Ruth Neumann née Philippsborn

Location 
Rigaer Straße 108
Historical name
Rigaer Straße 107
District
Friedrichshain
Stone was laid
23 September 2024
Born
23 December 1910 in Tempelburg (Pommern) / Czaplinek
Survived
Biography

Ruth Philippsborn kam am 23. Dezember 1910 in Tempelburg in der preußischen Provinz Pommern als Tochter des jüdischen Fleischermeisters Arthur Philippsborn und dessen Ehefrau Rosalie, geb. Bernstein, zur Welt. Die kleine Stadt Tempelburg (polnisch Czaplinek) liegt 110 km östlich von Stettin. Ruth hatte noch zwei ältere Brüder: Paul (*1905) und Erwin (*1908).

Ihr Vater Arthur Philippsborn übersiedelte nach dem Ersten Weltkrieg in die Reichshauptstadt, wo er 1920 eine Firma für Korsettfurnituren und Strumpfhalter gründete, die sich in der Wilmersdorfer Straße 86 in Charlottenburg befand. Ob auch seine Ehefrau und die Kinder damals mit ihm nach Berlin zogen, ist nicht sicher: Von Erwin ist bekannt, dass er in Tempelburg bis 1925 die Schule besuchte und anschließend eine kaufmännische Lehre in der Kleinstadt Bärwalde absolvierte, die 24 km nördlich von Tempelburg liegt. Er übersiedelte erst 1930 nach Berlin, zu diesem Zeitpunkt wohnten wahrscheinlich auch seine Mutter und die Geschwister schon dort.

Ruth Philippsborn heiratete am 20. Februar 1934 in Berlin den Maschinenschlosser Emil Neumann, geb. am 4. Juli 1905 in Klein-Röbern (Westpreußen). Zum Zeitpunkt der Hochzeit arbeitete Ruth als Hausangestellte und Emil Neumann als Kino-Kontrolleur.

Am 2. August 1934 wurde die Tochter Ingrid, am 8. April 1938 Helga geboren. Die Familie lebte seit Mitte der 1930er Jahre in der Rigaer Straße 107 (= Weidenweg 35). Im selben Haus lebten auch Ruths Mutter Rosalie Philippsborn sowie ihre Brüder Paul und Erwin. Die Ehe von Ruths Eltern war 1935 geschieden worden und ihr Vater heiratete 1939 die verwitwete Frieda Ehrlich, geb. Lachmann, geb. 1883 in Ratibor (Schlesien).

Nach der Machtübergabe an die Nationalsozialisten 1933 hatte die schrittweise Entrechtung und Verfolgung von Juden begonnen. Ruth war davor zunächst geschützt, weil sie in einer sogenannten „privilegierten Mischehe“ lebte – ihr Mann war nichtjüdisch. Dennoch war die Familie Repressalien ausgesetzt.

Ruths Vater Arthur Philippsborn wurde mit seiner zweiten Ehefrau Frieda, geb. Lachmann, am 24. Oktober 1941 mit dem 2. Osttransport in das Ghetto Lodz deportiert, wo er am 1. März 1942 ums Leben kam. Frieda Philippsborn wurde am 14. Mai 1942 in das Vernichtungslager Kulmhof verschleppt und ermordet.

Ruths Mutter, die zuletzt mit ihrem Sohn Erwin in der Fruchtstraße 37 (heute Straße der Pariser Kommune) wohnte, wurde Ende August 1942 abgeholt. Ruth Neumann gibt nach dem Krieg gegenüber dem Entschädigungsamt an: „Daraufhin suchte mein Bruder mich sofort in größter Panik auf und ich konnte ihn nur mit Mühe davon abbringen, sich das Leben zu nehmen.“

Rosalie Philippsborn wurde am 5. September 1942 mit dem 19. Osttransport nach Riga verschleppt und gleich nach ihrer Ankunft am 8. September ermordet.

Ruth bemühte sich, ihren Bruder vor der Deportation zu bewahren und erhielt durch Bekannte die Adresse eines in Wien wohnenden Ungarn, der Menschen über die grüne Grenze nach Ungarn brachte. Erwin Philippsborn flüchtete daraufhin im September 1942 nach Wien, wo er kurz nach seiner Ankunft verhaftet und inhaftiert wurde. Er wurde am 5. Januar 1943 nach Theresienstadt deportiert, wo sich seine Spur verliert. Erwin Philippsborn wurde zu einem unbekannten Zeitpunkt ermordet.

Ruths Bruder Paul Philippsborn hatte 1941 Annemarie Herzfeld geheiratet und wurde mit seiner Ehefrau am 4. März 1943 mit dem 34. Osttransport nach Auschwitz verschleppt, wo sie zur Zwangsarbeit in Auschwitz III-Monowitz selektiert wurden. Der Alltag der Häftlinge dort war bestimmt durch körperliche Schwerstarbeit bei unzureichender Kleidung, Ernährung und Unterbringung, wobei die Arbeitssklaven überdies den Übergriffen von Kapos und Wachmannschaften ausgesetzt waren. Ruth schickte ihrem Bruder nach Monowitz Pakete. Von Paul Philippsborn sind noch einige Karten erhalten, die er an seine Schwester in Berlin sandte. Am 30. Januar 1944 schreibt er: „... Bin bei bester Gesundheit ...“ – die Post wurde zensiert. Paul und Annemarie Philippsborn wurden zu einem unbekannten Zeitpunkt ermordet.

Ab Herbst 1944 wurden 10.000–20.000 sogenannte „Halbjuden“ und Personen, die mit Juden verheiratet waren, für die „Organisation Todt“ (OT), eine paramilitärische Bautruppe im NS-Staat, zwangsrekrutiert und in OT-Lager verbracht, darunter auch Ruths Ehemann: Emil Neumann wurde Mitte Oktober 1944 aufgefordert, sich im OT-Lager Eichkamp zu melden, verhaftet und unter Bewachung von SS und OT-Mitgliedern per Bahn in das OT-Lager nach Burg bei Magdeburg gebracht. Dort musste er als Bauhilfsarbeiter Erdarbeiten verrichten. Als die alliierten Truppen Mitte April 1945 näherrückten, gelang es den OT-Häftlingen zu fliehen, nachdem die Lagerleitung das Lager verlassen hatte. Emil Neumann kehrte nach Berlin zurück.

Nach dem Krieg wohnte die Familie Neumann in der Grellstraße 40 im Prenzlauer Berg, bis sie 1949 nach Israel auswanderten. Emil Neumann konvertierte zum Judentum und arbeitete als Schlosser in einer Eisengießerei. Die Familie lebte in Akko.