassene Gesetz zum „Schutze des deutschen Blutes und der deutschen Ehre“ wurde die Eheschließung und der außereheliche Geschlechtsverkehr zwischen Juden und Nichtjuden verboten. Verstöße gegen das Gesetz wurden als „Rassenschande“ bezeichnet und mit Gefängnis oder Zuchthaus bedroht. 

Als die Mutter von Luise Gralow erfuhr, dass Horst Nossen Jude war, stellte sie am 15. April 1940 Strafanzeige. Zu diesem Zeitpunkt war ihre Tochter im 3. Monat schwanger.

Horst reiste zurück nach Berlin und begab sich zur Staatsanwaltschaft. Er wurde am 18. April im Untersuchungsgefängnis Berlin-Moabit inhaftiert, am 23. August 1940 wurde er vom Landgericht Berlin wegen „Rassenschande“ zu einer Zuchthausstrafe von 1 1/2 Jahren unter Anrechnung der Untersuchungshaft verurteilt.

Von Berlin wurde er am 16. September 1940 zunächst in das Zuchthaus Luckau, am 23. September in das Zuchthaus Brandenburg-Görden überführt. Ende Mai 1941 wurde Horst Nossen in das Strafgefängnis Lingen überstellt, von wo er in das an der niederländischen Grenze gelegene Strafgefangenen-Lager V Neusustrum verschleppt wurde. Es gehörte zu den berüchtigten „Emslandlagern“. Die Gefangenen mussten hier unter schlechtesten Bedingungen Arbeiten im Moor verrichten. Dazu zählten die Entwässerung des Moors, das Stechen von Torf sowie das Anlegen von Straßen.

Siegfried und Berta Nossen bemühten sich um eine Auswanderung ihres Sohnes nach der Verbüßung seiner Strafe: Sie hatten für ihn im Oktober 1941 eine Schiffspassage in die Dominikanische Republik ergattert. Doch ihnen war anscheinend nicht bewusst, dass er unter die im Juni 1940 erlassene „Kriegstäter-Verordnung“ fiel: Danach sollten Vollzugszeiten, die in die Zeit des Krieges fallen, in die Strafzeit nicht einberechnet werden – diese hätte erst nach Kriegsende begonnen.

Die unmenschlichen Lebensbedingungen in Neusustrum forderten zahlreiche Todesopfer, unter ihnen auch Horst Nossen: Laut einer Nachricht an das Landgericht Berlin verstarb er am 25. November 1942 im Krankenrevier an Durchfall.

Horsts Eltern Siegfried und Berta Nossen waren bereits am 19. Januar 1942 mit dem 9. Osttransport in das Ghetto Riga deportiert worden. Hier verliert sich ihre Spur. Sie wurden zu einem unbekannten Zeitpunkt ermordet.