Babette Kahn wurde am 4. April 1857 als zweites Kind von Wilhelm (*1828) und Johanna Kahn geborene Reichard (*1834) in Ottweiler, Neuenkirchen im Saarland, geboren. Der Erstgeborene Nathan Julius (*1855) starb schon nach einem Jahr. Das gleiche Schicksal hatten drei weitere Kinder. Neben Babette erreichten ihre Schwestern Auguste Karoline (*1859) und Mathilde Juliane (*1864) das Erwachsenenalter.
Wann und wo Babette ihren späteren Ehemann Siegmund Robert Mayer (geboren am 14. August 1853 in Maikammer, Landkreis Südliche Weinstraße, Pfalz) kennenlernte, ist nicht bekannt. Sie heirateten 1875 in St. Wendel, einer Kreisstadt im Regierungsbezirk Trier. Bis zum Ende des 19. Jahrhunderts wanderten viele Bürger aus dem St. Wendeler Land nach Amerika aus, was auch ein Traum des jungen Paares gewesen sein muss.
Ihre erste Tochter Natalie Johanna wurde am 19. November 1877 noch in Kaiserslautern geboren und katholisch getauft. 1882 war Chicago in den USA ihr registrierter Wohnort. Hier kam am 24. Januar 1885 ihre zweite Tochter Else Alexandra zur Welt.
Ihre Zukunft sah die Familie später doch wieder in Europa, deshalb kehrten sie aus den USA zurück. Am 5. Dezember 1899 heiratete ihre inzwischen 22-jährige Tochter Natalie in Metz den katholischen Kaufmann Edouard Charles Louis Meyer (geboren am 10. April 1856 in Metz). Am 8. September 1901 wurde ihre Tochter Ilse in Metz geboren. Babette wurde mit 44 Jahren zum ersten Mal Großmutter.
Ihre jüngste Tochter Else heiratete am 2. Juni 1906 in Wiesbaden den Rechtsreferendar Walter Karl Klein, der ebenfalls katholisch war. Am 19. Juni 1907 wurde Babettes zweite Enkelin Elisabeth Lieselotte Eugenie Natalie Klein in Straßburg geboren. Die Taufe des Kindes fand am 7. Juli in der katholischen Pfarrkirche Jung-Sankt-Peter zu Straßburg statt.
Am 2. Juli 1909 starb Babettes Ehemann Siegmund Robert Mayer mit 56 Jahren in Wiesbaden. Babette wurde mit 52 Jahren Witwe.
Vier Jahre später, am 12. April 1913, ließen sich Else und ihr Ehemann Dr. jur. Walter Karl Klein scheiden. Else und ihre 5-jährige Tochter Lotte lebten fortan wieder bei ihrer Mutter Babette in Wiesbaden.
Else heiratete am 14. Oktober 1919 den erfolgreichen jüdischen Kaufmann und Bankier Adolf Hanau (geboren 23. August 1878 in Roden einem Stadtteil von Saarlouis), der ihre Tochter Lotte adoptierte.
Im März 1921 zogen Else, Lotte und Babette zu ihm nach Düsseldorf. Sie wohnten gemeinsam in der Grafenberger Allee 182. Die Familie war dem Pferdesport sehr verbunden. Mitte der zwanziger Jahre ging Lotte Hanau nach Berlin, um Kunst zu studieren. Sie heiratete am 11. Juli 1929 in Düsseldorf den Fabrikanten Richard Arthur Wolff (*29. September 1890 in Ludwigshafen) aus Berlin. Das junge Paar wohnte fortan in Berlin-Charlottenburg in der Bayernallee 14 im Westend.
1933 lebten in Düsseldorf rund 5.500 Juden, von denen bis 1938 etwa die Hälfte auswanderte. Warum Babette und die Familie Hanau nicht auswanderten, konnte nicht recherchiert werden.
Im September 1935 erließ der Reichstag die „Nürnberger Gesetze“, die Jüdinnen und Juden zu Bürgern minderen Rechts machten und nach der Rassenideologie der Nationalsozialisten von der "arischen" Bevölkerung abgrenzten. Da half es auch nicht, katholisch getauft zu sein.
1936 gingen Adolf und Else Hanau und Babette Mayer ebenfalls nach Berlin. Sie zogen in die Villa von Dr. Karl Adler (geboren am 1.1.1872 in Worms), Generaldirektor des zeitweilig größten Konzerns der europäischen Lederindustrie Adler & Oppenheimer, in der Delbrückstraße 19 in Berlin-Grunewald. Die Miete betrug 750 RM. Dr. Karl Adler zog 1936 nach Baden-Baden und flüchtete 1938 mit seiner Ehefrau Rosa nach Buenos Aires, Argentinien.
Babette bewohnte im zweiten Stock dieses Hauses eine 4-Zimmer-Komfort-Wohnung. Die Miete zahlte ihr Schwiegersohn.
In der Nacht vom 9. zum 10. November 1938, der Reichspogromnacht, eskalierte die Gewalt gegen Juden. Synagogen und jüdische Einrichtungen wurden angesteckt, Menschen getötet, gedemütigt, verhaftet, misshandelt und vergewaltigt, Geschäfte und Wohnungen demoliert und zerstört. Teile der nichtjüdischen Bevölkerung standen den Pogromen ablehnend gegenüber, nicht alle beteiligten sich aktiv, aber auch nur wenige halfen ihren jüdischen Nachbarn.
