Johanna Margarete, genannt Grete, wurde als jüngstes Kind von Ida Rosa, geborene Coba, und Adolf Sultan am 21.06.1906 in Berlin geboren. Beide Eltern waren verwitwet und brachten drei bzw. zwei Kinder mit in die neue Ehe. Zusammen bekamen die Sultans noch zwei Kinder, Wolfgang und Johanna Margarete.
Grete wurde schon in jungen Jahren vom Klavier angezogen und fing früh an, das Instrument mit Hilfe ihrer Schwester Anni zu lernen. In der Familie wurde viel musiziert und Grete hatte nach den ersten Schritten in der Familie, Unterricht bei bekannten Lehrern, u. a. bei Richard Buhlig und Claudio Arrau.
Das Klavierspielen war ihr Leben. Schon mit 15 Jahren trat sie in die Musikhochschule ein, um bei Leonid Kreutzer zu studieren. Grete Sultan wurde eine gefeierte Interpretin. Sie beherrschte Bach und Schönberg gleichermaßen. Alte und Neue Musik an einem Konzertabend vorzutragen, der modernen Komposition eine angemessene Interpretation zuzugestehen, diesen Anspruch hatte sie ihr Leben lang.
Sie war nie verheiratet und blieb lange bei ihren Eltern wohnen, obwohl sie bereits 1934 erste Fluchtgedanken hegte. Im September 1935 erhielt sie in Deutschland Berufsverbot. Danach trat sie in der Schweiz und in Italien auf. In Berlin konnte sie nur noch in privaten jüdischen Kreisen spielen.
Im November 1936 nahm sich ihr Bruder Wolfgang Sultan in Leipzig das Leben. Die ganze Familie war erschüttert. Grete blieb, obwohl es immer gefährlicher wurde, bei den Eltern in Berlin. 1939 wurden die Sultans enteignet. Gretes Eltern und die Schwester Claere mussten darauf das Haus in der Ernst-Ring-Straße 2 verlassen und in die Konstanzer Straße 59 umziehen.
Grete und ihre Cousine Clara Beate Berwin zogen zusammen von der Ernst-Ring-Straße in eine Zweizimmerwohnung in der Villa des Ehepaares Charlotte und Wolf Malinowski in der Straße Am Schlachtensee 38 um. Die Eigentümer der Villa wurden 1943 deportiert und in Auschwitz ermordet.
Erst im Mai 1941 floh Grete im letzten Moment mit dem portugiesischen Passagierschiff "Nyassa" über Lissabon nach New York.
Dort wurde sie anfangs von Familienangehörigen und Freunden unterstützt.
In frühen Jahren, noch zur Schulzeit, hatte sich Grete mit Vera Lachmann, der Tochter eines Freundes ihres Vaters, angefreundet. Vera emigrierte 1939 in die USA und war für Grete da, als sie 1941 in New York ankam. Vera machte Grete mit Freunden und Musikern bekannt und Grete bekam kleine Arbeiten und konnte Klavier spielen. Gretes Geschwister Käte in Venezuela und Jakob Curt in North Carolina unterstützten sie anfangs finanziell, bis sie ein eigenes Einkommen hatte.
Aber Gretes Auftrittsmöglichkeiten in den Vereinigten Staaten blieben trotz allen Bemühungen und erster Erfolge rar. Ende 1943 gab sie mit großem Erfolg ein Konzert am Vassar College. Vera Lachmann gründete 1943 eine Privatschule, in der auch Grete Arbeit fand. Sie gab wieder Klavierunterricht.
1946 unternahm Grete eine erste Tournee in den USA.
Grete war glücklich, als 1946 ihre geliebte Mutter – der Vater war im Sommer 1941 verstorben – aus der Schweiz in die USA kommen konnte. Sie wohnten zusammen in einer kleinen Wohnung in der West 68th Street in New York. Mutter und Tochter lebten bescheiden von den Einkünften Gretes durch Pianounterricht oder Konzertauftritte. Beide gaben sich gegenseitigen Halt.
Anfang 1946 macht Gretes ehemaliger Lehrer Richard Buhlig Grete mit John Cage bekannt. Grete war von Cage fasziniert und trat immer wieder mit Stücken von ihm auf. Die beiden blieben bis zu Cages Tod 1992 sehr enge Freunde.
1947 erhielt Grete die amerikanische Staatsbürgerschaft.
1953 stellte Grete einen Entschädigungsantrag. Das Verfahren zog sich Jahre hin. Erst ab den sechziger Jahren erhielt Grete eine mäßige Rente vom Berliner Entschädigungsamt. Das Haus in der Ernst-Ring-Straße wurde in den 1960er Jahren der Familie Sultan wieder zugesprochen. Es wurde verkauft, denn die Familienmitglieder waren in der ganzen Welt verstreut und keiner der Familie, einschließlich Grete, wollte zurück nach Berlin.
Anlässlich der Trauerfeier ihres Bruders Herbert in Heidelberg reiste Grete 1954 nach Europa und hatte innerhalb von achtzehn Tagen neun Auftritte: neben der Trauerfeier in Heidelberg auch in München, Köln, Stuttgart, Berlin, Basel und in Oslo. In Berlin besuchte sie alte Freunde.
Coba war glücklich, dass ihre Tochter in Amerika Fuß fassen konnte und sie beide noch eine gemeinsame Zeit verbringen konnten. Sie musste ihre letzte Lebenszeit in einem Heim verbringen, weil sie immer schwächer wurde und Grete sie nicht mehr pflegen konnte.
1991 ist Grete das letzte Mal in Europa. Noch 1996, also mit 90 Jahren, tritt sie in New York mit einer Goldbergvariation auf.
Ihre Nichte Marianne Felton, geb. Victorius, und ihr Neffe Claus Victorius kümmerten sich um ihre greise Tante und kommen alle paar Monate abwechselnd zu Besuch aus entfernteren Bundesstaaten. Besonders Marianne war ihr eine gute Freundin.
Erst im hohen Alter, mit 95 Jahren, erfuhr Grete Sultan Würdigung und Anerkennung in Deutschland. Es wurden Sendungen im Radio ausgestrahlt und Zeitungsartikel verfasst. 2002 wurde ihr das Bundesverdienstkreuz 1. Klasse verliehen.
Mitte Juni 2005 wurde Grete ins Krankenhaus eingeliefert, wo sie am 26. Juni, fünf Tage nach ihrem 99. Geburtstag, starb. Ihre Urne wurde auf dem Friedhof in Ferncliff nördlich von New York, neben der ihrer Mutter, beigesetzt.
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