Otti (Ottilia) Berger wurde als Kind ungarisch-jüdischer Eltern am 4. Oktober 1898 in Zmajevac/Vörösmart (Region Baranja, damals Österreich-Ungarn, heute Republik Kroatien) geboren. Ihre Eltern waren Lajos Berger (1860-1941) und Ida Krausz (1880-1944), die in Zmajevac als Kaufleute tätig waren. Otti hatte zwei Geschwister. Ihr Halbbruder Oskar (Oszkar, 1888-1944) stammte aus der ersten Ehe Lajos Bergers mit Regina Bichler. Er führte später das elterliche Geschäft. Der jüngere Bruder Otto (1900 – 1960) war Modeschöpfer und arbeitete in Modesalons in Karlsbad (Karlovy Vary) und Prag.
Seit ihrer Kindheit litt Otti unter einer Hörbehinderung. Nach ihrer Schulzeit studierte sie ab 1922 Kunst an der Königlichen Akademie für Kunst und Kunstgewerbe in Zagreb, im Königreich Jugoslawien. Anfang 1927 begann Otti Berger einen Vorkurs an der „Hochschule für Gestaltung“ – bekannt als „Bauhaus“. Sie wurde dort im September des gleichen Jahres in der Webereiklasse unter Gunta Stölzl zum Hauptstudium zugelassen. Im November 1930 schloss sie ihr Studium mit Diplom ab.
Das „Bauhaus“ war 1919 in Weimar von Walter Gropius gegründet worden und erlebte in Dessau zwischen 1925 und 1932 seine Blütezeit. Schon nach der Landtagswahl am 21. Mai 1932 stellte die NSDAP die Regierung des damaligen Freistaats Anhalt. Auch in der Dessauer Stadtversammlung hatten die Nazis die Mehrheit erreicht. Am 30. September 1932 beschloss die nationalsozialistisch dominierte Stadtversammlung die Schließung der „Hochschule für Gestaltung“.
Bereits während ihres Studiums war Otti Berger sehr beliebt. Auch später blieb sie gut vernetzt. Von Ende 1931 bis Anfang 1932 wurde ihr kurzzeitig die Leitung der Webereiwerkstatt der Hochschule übertragen. Nach der Schließung des Bauhauses zog Otti Berger nach Berlin und arbeitete freiberuflich in ihrem Atelier an neuartigen Materialkombinationen, für die sie Patente und Gebrauchsmuster zugesprochen bekam.
Die Berliner Adressbücher für die Jahre 1932 bis 1936 weisen unter den Einträgen für die Fasanenstraße 13 in Berlin-Charlottenburg auch „Berger, O., Kunstgewerblerin“ aus. Der Eintrag steht für Otti Berger, die in diesen Jahren im Hinterhaus des Gebäudes lebte. Dort betrieb sie ihr „laboratorium und versuchswerkstatt. stoffe für bekleidung, möbel, vorhang-, wandbekleidung und bodenbelag“.
Sie war eine der innovativsten und erfolgreichsten Textilgestalterinnen der Moderne, wie die ehemalige Leiterin der Bauhaus-Webereiwerkstatt, Gunta Stölzl, sowie Direktor Walter Gropius bestätigten.
Nach der nationalsozialistischen Machtübernahme 1933 stellte sich die Realität für Otti Berger grundlegend anders dar: Sie, im damaligen Österreich-Ungarn geboren, galt als Ausländerin. Aufgrund ihrer jüdischen Religionszugehörigkeit wurde ihr zudem 1936 ein Berufsverbot erteilt, woraufhin sie nach England floh. In der Zeit von 1937 bis 1938 erhielt Otti Berger in England nur einen einzigen bezahlten Arbeitsauftrag (durch die Firma Helios Ltd. nahe Manchester). In der Retrospektive wird Otti Berger ihre Zeit in England als sehr negativ beschreiben.
Otti Berger hatte bereits länger darüber nachgedacht, zu ihrem Lebensgefährten Ludwig Hilberseimer in die USA zu emigrieren. Dort wollte sie einem Ruf László Moholy-Nagys an das „New Bauhaus“ in Chicago folgen. Doch zunächst kehrte sie nach einer letzten gemeinsamen Reise mit Ludwig durch Südosteuropa im August 1938 in ihre Heimat nach Zmajevac zurück. Der Ort lag nun, nach den großen territorialen Umwälzungen in der Folge des Ersten Weltkriegs, in der Region Baranja, einer Grenzregion des Königreichs Jugoslawien zu Ungarn. Dort kümmerte sich Otti Berger um ihre kranke Mutter. In ihrem ersten Brief an Ludwig Hilberseimer beschrieb sie die ihr unwirklich erscheinende Situation, mit dem Flugzeug von England nach Prag über das „Dritte Reich“ zu fliegen. Zu diesem Zeitpunkt war Otti trotz deutlicher Warnsignale noch zuversichtlich, bald zu ihrem Lebensgefährten in die USA reisen zu können.