Für die damals 81-jährige Babette Mayer muss diese Nacht voller Angst und Ohnmacht gewesen sein. Ihr Schwiegersohn Adolf Hanau wurde von der
Gestapo
in „Schutzhaft“ genommen und am 10. November 1938 in das
Konzentrationslager
Sachsenhausen verschleppt, wo er körperlichen und psychischen Misshandlungen ausgesetzt war. Gut einen Monat später, am 13. Dezember, wurde er entlassen.
Am 19. Januar 1939 beging der Ehemann ihrer Enkelin Lotte, der seine Fabrik durch die "Arisierung" verloren hatte, Selbstmord. Lotte verließ kurz darauf Berlin und setzte ihr Kunststudium in Paris und Madrid fort. In Madrid heiratete sie am 27. Juli 1940 den zehn Jahre jüngeren Amerikaner Donald Murdock McLean (geboren 9. September 1916 in Tuscaloosa, Alabama).
Wann Babettes älteste Tochter Natalie nach Berlin kam, ist nicht bekannt. Bei der „Minderheiten-Volkszählung“ am 17. Mai 1939 wohnte die damals 62-jährige alleine in der Motzstraße 61 in Berlin-Schöneberg. Sie fühlte sich, obwohl ihr „arischer“ Mann schon verstorben war, durch ihre „Privilegierte Mischehe“ vor der Deportation geschützt.
Am 27. Mai 1942 wurde Babettes Schwiegersohn Adolf Hanau erneut von der Gestapo abgeholt. Er war einer der 500 „Geiseln“, die als Reaktion auf den Brandanschlag der jüdisch-kommunistischen Herbert-Baum-Gruppe auf die Ausstellung „Das Sowjet-Paradies“ im Berliner Lustgarten, verhaftet wurden. Als Rache für den Anschlag wurden 250 Juden in Sachsenhausen ermordet, darunter 154 von den in Berlin Festgenommenen und 96 bereits in Sachsenhausen inhaftierten Häftlinge. Adolf Hanau wurde im Konzentrationslager Sachsenhausen interniert.
Ihre Tochter Else, die sich am 1. Juni 1942 zur "Evakuierung" bei der Gestapo melden sollte, verübte am 1. Juni Selbstmord und starb am 2. Juni 1942 an Schlafmittelvergiftung im Jüdischen Krankenhaus in der Iranischen Straße in Berlin-Wedding.
Babette blieb allein in der Villa zurück. Der Hauswart der Delbrückstraße 19, den Adolf Hanau von Dr. Adler übernommen hatte, denunzierte sie bei der Gestapo. Sie würde Vermögenswerte des „inhaftierten Juden Adolf Hanau verkaufen und verschieben“. Die Gestapo behauptete sogar, dass Babette den Auftrag dazu von ihrem Schwiegersohn aus dem Konzentrationslager erhalten habe und deshalb eine "Evakuierung" von Babette Mayer schnellstens angebracht sei.
Tatsächlich hatte Babette Einrichtungsgegenstände und Wertsachen aus der Wohnung ihrer Tochter in ihre Wohnung gebracht, denn sie glaubte in ihrem hohen Alter nicht mehr "evakuiert" zu werden. Außerdem sah sie sich durch ihre Tochter Natalie, die, wie sie meinte, „arisch versippt“ war, geschützt.
Anfang Juli 1942 holte die Gestapo Babette Mayer in der Delbrückstraße 19 ab und setzte sie im Sammellager der Große Hamburger Straße 26 fest. Am 24. Juli 1942 füllte sie ihre Vermögenserklärung aus. Bei der Deutschen Bank hatte sie Aktien im Wert von 25.000 RM, die mit der Abschiebung in das Ghetto Theresienstadt dem Deutschen Reich zufielen.
Drei Tage später, am 27. Juli 1942, deportierte sie die Gestapo in das Ghetto Theresienstadt. Hier lebte sie trotz der unmenschlichen Verhältnisse im Ghetto noch vier Monate auf der Krankenstation. Sie starb laut Todesfallanzeige mit 85 Jahren am 2. Dezember 1942 an Altersschwäche.
Ihr Schwiegersohn Adolf Hanau wurde von Sachsenhausen nach Auschwitz deportiert, wo er am 25. November 1942 ermordet wurde. Er starb mit 64 Jahren.
Babettes älteste Tochter Natalie wurde trotz der "privilegierten Mischehe" am 10. Januar 1944 aus der Motzstraße 64 nach Theresienstadt deportiert. Die Gestapo nannte diese Deportation „Wohnsitzverlegung von nicht mehr bestehenden privilegierten Mischehen“. Sie überlebte und ging nach der Befreiung des Ghettos Theresienstadt zu ihrer Tochter Ilse Lemke geborene Meyer nach Leipzig. Später lebten die beiden wieder in der Motzstraße 64 in Berlin-Schöneberg. Hier starb die Geschäftsinhaberin des Instituts für Eheanbahnung Natalie Meyer geborene Mayer am 26. Januar 1950 mit 72 Jahren an Darmkrebs.
Lotte Hanau geborene Klein und Donald McLean ließen sich am 26. Februar 1943 scheiden. Er trat danach in die US-Army ein und sie emigrierte von Spanien nach Argentinien. Dort heiratete sie 1944 in dritter Ehe Dedrick Stanley Dunwiddie (1908) und lebte mit ihm in Lima, Peru. Durch die Ehe bekam sie am 25. Juni 1948 die amerikanische Staatsbürgerschaft.
Nach dem plötzlichen Tod ihres Ehemannes 1951 ging Charlotte Dunwiddie 1956 mit 49 Jahren nach New York, wo sie ihre Karriere als Bildhauerin fortsetzte. Sie wurde die erste Präsidentin der National Sculpture Society. Sie starb mit 87 Jahren am 27. April 1995 in New York.
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