Baisia Bertha Blum geb. Entner

Verlegeort
Mollstraße 31
Historischer Name
Gollnowstraße 42
Bezirk/Ortsteil
Friedrichshain
Verlegedatum
16. Oktober 2024
Geboren
12. Juni 1894 in Radymno (Galizien)
Abgeschoben
von 1939 nach Polen
Ermordet
Biografie

Baisia Bertha Entner kam am 12. Juni 1894 in Radymno in Galizien (damals Teil des Habsburgerreichs) als Tochter des jüdischen Kaufmanns Ichel Entner und dessen Ehefrau Marjam, geb. Repper, zur Welt. Die kleine Stadt Radymno (heute in Polen) liegt 20 km nördlich von Przemyśl, nahe der ukrainischen Grenze. Bertha war das sechste von sieben Kindern, namentlich bekannt sind drei Geschwister: Bernhard (*1885), Zirel (*1890) und Mattias Jacob (*1897). Die Familie übersiedelte um 1910 nach Berlin. Dort wohnten sie nördlich des Alexanderplatzes, in der Mendelssohnstraße, wo sie auch eine Kolonialwarenhandlung betrieben.

Bertha Baisia Entner heiratete am 7. Dezember 1920 den jüdischen Kaufmann Moses Blum, geb. am 13. August 1887 in Mościska (Galizien). Das Ehepaar bekam drei Kinder: Margot (*1924), Alfred (*1926) und Herbert (*1928). Seit Anfang der 1930er Jahre wohnte die Familie in der Gollnowstraße 42 (entspricht heute etwa der Adresse Mollstraße 31). Diese Straße, die die Bezirksgrenze zwischen Mitte und Friedrichshain bildete, existiert seit 1963 nicht mehr. Sie begann an der Neuen Königstraße (heute Otto-Braun-Straße) und verlief in etwa dort, wo sich die Mollstraße heute befindet.

Laut ihrer Tochter Margot betrieben Moses und Bertha Blum mit mehreren Angestellten ein Lebensmittel- und Delikatessengeschäft in der Kastanienallee. Die Familie lebte gutbürgerlich.

Nach 1933 begannen die Blums unter dem zunehmenden Boykott jüdischer Geschäftsleute zu leiden, bis sie schließlich gezwungen waren, ihren Laden aufzugeben. Die Familie lebte dann von ihren Ersparnissen.

Moses Blum wurde am 28. Oktober 1938 im Rahmen der „Polenaktion“ aufgrund seiner polnischen Staatsangehörigkeit verhaftet und in die Grenzstadt Bentschen (Zbąszyń) abgeschoben und interniert.

Die Lebensbedingungen in Zbąszyń waren vor allem in den ersten Tagen und Wochen katastrophal, da die polnischen Grenzbehörden von der Zwangsausweisung überrascht worden und völlig überfordert waren. Allmählich entstand ein Auffanglager mit improvisierten Notunterkünften, in denen mehr als 8.000 Menschen teilweise monatelang festsaßen. Jüdische Hilfsorganisationen, wie z.B. das amerikanische Joint Distribution Committee, unterstützten sie.

Im August 1939 leisteten die in Berlin verbliebenen Familienmitglieder ihrer Ausweisung aus Deutschland Folge: Margot konnte mit einem Kindertransport nach England auswandern, Bertha und die beiden Söhne folgten Moses Blum nach Zbąszyń. Das dortige Flüchtlingslager wurde Mitte August 1939 endgültig aufgelöst.

Moses Blum schreibt an seine Tochter Margot in England am 16. August 1939 aus Zbąszyń: „Wir wissen noch nicht, wann und wohin wir fahren werden. Jedenfalls wenn wir nicht gleich schreiben, so dürftest du nicht nachdenken, weil wir wandern und ohne ein festes Ziel nur so aufs Geratewohl.“ Aus dem Brief geht auch hervor, dass sie noch gehofft hatten, ihre Söhne Alfred und Herbert von Polen aus nach England schicken zu können. Doch diese Hoffnung sollte sich nicht erfüllen, am 1. September 1939 begann der Zweite Weltkrieg mit dem Überfall der deutschen Wehrmacht auf Polen.

1940 lebte die Familie in Lublin, später zogen sie in Moses Blums Geburtsstadt Mościska. Von dort erhielt die Tochter Margot in England 1942 das letzte Lebenszeichen, einen Rot-Kreuz-Brief, danach verliert sich die Spur ihrer Eltern und Brüder.

Nach dem Überfall auf die Sowjetunion im Juni 1941 wurde Mościska von der deutschen Wehrmacht besetzt und ein Ghetto für die jüdische Bevölkerung errichtet. Möglicherweise gehörten Moses, Bertha, Alfred und Herbert Blum zu den 3.000 Juden der Stadt, die im Oktober 1942 in das Vernichtungslager Belzec deportiert und ermordet wurden.

Berthas Bruder Mattias Jacob Entner war nach Frankreich ausgewandert. Er wurde im Lager Ruffieux interniert und über das Durchgangslager Drancy am 26. August 1942 nach Auschwitz deportiert und ermordet. Der Bruder Bernhard Entner war am 29. April 1940 im KZ Stutthof ums Leben gekommen. Die Schwester Zirel war nach Palästina emigriert.