Adolf Hanau

Verlegeort
Delbrückstraße 19
Bezirk/Ortsteil
Grunewald
Verlegedatum
15. Mai 2014
Geboren
23. August 1878 in Saarlautern / Saarlouis
Verhaftet
von November 1938 bis bis Dezember 1938 in Sachsenhausen
Deportation
am 27. Mai 1942 nach Sachsenhausen
Später deportiert
1942 nach Auschwitz
Ermordet
25. November 1942 in Auschwitz
Biografie

Adolf Hanau wurde am 23. August 1878 in Roden, einem Stadtteil von Saarlouis, als zweites Kind seiner Eltern, dem Kaufmann Salomon (geboren 14. November 1851 in Roden) und Caroline Hanau geborene Mai (geboren am 20. Juni 1850 Waldmohr, Rheinlad-Pfalz), geboren. Sein Bruder Felix (geboren am 17. Dezember 1876 in Saarlouis) war zwei Jahre älter als Adolf. Seine Schwester Bertha wurde am 15. November 1879, seine Schwester Henrietta Hermine am 16. Juni 1881 und seine Schwester Emelie am 1. März 1884 ebenfalls in Saarlouis geboren.

Als Adolf 6 Jahre alt war, starb sein 34-jähriger Vater Salomon Hanau am 17. März 1885 in Saarlouis. Seine Mutter Caroline wurde mit 35 Jahren Witwe und ihre fünf Kinder Halbwaisen.1903 starb die jüngste Schwester Emelie mit 18 Jahren.

Adolf wurde wie sein Vater ein erfolgreicher Kaufmann und Bankdirektor. Seit wann er den Ehrentitel Kommerzienrat führte, konnte nicht recherchiert werden. Die Verleihung dieses Titels erfolgte nicht automatisch, sondern erst nach erheblichen „Stiftungen für das Gemeinwohl“. Er wohnte vor seiner Heirat in der Aschenbachstraße 55 in Düsseldorf.

Wann und wo Adolf seine spätere Ehefrau Else (geboren am 24. Januar 1885 in Chicago, USA) kennenlernte, ist nicht bekannt. Aufgrund seiner Arbeit hatte er vielleicht keine Zeit zum Heiraten gehabt und mittlerweile das traditionelle Heiratsalter weit überschritten.

Else war eine geschiedene Frau, die seit 1913 zusammen mit ihrer Tochter, die sie Lotte nannte, in Wiesbaden bei ihrer verwitweten Mutter Babette Mayer (geboren am 4. April 1857 in Ottweiler, Neuenkirchen im Saarland) lebte. 

Da der Geburtsort von Elses Mutter, Ottweiler, ganz in der Nähe des Geburtsortes von Adolfs Mutter, Waldmohr lag, ist anzunehmen, dass die beiden Mütter sich kannten bzw. derselben jüdischen Gemeinde angehörten. Die Ehe hat im Judentum einen hohen Wert. Seit Urzeiten boten deshalb Heiratsvermittler jüdischer Gemeinden, die sogenannten Schadchan oder Schadchen, ihre Dienste an, um bei der Partnersuche zu helfen, damit die passenden Paare zusammenfanden. Auf Jiddisch nennt man den richtigen, von Gott bescherten Partner jemandes "Beschert".  Elses Schwester Natalie und ihre Tochter Ilse Lemke machten später in Berlin die Heiratsvermittlung (Institut für vornehme Eheanbahnung) zu ihrem Beruf.

Am 14. Oktober 1919 heirateten der 41-jährige Adolf und die 34-jährige Else in Wiesbaden. Adolf adoptierte Elses damals 12-jährige Tochter Lotte (geboren am 19. Juni 1907 in Straßburg), die fortan ebenfalls den Nachnamen Hanau trug. 