Im Zeichen der Annäherung des Königreichs Jugoslawien an das nationalsozialistische Deutschland kam es dort ab 1939 zu ersten antijüdischen Gesetzen, die vor allem auf die Beschneidung gesellschaftlicher Teilhabe in den Bereichen Wirtschaft und Bildung abzielten. Dennoch blieb der jugoslawische Staat für europäische Jüdinnen und Juden bis 1941 ein relativ sicherer Zufluchtsort. So dürfte sich auch Otti Berger weiterhin in Sicherheit gewogen haben.
Doch saß sie in Jugoslawien fest, da sie für die USA kein Einreise-Visum erhielt. Otti vermutete, dass sie aufgrund der seit ihrer Kindheit bestehenden Hörbehinderung nicht ins Land gelassen werden sollte.
In ihren Briefen an Hilberseimer wandelte sich die zuerst noch vorherrschende Zuversicht nach und nach in Traurigkeit, Schrecken und Realisierung der prekären Lage. So schrieb Otti Berger bereits Ende 1938 von ihrem starken Gewichtsverlust, berichtete von „fürchterlichem Antisemitismus“ oder beschrieb während einer Reise von Budapest zurück nach Zmajevac beobachtete Zwangsräumungen in den Straßen Wiens.
Zwei Briefe aus dem September 1941 an Ludwig Hilberseimer sind zugleich das letzte bekannte Lebenszeichen von Otti Berger.
Nach dem am 6. April 1941 erfolgten Überfall einer von Deutschland angeführten Koalition auf Jugoslawien, verschärfte sich Ottis Lage gravierend. Der jugoslawische Staat hörte auf zu bestehen und wurde unter den Siegerstaaten aufgeteilt. An Ungarn, das an der Seite Deutschlands in den Krieg eingetreten war, fiel die Region Baranja.
Die ungarischen Jüdinnen und Juden, auch die, die in den neu eingegliederten Territorien lebten, blieben verhältnismäßig lange von der antisemitischen Vernichtungspolitik Deutschlands verschont. Zwar entwickelte auch Ungarn unter dem seit den 1920ern regierenden Admiral Horthy eine zunehmend antisemitische Gesetzgebung – so hatte Ungarn im August 1941 die Nürnberger Rassegesetze quasi kopiert. Dennoch, so der Historiker Saul Friedländer, weigerte sich Horthy „ungeachtet wiederholten deutschen Drängens […] bei seinen antisemitischen Maßnahmen eine gewisse Grenze zu überschreiten.“
Aufgrund mehr oder weniger offener Annäherungen Ungarns an die westlichen Alliierten besetzte Deutschland am 19. März 1944 den ehemaligen Verbündeten. Fortan wurde die „Endlösung der Judenfrage“ unter der Leitung von Adolf Eichmann konsequent durchgesetzt. Bereits im April wurden in vielen Landesteilen Ghettos und Lager für Hunderttausende Jüdinnen und Juden eingerichtet. Fast 70 % der über 800000 jüdischen Ungarinnen und Ungarn wurden ab Mai 1944 deportiert und ermordet. Die meisten von ihnen in Auschwitz . Lediglich die große jüdische Gemeinde in der ungarischen Hauptstadt Budapest blieb vorerst von den Deportationen in die Vernichtung ausgenommen.
Otti Berger, ihre Brüder und ihre Schwägerin Elza (Elizabeth) Berger, geb. Fischer (*1894), mussten im April 1944 ihre Häuser in Zmajevac/Vörösmart verlassen. Sie wurden für fünf Wochen in einem Zwischenlager interniert. In dieser Zeit verstarb Ottis Mutter. Am 29. Mai 1944 wurde die Familie vermutlich über ein Lager in Mohács oder Pécs (Ungarn) nach Auschwitz verschleppt. Dort wurde Otti Berger, wie Hunderttausende weitere ungarische Jüdinnen und Juden die im Frühsommer 1944 dorthin deportiert wurden, wahrscheinlich sofort ermordet.
Aus ihrer Familie überlebte allein ihr Bruder Otto. Er informierte 1945 Ludwig Hilberseimer über das mutmaßliche Schicksal seiner Lebensgefährtin Otti. Otto vermutete, dass seine Schwester aufgrund ihrer Hörbehinderung direkt nach ihrer Ankunft in Auschwitz ermordet worden sei.
Ottis Londoner Besitz – inklusive Musterbüchern und Stoffen – wurde nach 1945 auf Initiative Ludwig Hilbersheimers als Schenkung an das Busch-Reisinger Museum in Harvard sowie an das Art Institute of Chicago überstellt. So sorgte er dafür, dass Ottis Werk der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden konnte.
Für Otti und ihre ebenfalls ermordeten Familienmitglieder wurde auf Initiative ihres Bruders auf dem jüdischen Friedhof von Zmajevac/Vörösmart ein Gedenkstein aufgestellt. Er wurde 2018 an eine Gedenkstätte für verdiente Bürgerinnen und Bürger der Stadt umgesetzt.
Zeitgleich zur Verlegung des Stolpersteins in Berlin fanden von Alexandra Matz initiierte Gedenkveranstaltungen in Zagreb und Zmajevac/Vörösmart statt, die von ebenfalls mit der Erinnerung an Otti Berger beschäftigten Mitstreiter*innen vor Ort durchgeführt wurden.
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