Henriette Dahlheim

Verlegeort
Nassauische Str. 30
Bezirk/Ortsteil
Wilmersdorf
Verlegedatum
29. November 2005
Geboren
14. September 1888 in Berlin
Deportation
am 24. September 1942 nach Raasiku (b. Reval)
Ermordet
in Raasiku (b. Reval)
Biografie

Henriette Hilde Dahlheim wurde am 14. September 1888 in Berlin in der Potsdamer Straße 122 b geboren. Für ihre Eltern, den Kaufmann und Handelsrichter Paul Dahlheim (*12. April 1851) und dessen Ehefrau Emma Dahlheim geborene Jaffé (*1859), war sie das dritte von insgesamt vier Kindern. Ihr sieben Jahre älterer Bruder Franz war ein Jahr vor ihrer Geburt mit sechs Jahren gestorben. Ludwig Erich (*8. Mai 1883) war bei ihrer Geburt fünf Jahre alt. Drei Jahre nach Henriette kam die jüngste Schwester Eva Käthe am 25. Februar 1891 zur Welt.

Wie ihr Bruder Ludwig Erich besuchte wahrscheinlich auch Henriette eine höhere Schule. Sie spielte Klavier und erlernte, wie damals üblich bei höheren Töchtern, keinen Beruf.

Als Henriette 25 Jahre alt war, starb am 30. Januar 1914 ihr Vater Paul Dahlheim mit 62 Jahren. Die Trauerfeier fand in der Von-der-Heydt-Straße 5 in Berlin-Tiergarten statt, wo die Familie damals wohnte. Wie ihr Bruder Franz wurde auch der Vater auf dem Jüdischen Friedhof in Berlin-Weißensee beigesetzt.

Als die Nationalsozialisten 1933 an die Macht kamen, hatte ihr Bruder Ludwig, der in München lebte, mit immer schlechter werdenden Geschäften zu kämpfen. In der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 wurde er von der Gestapo festgesetzt und unter der Häftlingsnummer 21041 im Konzentrationslager Dachau interniert. Nach seiner Entlassung am 6. Dezember 1938 ging er zurück nach Berlin zu seiner Mutter und seinen beiden Schwestern, die inzwischen in der Bamberger Straße 17 in Berlin-Wilmersdorf wohnten. Ende Mai 1939 starb ihre Mutter mit 79 Jahren. Vermutlich zog ihr Bruder Ludwig danach zu Henriette und Eva in die Bamberger Straße 17.

Ludwig Dahlheim und Thea Toller heirateten am 11. Februar 1942 in Berlin-Schmargendorf. Nach der Hochzeit zogen sie am 11. Juni 1942 zusammen mit Henriette und Eva in die Nassauische Straße 30 in eine 2-Zimmer-Wohnung mit Küche im 1. Stock des Gartenhauses. Die Wohnung wurde ihnen von der Wohnungsberatungsstelle der Jüdischen Kultusvereinigung zu Berlin e.V. zugewiesen. Die Vormieterin Regina Seidemann hatte die Gestapo am 28. März 1942 nach Piaski deportiert. Da die Wohnung sich in jüdischem Besitz befand, war sie gemäß Verfügung des Generalbauinspektors für die Reichshauptstadt wieder mit einem jüdischen Hauptmieter zu besetzen. 

Wann genau Henriettes jüngste Schwester Eva Käthe Ernst Nathan Jacobi (*22. Juni 1885) heiratete, ist nicht bekannt. Als Henriette, ihr Bruder Ludwig und ihre Schwägerin Thea den Deportationsbefehl bekamen, gehörte Eva noch zum Haushalt, wurde aber nicht mit deportiert.

Mitte September 1942 mussten sie ihre Vermögenserklärungen ausfüllen und sich für die Deportation in der als Sammelstelle missbrauchten Synagoge in der Levetzowstraße einfinden.

Zusammen mit 1.046 jüdischen Menschen deportierte die Gestapo Henriette, Ludwig und Thea Dahlheim am 26. September 1942 vom Berliner Bahnhof Putlitzstraße nach Raasiku, 28 km südöstlich von Reval (Tallin, Estland). Viele der Deportierten wurden unmittelbar nach der Ankunft am 30. September 1942 mit Bussen in die nahe gelegenen Ostseedünen oder in das Waldgebiet Kalevi-Liiva gebracht und dort ermordet. Henriette Dahlheim starb mit 54 Jahren.

Unter den beschlagnahmten Gegenständen aus der Wohnung der Dahlheims befand sich Henriettes Klavier, welches von der Vermögensverwertungsstelle für 500 RM verkauft wurde. 

In der Vermögensakte von Ludwig Dahlheim fand sich ein Schreiben des Finanzamtes Wilmersdorf-Nord, in dem darauf aufmerksam gemacht wurde, dass Fräulein Henriette Dahlheim noch Vermögenssteuer in Höhe von 55 RM zu zahlen habe. Die Devisenstelle hob am 11. Dezember 1942 die Sicherungsanordnung vom 6. Januar 1941 gegen Fräulein Henriette Dahlheim auf, da die erfassten Vermögenswerte aufgrund der „Abwanderung nach dem Osten“ dem Reich verfallen waren.

Henriettes jüngere Schwester Eva Käthe und Ernst Nathan Jacobi wohnten nach Henriettes Deportation zur Untermiete bei Herrn oder Frau Strelitz im III. Stock des Hinterhauses An der Stechbahn 3-4 in Berlin-Mitte. Sie wurden am 19. Februar 1943 nach Auschwitz deportiert, wo auch sie ermordet wurden.