Im März 1921 zogen Else, Lotte und Babette, Adolfs Schwiegermutter, nach Düsseldorf. Sie wohnten gemeinsam in der Grafenberger Allee 182. Die Familie war dem Pferdesport sehr verbunden. Mitte der zwanziger Jahre ging Lotte Hanau nach Berlin, wo sie Bildhauerei an der Akademie der Künste studierte. 

Am 24. November 1928 starb Adolfs Mutter Caroline Hanau geborene May mit 78 Jahren in Adolfs Geburtsstadt Saarlouis.

Lotte heiratete am 11. Juli 1929 in Düsseldorf den Fabrikanten Richard Arthur Wolff (geboren am 29. September 1890 in Ludwigshafen) aus der Regentenstraße 5 in Berlin-Tiergarten. Das junge Paar wohnte fortan in Berlin-Charlottenburg in der Bayernallee 14 im Westend. 

1933 lebten in Düsseldorf rund 5.500 Juden, von denen bis 1938 etwa die Hälfte auswanderte. Warum die Familie Hanau nicht auswanderte, als es noch möglich war, konnte nicht recherchiert werden. 

Im September 1935 erließ der Reichstag die „Nürnberger Gesetze“, die Jüdinnen und Juden zu Bürgern minderen Rechts machten und sie nach der Rassenideologie der Nationalsozialisten von der "arischen" Bevölkerung abgrenzten. Da half es auch nicht, katholisch getauft zu sein.

1936 gingen Adolf und Else Hanau sowie Elses Mutter Babette Mayer ebenfalls nach Berlin.  Sie zogen in die Villa von Dr. Karl Adler (geboren am 1. Januar 1872 in Worms), Generaldirektor des zeitweilig größten Konzerns der europäischen Lederindustrie Adler & Oppenheimer, in der Delbrückstraße 19 in Berlin-Grunewald. Die Miete betrug 750 RM. Dr. Karl Adler zog 1936 nach Baden-Baden und flüchtete 1938 mit seiner Ehefrau Rosa nach Buenos Aires, Argentinien. 

Adolf und Else wohnten im Parterre und im ersten Stock des Hauses. Elses Mutter bewohnte im zweiten Stock des Hauses eine 4-Zimmer-Komfort-Wohnung. Ganz in der Nähe konnte Adolf Büroräume mieten.

Juden wurden aus der deutschen Privatwirtschaft nach und nach verdrängt. 1937 zeichnete sich die schnelle Zwangsenteignung durch den Staat ab. Adolf war gezwungen, seine Kunstsammlung versteigern zu lassen. Sein Eigentum in Düsseldorf, Köln und Siegburg wurde, um nicht als jüdisches Eigentum beschlagnahmt zu werden, von Louis Helkenberg, Immobilien, Hypotheken und Hausverwaltungen, aus der Leibnizstraße 72 in Berlin-Charlottenburg treuhänderisch verwaltet. 

Im August 1938 forderte das Finanzamt Adolf auf, die Reichsfluchtsteuer in Höhe von ca. 134.000 RM zu zahlen, die er mit Sicherungshypotheken auf den Grundbesitz in Köln beglich. Der Betrag der Reichsfluchtsteuer errechnete sich aus einem Viertel der Angabe seines Gesamtvermögens in Höhe von über 400.000 RM

In der Nacht vom 9. zum 10. November 1938, der Reichspogromnacht, eskalierte die Gewalt gegen Juden. Synagogen und jüdische Einrichtungen wurden angesteckt, Menschen getötet, gedemütigt, verhaftet, misshandelt und vergewaltigt, Geschäfte und Wohnungen demoliert und zerstört. Teile der nichtjüdischen Bevölkerung standen den Pogromen ablehnend gegenüber, nicht alle beteiligten sich aktiv, aber auch nur wenige halfen ihren jüdischen Nachbarn.

