Alfred Joachim Silberstein wurde am 7. August 1897 als ältester von zwei Söhnen des Kaufmanns Eugen Silberstein und dessen Ehefrau Jette, geb. Ascher, geboren. Er kam in der Wohnung der Eltern in der Goethestr. 58 in Charlottenburg (damals noch bei Berlin) zur Welt. Ihm folgte am 9. März 1900 sein Bruder Johann Philipp. Die Familie wohnte bis etwa 1907 unter verschiedenen Adressen in Charlottenburg. Ab der Ausgabe 1907 finden wir Vater Eugen Silberstein dann in Berlin-Mitte. Er betrieb in der Münzstraße 1 gemeinsam mit Hermann Kulke ein Bank-, Wechsel- und Lotteriegeschäft. Im Jahre 1916 zogen Eugen, Jette und die Kinder dann in die Schönhauser Allee 144, II. Etage, in Berlin-Prenzlauer Berg.
Alfred war vermutlich ein sehr guter und zielstrebiger Schüler. Zwischen 1914 und 1916 wurde Alfred Silberstein als Kriegsteilnehmer im 1. Weltkrieg verwundet. Im Mai 1916 konnte er sich an der Königlichen Friedrichs-Wilhelm-Universität zu Berlin (heute Humboldt-Universität) an der Juristischen Fakultät unter der Nr. 2246/106 immatrikulieren. Er studierte dort bis zum 7. März 1921. Sowohl die Immatrikulations- als auch die Exmatrikulationsbescheinigungen befinden sich noch heute in Familienbesitz. Im März 1923 promovierte Alfred an der Universität Breslau mit dem Thema „Zum Rechtsbegriff der clausula rebus sic stantibus“. Diese Arbeit ist noch heute im Archiv der Humboldt-Universität einsehbar.
Dr. Alfred Silberstein eröffnete 1926 eine selbständige Rechtsanwaltskanzlei in der Burgstraße 29 im Bürohaus der Börse – so ab dem Adressbuch Berlin von 1927 nachweisbar. Am 26. Dezember 1929 heiratete er die drei Jahre jüngere Käthe Crohn. Von 1930 bis 1939 lebte die Familie Silberstein dann unter der Anschrift Schönhauser Allee 144, wie aus den Berliner Adressbüchern hervorgeht. Im Januar 1931 wurde ihr Sohn Walter Horst geboren.
Mit der Machtübernahme der Nazis in Deutschland wurden auch für die Silbersteins die Lebensumstände immer dramatischer. Als jüdische Familie wurden sie in den Folgejahren systematisch entrechtet, enteignet und verfolgt.
So wurde auch dem Rechtsanwalt und Notar Dr. Alfred Silberstein die Ausübung seines Berufes verboten. Da er im 1. Weltkrieg gekämpft hatte, unterlag er einer Ausnahmeregelung, die dieses Berufsverbot nicht „schon“ 1933, sondern „erst“ 1938 in Kraft setzte. Nach der Pogromnacht im November 1938 wurde Alfred von einem Bekannten mit Papieren versehen, die ihm und seiner Familie eine legale Ausreise aus Nazi-Deutschland ermöglichten. Im März 1939 hatten die Silbersteins alle notwendigen Papiere zur Ausreise beisammen, alle Formalitäten zur Auflösung der Wohnung waren erledigt.
In dieser kritischen Situation verstarb Alfreds Vater Eugen am 5. April 1939 im Jüdischen Krankenhaus Wedding. Nur fünf Tage nach seinem Tod gelang Alfred am 10. April 1939 die Flucht aus Deutschland. Gemeinsam mit der verwitweten Mutter, seiner Frau Käthe, dem achtjährigen Sohn Horst sowie der Schwiegermutter Lieschen Crohn, geb. Lewin, gelangte er per Zug über die Schweiz nach Italien. Von dort entkam die Familie mit einem italienischen Passagierdampfer ins chinesische Shanghai, das in jenen Tagen unter internationaler Verwaltung stand. Sogar den Abtransport des Hausrates per Container konnte Alfred noch organisieren – und damit die Existenzgrundlage der Familie in der Emigration in China – sichern.
Ein britisch-chinesischer Vertrag aus dem frühen 19. Jahrhundert sicherte den jüdischen Flüchtlingen aus Europa noch die Einreise nach Shanghai, nachdem bereits alle anderen Länder – mit Ausnahme der Komoren – keine mehr aufnahmen. Nachdem die Stadt Ende 1941 unter japanische Besatzung gefallen war, mussten die dort verbliebenen etwa 20000 europäischen Jüdinnen und Juden ab Ende 1942 in ein „Ghetto“ ziehen. Diese sogenannte Designated Area for Stateless Refugees sah zwar Härten für ihre Bewohner, wie Ausgangssperren und beengte Wohnverhältnisse. Jedoch planten die Japaner nie die Vernichtung der Jüdinnen und Juden in ihrem Herrschaftsbereich. So überlebten die etwa 20000 Geflüchteten in Shanghai den Holocaust in Europa.
Jette Silberstein starb im Mai 1946 noch in Shanghai. Danach konnten Alfred, Käthe, Walter und Schwiegermutter, Lieschen Crohn, in die USA emigrieren. Hier verstarb Alfred im August 1971 in Philadelphia – hoch angesehen für sein soziales Wirken.
Auf Antrag der Familie wurden am 12. Juni 2024 vor dem letzten frei gewählten Berliner Wohnsitz in der Schönhauser Allee 144 für Dr. Alfred Silberstein, seine Frau Käthe, den Sohn Horst sowie für die Eltern, Eugen und Jette Silberstein, geb. Ascher, fünf Stolpersteine verlegt.
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