Regina Seidemann wurde am 11. Februar 1879 als Regina Hirschfeld zusammen mit ihrem Zwillingsbruder Willi in Hirschberg (Jelenia Góra, Polen) im Riesengebirge in Niederschlesien geboren. Für ihre Eltern, den Kaufmann Herrmann Hirschfeld (*1846) und dessen Ehefrau Emma Hirschfeld geborene Wolfsohn, waren sie die beiden jüngsten von insgesamt vier Kindern. Ihr ältester Bruder Berthold (*1875) war bei ihrer Geburt vier Jahre und ihr Bruder Jean (*9. Oktober 1877) zwei Jahre alt.
Wann und wo Regina ihren späteren Ehemann, den aus Pyritz in Pommern stammenden praktischen Arzt und Doktor der Medizin Samuel (Sally) Cohn (*2. Mai 1869) kennenlernte, ist nicht bekannt. Vermutlich war Samuel ein Kommilitone ihres älteren Bruders Berthold, der ebenfalls in Berlin Medizin studiert hatte. Regina und Samuel heirateten am 16. Januar 1899 in Hirschberg. Regina war erst 19 Jahre alt. 1901 wurde ihr erstes Kind Erich geboren. Zwei Jahre später, am 13. Dezember 1903, wurden sie Eltern ihrer Tochter Hertha in der Sedanstraße 1 in Schöneberg bei Berlin. Die Ehe mit Samuel Cohn wurde am 13. Juni 1911 geschieden.
Am 24. September 1912 heiratete Regina in zweiter Ehe den aus Bärwalde (Barwice, Polen) im Kreis Neustettin in Pommern stammenden Kaufmann Max Casparius (*6. November 1878). Regina wohnte damals in der Neuen Winterfeldstraße 18 in Schöneberg und er in der Sybelstraße 28 in Charlottenburg. Nach der Eheschließung bezogen sie eine gemeinsame Wohnung in der Duisburger Straße 3 in Wilmersdorf. Max war Mitinhaber der Firma „Casparius und Levinthal, Trikotagen, Handschuhe und Strumpfwaren“ in der Spandauer Straße 6.
Am 15. April 1932 starb mit 57 Jahren der älteste Bruder Dr. med. Berthold Hirschfeld. Seine evangelische Ehefrau Anna geborene Schewe (*10. Oktober 1881) wurde mit 50 Jahren Witwe.
Kurz nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten starb am 6. Juni 1933 der Vater von Reginas Kindern, Dr. Samuel Cohn, mit 64 Jahren. Ihre Tochter Hertha wanderte daraufhin nach Tel Aviv in Palästina aus.
Max Casparius starb unerwartet mit 57 Jahren am 14. Februar 1936. Regina wurde mit 56 Jahre Witwe. Sie wohnte damals in der Küstriner Straße 23 in Berlin-Wilmersdorf. Am 4. Oktober 1937 starb mit 92 Jahren ihre Mutter in Hirschberg. Kurz nach der Reichspogromnacht am 9. November 1938 wurde in Hirschberg ihr Bruder Jean verhaftet und im Konzentrationslager Sachsenhausen interniert. Nach seiner Entlassung flüchtete er 1939 nach Amsterdam in den Niederlanden.
Regina heiratete am 10. August 1939 in dritter Ehe den aus Beuthen in Oberschlesien stammenden Steinsetzmeister Hermann Seidemann (*26. Juni 1875). Hermann war mit 62 Jahren Witwer geworden. Seine Ehefrau Bertha war am 10. Oktober 1937 in der Nassauischen Straße 30 gestorben.
Regina war schon am 1. August zu ihm in die Nassauische Straße 30 in den 1. Stock des Gartenhauses gezogen. Auch ihre Schwägerin Anna, die Witwe ihres ältesten Bruders Berthold, heiratete erneut am 27. Januar 1940 in zweiter Ehe den Apotheker Dr. phil. Wilhelm Kreuder. Diese Ehe war nur kurz, gut zwei Monate später, am 16. April 1940, starb Anna Kreuder, verwitwete Hirschfeld, an einer Herzlähmung. Sie vererbte Regina 5.368 RM. Ein halbes Jahr später, am 16. Oktober 1940, starb auch Hermann Seidemann an Herzmuskelentartung und einer Blutadergeschwulst. Zum zweiten Mal wurde Regina Witwe.
Vermutlich wurde 1941 die 76-jährige ehemalige Lehrerin Adele Alifeld in ihre Wohnung zwangsweise eingewiesen. Regina Seidemann und Adele Alifeld bildeten bis März 1942 einen Haushalt. Am 13. März 1942 wurde Regina aufgefordert, eine Vermögenserklärung auszufüllen. Auf die Frage, welche Familienangehörige schon ausgewandert seien und wohin, gab sie an, dass ihre Tochter in Tel Aviv sei und ihr Sohn in New York in den USA.
Die Gestapo deportierte Regina Seidemann mit dem „11. Osttransport" am 28. März 1942 von Berlin in das Ghetto Piaski. Mit 63 Jahren verlor sich dort ihre Spur.
Ihr älterer Bruder Jean, der nach Amsterdam geflüchtet war, wurde 1942 im Durchgangslager Westerbork interniert. Am 1. Juni 1943 deportierte die Gestapo ihn in das Vernichtungslager Sobibor, wo sie ihn am 4. Juni 1943 mit 63 Jahren ermordeten.
Ihr Zwillingsbruder Willy überlebte den Holocaust .
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