Adolf Hanau wurde von der Gestapo in „Schutzhaft“ genommen und am 10. November 1938 in das Konzentrationslager Sachsenhausen verschleppt, wo er körperlichen und psychischen Misshandlungen ausgesetzt war. Von hier schrieb er am Tag seiner Entlassung, am 13. Dezember 1938, auf einer Postkarte an seine Ehefrau: „... wegen der Liquidation der Häuser, Vermögensabgabe, sowie der Auswanderung bitte ich alles gewissenhaft zu erledigen. Insbesondere die Büroräume kündigen.“ Außerdem fragte er nach, ob es von seiner Schwester Bertha Nachrichten gäbe. Bertha plante die Auswanderung in die USA und hatte sich eventuell auch um die Auswanderung von Adolf und Else gekümmert.

Ein paar Tage später eröffnete ihm das Finanzamt, dass er aufgrund der Durchführungsverordnung über die Sühneleistung der Juden für den Schaden der Reichspogromnacht eine Judenvermögensabgabe in Höhe von 104.300 RM und Else in Höhe von 13.100 RM, zu leisten habe.

Am 19. Januar 1939 beging Lottes Ehemann, der seine Fabrik durch die "Arisierung" verloren hatte, Selbstmord. Lotte verließ kurz darauf Berlin und setzte ihr Kunststudium in Paris und Madrid fort. In Madrid heiratete sie am 27. Juli 1940 den zehn Jahre jüngeren Amerikaner Donald Murdock McLean (geboren 9. September 1916 in Tuscaloosa, Alabama).

Ab September 1941 wurden Adolf, Else und Babette gezwungen, den gelben Stern zu tragen. Seit Oktober 1941 war eine Auswanderung nicht mehr möglich. Die Familie saß in Berlin in der Falle. 

Am 27. Mai 1942 wurde Adolf Hanau erneut von der Gestapo abgeholt. Er war einer der 500 „Geiseln“, die als Reaktion auf den Brandanschlag der jüdisch-kommunistischen Herbert-Baum-Gruppe auf die Ausstellung „Das Sowjet-Paradies“ im Berliner Lustgarten, verhaftet wurden. Als Rache für den Anschlag wurden 250 Juden in Sachsenhausen ermordet, darunter 154 von den in Berlin Festgenommenen und 96 bereits in Sachsenhausen inhaftierten Häftlinge. Adolf Hanau wurde im Konzentrationslager Sachsenhausen interniert. .

Else, die sich am 1. Juni 1942 zur "Evakuierung" bei der Gestapo melden sollte, sah keinen anderen Ausweg, als mit Schlafmitteln ihrem Leben ein Ende zu setzen. Ob Adolf über den Tod seiner Ehefrau informiert wurde, ist nicht bekannt. Sie waren 22 Jahre verheiratet gewesen.

Die Gestapo deportierte Adolf zu einem unbekannten Zeitpunkt von Sachsenhausen in das Vernichtungslager Auschwitz , wo er am 25. November 1942 ermordet wurde. Er starb mit 64 Jahren.

Lotte Hanau, seine Adoptivtochter, hatte sich 1943 scheiden lassen und flüchtete von Spanien nach Buenos Aires, Argentinien, wo sie zum dritten Mal heiratete. Sie lebte ab 1956 in New York und wurde unter dem Namen Charlotte Dunwiddie eine berühmte Bildhauerin. Laut Adolf Hanaus Testament war sie die Alleinerbin seines Vermögens. Bei der Verfolgung ihrer Ansprüche beim Wiedergutmachungsamt in Berlin stand ihr nach dem Krieg der von Adolf eingesetzte Treuhänder Louis Helkenberg helfend zur Seite.

Adolfs Schwestern Bertha und Henrietta Hermine war die Auswanderung in die USA

gelungen. Auch sie lebten nach dem Krieg in New York. Bertha starb am 17. Januar 1977 mit 97 Jahren und Henrietta Hermine am 19. Dezember 1964 mit 83 Jahren. Der ältere Bruder Felix überlebte in Saarbrücken und starb am 1. Juli 1965 mit 88 Jahren.