Jette Silberstein née Ascher

Location 
Schönhauser Allee 144
District
Prenzlauer Berg
Stone was laid
12 June 2024
Born
15 January 1870 in Ritschenwalde (Posen) / Ryczywół
Occupation
Hausfrau
Escape
1939 Shanghai
Survived
Biography

Jette Ascher wurde am 15. Januar 1870 als viertes Kind des Schneiders Hirsch Ascher und dessen Ehefrau Michle, geb. Baruth, in Ritschenwalde bei Posen (heute Ryczywół in Polen) geboren. Dort wurden auch ihre drei älteren Schwestern sowie die jüngere Schwester Röschen zwischen 1865 und 1873 geboren. Etwa 1874 muss der Schneider Hirsch Ascher mit Frau und fünf Töchtern nach Berlin ins „Scheunenviertel“ gezogen sein. Dort wurden 1875 und 1876 in der Dragonerstr. 13 die Töchter, Caroline und Martha, geboren. Ihnen folgte im Jahr 1878 noch das achte Kind – der einzige Sohn – Philipp. Von den acht Kindern starben vier bereits im Kindesalter. Jette wuchs daher nur mit ihren Schwestern Zore (*1865), Pauline (*1866) und Röschen (*1873) auf. 

Jette Ascher heiratete am 7. Oktober 1896 den 1868 in Schlesien geborenen Eugen Silberstein, dessen Familie um 1894 nach Berlin gezogen war. Aus der Eheurkunde wissen wir, dass Jette zu diesem Zeitpunkt noch bei den Eltern in der Dragonerstraße 4 wohnte. Ihr Bräutigam, ein Kaufmann, wohnte bei seiner Mutter Cäcilie in Schöneberg bei Berlin. Eugen und Jette bekamen zwei Söhne. Am 7. August 1897 wurde Alfred Joachim in der Wohnung der Eltern in der Goethestr. 58 in Charlottenburg (damals noch bei Berlin) geboren. Ihm folgte am 9. März 1900 sein Bruder Johann Philipp. Die Familie wohnte bis etwa 1906 unter verschiedenen Adressen in Charlottenburg. Ab der Ausgabe 1907 der Berliner Adressbücher finden wir Eugen Silberstein dann in Berlin-Mitte. Er betrieb in der Münzstraße 1 gemeinsam mit Hermann Kulke ein Bank-, Wechsel- und Lotteriegeschäft. 1916 zogen Eugen, Jette und die Kinder dann in die Schönhauser Allee 144, II. Etage in Berlin-Prenzlauer Berg. In den Adressbüchern von 1917 bis 1930 wird Eugen als Kaufmann mit eigenem Telefonanschluss aufgeführt. Von 1930 bis 1939 verzeichnen die Adressbücher Eugens Sohn, den Rechtsanwalt und Notar Dr. Alfred Silberstein unter dieser Anschrift – vermutlich hat Eugens ältester Sohn die Wohnung übernommen.

Mit der Machtübernahme der Nazis in Deutschland wurden auch für die Silbersteins die Lebensumstände immer dramatischer. Als jüdische Familie wurden sie in den Folgejahren systematisch entrechtet, enteignet und verfolgt.

So wurde Jettes Sohn Alfred 1938 – er unterlag einer Ausnahmeregelung für „Frontkämpfer“ des Ersten Weltkriegs, was ihn von den Berufsverboten des Jahres 1933 ausnahm – die Ausübung seines Anwalt- und Notarberufes verboten. Der Grundlage ihrer wirtschaftlichen Existenz beraubt, bemühte sich die Familie Silberstein um die Möglichkeit zur Emigration aus Deutschland. Im März 1939 waren endlich alle notwendigen Papiere zur Ausreise beisammen, alle Formalitäten zur Auflösung der Wohnung waren erledigt.

In dieser kritischen Situation verstarb Jettes Ehemann, Eugen am 5. April 1939 im Jüdischen Krankenhaus Wedding. Er wurde auf dem Jüdischen Friedhof Weissensee bestattet. Sein Grab ist noch heute dort zu finden. Eugen und Jette wohnten laut Sterbeurkunde zu diesem Zeitpunkt in der Martin-Luther-Str. 81 in Berlin-Schöneberg. Im Adressbuch ist Eugen nicht vermerkt – das Ehepaar lebte also dort zur Untermiete. Bei wem und seit wann sie dort wohnten, konnte nicht ermittelt werden. Nur fünf Tage nach Eugens Tod gelang den Silbersteins am 10. April 1939 die Flucht aus Deutschland. Die verwitwete Jette, ihr Sohn Alfred, dessen Frau Käthe und deren achtjähriger Sohn Horst sowie Käthes Mutter Lieschen Crohn, geb. Lewin, reisten per Zug über die Schweiz nach Italien aus. Von dort entkamen sie nur wenige Monate vor Beginn des Zweiten Weltkrieges mit einem italienischen Passagierschiff ins chinesische Shanghai, das in jenen Tagen eine international verwaltete Stadt war. Sogar den Abtransport des Hausrates per Container konnte Alfred noch organisieren – und damit die Existenzgrundlage der Familie in der Emigration in China – sichern. 

Ein britisch-chinesischer Vertrag aus dem frühen 19. Jahrhundert sicherte den jüdischen Flüchtlingen aus Europa noch die Einreise nach Shanghai, nachdem bereits alle anderen Länder – mit Ausnahme der Komoren – keine mehr aufnahmen. Als die Stadt Ende 1941 unter japanische Besatzung gefallen war, mussten die dort verbliebenen europäischen Jüdinnen und Juden ab Ende 1942 in ein „Ghetto“ ziehen. Diese sogenannte Designated Area for Stateless Refugees sah zwar Härten für ihre Bewohner, wie Ausgangssperren und beengte Wohnverhältnisse. Jedoch planten die Japaner nie die Vernichtung der Jüdinnen und Juden in ihrem Herrschaftsbereich. So überlebten die etwa 20000 jüdischen Geflüchteten in Shanghai den Holocaust in Europa.

Jette Silberstein starb im Mai 1946 noch in Shanghai. Danach konnten Alfred, Käthe, Walter und Schwiegermutter, Lieschen Crohn, in die USA emigrieren. Hier verstarb Alfred im August 1971 in Philadelphia – hoch angesehen für sein soziales Wirken. 

Auf Antrag der Familie wurden am 12. Juni 2024 vor dem letzten frei gewählten Berliner Wohnsitz in der Schönhauser Allee 144 für Käthe Silberstein, ihren Mann Dr. Alfred, den Sohn Horst sowie für die Eltern, Eugen und Jette Silberstein, geb. Ascher, fünf Stolpersteine verlegt.